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Superfood, SUP, Influencer – was bleibt von den Zehnerjahren?
Aus Kultur Webvideos vom 29.12.2019.
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Abgesang auf die Zehnerjahre Airpods, Influencer, Superfood: Das kann uns gestohlen bleiben

Die Zehnerjahre haben einiges hervorgebracht, was die Welt nicht braucht. Wir fordern deshalb: Schleunigst weg mit diesen 12 Dingen! Ein Assortiment des Ärgerlichen.

Airpods: Unerhörte Dinger

Unscheinbare Kleider, unauffällige Möbel, ultradünne Smartphones: Für den Menschen von heute gehören schlichte Dinge zum guten Ton. Wer in ist, gibt für Reduziertes Geld aus – und kauft sich auch mal Airpods, diese weissen Ohrstöpsel, die schlicht scheisse aussehen.

Airpods sind Zeugen einer Zeit, in der sich möglichst keiner auf dem Weg des Fortschritts in Kabel verheddern will. Auf der Strasse, im Büro oder im Supermarkt machen denn Airpod-Aficionadas immer zwei Sachen gleichzeitig: Sie tweeten und telefonieren, kaufen und kommunizieren, schlendern und schreien. Oder schimpfen sie etwa schon mit sich selbst?

Marmorstatue mit Airpod im Ohr
Legende: Ein ästhetischer Betriebsunfall aus dem Hause Apple, in billiges Plastik gegossen: der Airpod. Bitte wegstecken. Getty Images / Bildmontage

Doch was verzapfe ich da! Für Multitasker, die ihre Hände stets frei für neue Aufgaben und ihr Leben im Griff haben, mögen sie ja furchtbar praktisch sein. Die wirklich wichtige Frage ist jedoch: Hat das Stil, wenn die depperten Dinger aus den Ohren lampen? Ich fürchte nicht. Steckt sie also weg. Für immer.

Danja Nüesch

Craft Beer: Das Fass läuft über

Es ist nicht lange her, da liess sich Schweizer Bierkultur mit einem einzigen Wort zusammenfassen: «Stange». Dieses Wort sagte man in der Bar und erhielt – zack – ein Bier.

Irgendwann merkte aber auch der Schweizer, dass es auch noch andere Biere als das Helle gibt. Viel zu hören war von einem gewissen «India Pale Ale», das Connaisseurs in urbanen Hipster-Bars bald allenthalben zu bestellen pflegten. Das schmeckt nicht nur anders, da kann man auch super drüber reden: «Kommt im Fall gar nicht aus Indien, das Äipiiei.»

Bald bauten die coolen Bierbars neben dem IPA-Zapfhahn noch weitere in ihre Tresen: American Pale Ales gab es dann. Stouts. Rote, braune, schwarze Ales. Biere, die nach Schokolade oder Mango schmeckten.

Gegen Vielfalt ist nichts einzuwenden. Nur sind in Bars, in denen über Hopfungsgrad und Untergärung diskutiert wird, auch die Preise obergärig. Und die Biere werden im Dienste der Vielfalt gerne auch mal um die halbe Welt geflogen.

Die Craft-Biere haben Biertrinken so kompliziert wie das Weintrinken gemacht. Bestellt man eine Stange, erntet man verachtende Blicke: «Such dir bitteschön eins von unseren 100 fünfzehnfränkigen Bieren aus. Unser Chefzapfer kann dir gerne weiterhelfen, der hat nämlich 'nen Doktor in Brauwissenschaft.»

Aber ich will doch nur eine Stange für 3.50. Danke, stimmt so. Prost.

Andres Hutter

«Nice»: Nein, ich bin nicht gut damit

«Das ist natürlich nicht nice von der Niceigkeit her», lächelte die Lady. «My words», sagte ich und checkte schnell mein Sprachzentrum. Daddelten wir schon dieses depperte «Denglisch», oder war das noch neo-normales Derzeit-Deutsch?

