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Legende: Audio 4 Jahre in Berliner Start-ups: Mathilde Ramadier über ihre Erfahrungen als digitale Nomadin abspielen. Laufzeit 15:53 Minuten.
Aus Kontext vom 04.02.2019.
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Digitale Arbeitswelt «Coolness vertuscht bloss die prekären Arbeitsverhältnisse»

Mathilde Ramadier war während vier Jahren für zwölf Betriebe tätig – mal als Freie, mal als Angestellte. Über ihre Erfahrungen als «digitale Nomadin» in Berlin hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie die Szene kritisch beleuchtet.

Mathilde Ramadier spricht darin von einer inszenierten Coolness, einer manipulativen Sprache und einer verlogenen Solidarität in der Szene, welche die prekäre Arbeitssituation verschleiere.

Ein Gespräch über die vermeintliche Lockerheit in einer harschen Arbeitswelt.

Mathilde Ramadier

Mathilde Ramadier

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Mathilde Ramadier, geb. 1987 in Frankreich, hat Philosophie, Psychologie und Design studiert. Danach begann sie als Autorin zu arbeiten und war parallel dazu für verschiedene digitale Start-ups in Berlin tätig. Ihre Erfahrungen als digitale Nomadin hat sie in ihrem Buch «Bienvenue dans le nouveau monde», Link öffnet in einem neuen Fenster (Premier Parallèle, 2017) festgehalten.

SRF: Sie haben in 12 Start-ups gearbeitet. Welche Jobs hielt man dort für Sie bereit?

Mathilde Ramadier: Ich war damals 23 Jahre alt. In den Stellenausschreibungen war von einer «Content Managerin» oder «Redakteurin» die Rede – gesucht wurde immer irgendeine «Managerin».

Aber in Realität musste ich in Excel-Tabellen Stichworte auflisten, um einen Google-Roboter zu füttern. Oder für irgendeine Marketingabteilung die immer gleichen Formulierungen übersetzen.

Die ‹flexiblen Arbeitszeiten› bedeuten oft nichts anderes als Überstunden.

Faktisch waren es Bullshit-Jobs, wie der US-amerikanische Soziologe David Graeber sagt: Arbeiten, die keinen Sinn haben, sondern lediglich der kapitalistischen Wirtschaft dienen.

Eine Frau schreibt auf einen Post-It, der mit vielen anderen an einer Glaswand klebt.
Legende: Mathilde Ramadier sieht die Start-up-Welt kritisch: Statt kreativ zu sein, würden dort auch nur Excel-Tabellen ausgefüllt. Getty Images / Westend61

Die digitale Plattformwirtschaft stellt sich gern als Arbeitswelt mit grossen Freiheiten dar: Arbeiten im Park, im Café oder von zuhause aus – das tönt auf den ersten Blick «cool». Sie sagen, gerade diese Coolness ist ein Problem. Warum?

Die Coolness ist oberflächlich und dient dazu, die prekären Arbeitsverhältnisse zu vertuschen. Die «flexiblen Arbeitszeiten» bedeuten oft nichts anderes als Überstunden.

Es wird eine Scheinwelt inszeniert. Im Firmensitz werden Süssigkeiten angeboten, es gibt Pausenräume, in denen man gamen kann. Dabei wird eine Welt der Kindheit imitiert, was sich auch in der Kommunikation mit Emojis ausdrückt: Die Arbeitskräfte beschreiben ihre Gefühle nur noch mit Smileys, nicht mehr mit Worten. Das ist bedenklich und stimmte mich traurig.

Sie sprechen im Zusammenhang mit digitalen Arbeitsnomaden auch von einer sozialen Verlogenheit. Woran machen Sie diese fest?

Diese zeigt sich in der Sprache der Branche: Es ist die Sprache des Silicon Valley, die voller Superlative und schöner Bilder ist.

Arbeitskräfte werden zu «Helden» stilisiert. Man tut so, als könnte jeder, der sich engagiert, ein Mark Zuckerberg oder ein Jeff Bezos werden. Man tut so, als wäre ein Studium an einer renommierten Universität oder die familiäre Herkunft nicht wichtig. Das stimmt aber nicht.

Am Anfang sieht es aus, als wären Vorgesetzte und Arbeitskollegen Freunde. Doch bald zeigt sich, dass dem nicht so ist.

Die Wahrheit ist, dass die Arbeitskräfte in prekären Verhältnissen sitzen bleiben und der Erfolg einer kleinen Elite zugutekommt. Diese Elite ist weiss, männlich und stammt aus wohlhabenden Familien.

Wie drückt sich das im Arbeitsalltag aus?

Die zwölf Chefs der Start-ups, für die ich gearbeitet habe, waren ohne Ausnahme weisse Männer im Alter zwischen 30 und 45 Jahren und kamen aus Deutschland oder den USA. Man duzt sich, ist locker drauf. Am Anfang sieht es ganz danach aus, als wären Vorgesetzte und Arbeitskollegen Freunde. Doch bald zeigt sich, dass dem nicht so ist.

Ein Chef wollte mich für 500 Euro monatlich arbeiten lassen. Ich lehnte ab. Da fragte er mich: «Mathilde, kannst du nicht