Nichts gegen Freund Sprachwandel. Ich bewundere beispielsweise die Schönheit und Sprengkraft im charmant-schlichten Schweizerdeutsch der Balkan-Boys. «Gömmer Döner.» Yummie. «Gömmer Denner.» Ganz dringend. «Gömmer Usgang.» Darf ich mit?

Eine Marmorstatue sagt zur anderen: Nice Bro.
Legende: Nicht jeder Quick Win macht sprachlich Sinn. Sind wir da auf derselben Seite? Also: weg damit. Asap. Getty Images / Bildmontage

Im Grunde meines Scherzens stört mich nicht die Bohne, dass das Deutsch zuhörends englischer wird. Ich schlucke sogar ein Monster wie «mentionen». Aber können wir, gerne nachhaltig, diese wörtlich übersetzten Wendungen à la «am Ende des Tages» im alten Jahrzehnt entsorgen?

Die sind ja schwer angesagt. Man hört sie meistens aus dem Munde jener Moleskine-Menschen, die ihren vermeintlich begriffsstutzigen Untergebenen beweisen wollen, dass die «Weiterbildungs Workshops» im befreundeten Ausland nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen sind. Nope, «ich bin nicht gut damit». Ich werde sowas nicht «nice» finden. Never.

Stefan Gubser

Sprachnachricht: Effizient wie eine Flaschenpost

Dieser technologische Rückschritt, den uns Whatsapp und Konsorten als Innovation verkaufen, gehört ins Museum. Weshalb? Wir erklären es in einer Sprachnachricht.

Lukas Keller

Superfoods: Was für ein Kohl!

Wussten Sie, dass die Açaí-Beere auch einen deutschen Namen hat? Es ist die Frucht der Kohlpalme. Nur: Kohlpalmenbeere. Na, Sie sehen das Problem, so eine Frucht zu vermarkten.

Kohl klingt zu sehr nach deftigem Eintopf mit Wurst, nach Nachkriegsgemüse, nach dem Grünzeug, das immer als letztes im Gemüsekorb zurückbleibt. Aber, findigen Marketingexperten sei Dank: Grünkohl heisst heute «Kale».

Marmorstatue mit Beeren in den Haaren
Legende: Açaí, Goji, Kale, Chia, Quinoa, Avocado: womöglich gut für den Körper und wahrscheinlich schlecht für die Umwelt, weil oft um den halben Planeten geschifft. Gesunde Ernährung geht auch ohne Superfoods. Getty Images / Bildmontage

Kale ist ein offizieller Superfood. Er liefert Nährstoffe, Eisen, Eiweiss und – Antioxidantien! Antioxidantien, der Kampfbegriff aller Green-Smoothie trinkenden Spinning-Anhänger. Antioxidantien, die Anti-Terroreinheiten der Superfoods, die mit allen Mitteln gegen freie Radikale in unseren Körpern kämpfen, gegen «oxidativen Stress», gegen das Altern, gegen Fettzellen.

Krankheiten kann Superfood zwar noch nicht heilen, aber Chia-Samen, Goji-Beeren und Co. versprechen uns: Schönheit, Wellness, Wohlbefinden, mehr «Brainpower». Selbst Schuld, wer darauf verzichtet. Wie schafften es eigentlich unsere Grosseltern durchs Leben – ohne Superfoods? Ach stimmt, sie hatten ja Grünkohl.

Kathi Lambrecht

Influencer: Ausfluss statt Einfluss

Seit der Mensch den aufrechten Gang gelernt hat, gibt es Individuen, die die Geschicke der Erdbevölkerung veränderten: Königinnen und Krieger, Entdecker und Erfinderinnen, Poeten und Politikerinnen. Ein Unbekannter erfand das Rad, Homer schrieb die «Ilias», Queen Victoria errichtete ein Weltreich, Marie Curie entdeckte die Radioaktivität. Sie alle beeinflussten nachhaltig den Gang der Geschichte. Sie waren Influencer.

Dann kamen die Zehnerjahre: Influencer preisen heute Lippenstifte an und schlucken Proteinshakes für mehr Muckis. Sie stehen bei Sonnenuntergang am Traumstrand oder fummeln begeistert am neuesten Gadget rum. Ihr Einfluss? Ist eher ein Ausfluss: an Geld aus der Tasche ihrer Follower.

Das ist weder gut noch schlecht – es ist einfach banal. Wir werden sie kaum wieder los, diese Influencer. Aber benennen wir sie doch bitte richtig: Werbemarionetten – «Ad-Puppets», wenns denn Englisch sein muss. So dürften wir noch ein bisschen Hoffnung hegen, dass wichtigere Menschen als Social-Media-Sternchen das Schicksal der Menschheit beeinflussen.

Patrick Bürgler

Statue mit Selfie-Stick
Legende: Auch ohne Proteinshakes gut in Form: Apollo, Gott des Lichts. Als Influencer hätte er bestimmt eine fantastische Figur gemacht. Getty Images / Bildmontage

Füssling: Keine coole Socke

Ein Füssling, das ist die strumpfgewordene halbe Sache: weder barfuss noch Socke. Ein Rumpf von Strumpf. Für die, die leichtfüssig aussehen wollen, aber beim Gedanken an Stinkmauken kalte Füsse kriegen.

Im Sommer, ok. Werden die Tage kürzer, werden die Socken aber nicht länger. Ein Schal um, die Knöchel frei. Wer schön sein will … Wenn’s das wenigstens wäre! Wie ein Storch im Salat sieht das aus.

Füsslinge werden auch Sneakers-Socken genannt. Das macht die Sache nicht besser, aber ehrlicher. Blicke sollen – von Socken unbeirrt – auf teure Sneakers fallen. «Flanking» heisst’s. Cool.

Nadja Röll

Trap: Es ist kompliziert

Trap ist der Musikstil des Jahrzehnts. Schnelle Hi-Hats. Subbass. Wer hier nichts mehr versteht, der sei beruhigt: Trap ist im Grunde Rap, dessen Lyrics sich hauptsächlich um den Drogenverkauf drehen. «Trap» ist schliesslich der Slang-Ausdruck für einen Ort, an dem Drogen gedealt werden.

Trap ist so populär, dass das Musikgenre sogar in den Feuilletons inflationär auftaucht. Beyoncé? Trap. Donald Glover? Trap. Drake? Trap. Angeblich. Aber Trap ist eine Falle. Zumindest eine begriffliche. Denn Beyoncé verkauft vermutlich keine Drogen – und macht trotzdem Trap? Ja, denn Trap bezeichnet inzwischen eher einen Sound. Aber welchen Sound genau?

«Harlem Shake», Link öffnet in einem neuen Fenster war der Song mit den dominanten House-Riffs, zu dem 2013 Tausende von Menschen zuckend durch die Gegend tanzten. Ein viraler Hit, der auch als Trap bezeichnet wurde, aber mit der Trap-Musik von Genregrössen wie Gucci Mane oder Jeezy etwa so viel zu tun hat, wie AC/DC mit den Ramones.

Musikgenrebezeichnungen und ich – es ist kompliziert. Darum kann ich auf Trap verzichten. Also auf den Begriff. Rap hören kann ich ja trotzdem noch.

Tom Hägler

Punkt Punkt Punkt: Unentschlossen hoch drei ...

Wer noch SMS tippte, musste mit Zeichen haushalten. Whatsapp lässt im Reich der Satzzeichen Anarchismus herrschen: Der einzelne Punkt ist bedroht, im Dreierpack aber en vogue. «Hi…» – hei, ihr drei Pünktchen, ihr geht mir auf den Keks!

Die drei Pünktchen dekorieren Stellen, wo man eigentlich auf den Punkt kommen sollte – aber so viel Endgültigkeit am Satzende nicht traut. «Points de Suspension» heisst das auf Französisch. Dabei suggeriert der Dreipunkt nur Spannung, während er eigentlich bloss Unentschlossenheit und Laberlaune signalisiert. Ein Lückenfüller, wo es keine Lücke braucht. Ein Rattenschwanz, der ratlos macht: Kommt noch was? Ist hier was weggefallen, was mir nicht gefallen hätte?

Noch mehr nerven die drei Punkte nur als Platzhalter, während das Gegenüber eine Nachricht tippt. Man wartet und wartet, hangelt sich entlang der tanzenden Punkte in fernste Gefilde der Fantasie, welche noble Nachricht denn da kommen möge – bis … sie plötzlich verschwinden. Keine Botschaft. Nichts.

Mirja Gabathuler

Marmorstatue mit Airpod im Ohr und Avocado in der Hand
Legende: Mit der Zeit gehen? Muss man nicht immer. Auf gewisse Trends darf man ruhig verzichten. Getty Images / Bildmontage

Ripped Jeans: Das Loch in der Schöpfung

Sie sind der letzte Schrei, weiss das Netz. Das hat auch gleich Tipps: Löcher zum Selbermachen. Früher brauchte man dazu kein Netz. Wer sich auf die Nase legte, der hatte eins auf dem Knie, bei Volltreffern auf beiden.

Wer rechnen musste, flickte. Mit der geflickten Schande musste man umherlaufen. Jeder konnte sehen, wie dämlich er oder sie gewesen war. Und wie wenig Geld man hatte.

Heute ist die Schande weg, das Loch wird für Geld erstanden: gekaufte Armut, Kaputtsein als Accessoire. Kein Statement, nur sinnentleerte Punk-Pose pubertierender Pennälerinnen, die Wincent Weiss hören und von Punk nicht den Allerblassesten haben.

Apropos blass. Vor Kurzem sah ich einen Mann allerreifsten Alters mit solch fundamentalem Riss im Twill, sonst in geklöppeltes Tuch gewandet und aus dem Riss quoll Blasses, Fleisch. Seinem Alter entsprechend hatte es die Spannkraft verloren und so presste sich mastiges Weiss ins weihnachtsbeleuchtete Zürich. Da verstand ich einen Münchner Satz in seiner tiefsten Bedeutung: «Du schaugst aus wie a kochte Weisswurscht.»

Franz Kasperski

Scripted Reality: Alles fake

Sie heissen «Mitten im Leben» oder «Mein dunkles Geheimnis». Sie laufen im Nachmittagsprogramm gewisser TV-Sender. Und sie erzählen von Dramen, Schicksalen und Skandalen – vom alltäglichen Wahnsinn des echten Lebens.

Dabei ist es «Scripted Reality»: Schauspielernde Laien leiern die Dialoge runter. Gefilmt mit wackeliger Kamera, als ginge es um wahre Begebenheiten. Das ist fies. Denn hier wird nichts Reales nachgespielt. Hier wird uns was vorgespielt.

Die Geschichten, die Menschen – alles frei erfunden. Ein krasser Fake, getarnt als krasse Wirklichkeit. Dieses falsche echte Leben lockt reale Zuschauermassen vor die Bildschirme. Was gesendet wird, wird geguckt. Und was geguckt wird, wird gesendet.

Um diesen Irrsinn zu stoppen, plädiere ich dafür, die Chance zu packen und «Scripted Reality» im alten Jahrzehnt zurückzulassen. Auch aus Selbstschutz. Denn natürlich habe ich mir diese Sendungen nie angeschaut. Und doch manchmal gesehen.

Susanne Bernard

Infinite Scrolling macht mich zum Junkie

Ich halte mich kurz. Denn ich habe keine Zeit. Das Scrollen hat sie mir geklaut. Internetseiten, die sich automatisch erweitern, immer wieder neue Tweets, Bilder und Infos erscheinen lassen – ich kann meine Finger nicht davon lassen. Wischen. Wiederholen. Immer wieder.

Dabei werde ich zum Junkie, der nicht einmal zu seinem Stoff kommt. Ich erhasche nur Teile von Geschichten, zugespitzte Titel, flüchtige Eindrücke. Feeds sind wie Schwätzer, die nicht zum Punkt kommen. Sie machen mich fertig, gerade weil sie es selber nie sind. Am liebsten würde ich mit ihnen Schluss machen. Vielleicht 2020?

Ana Matijašević

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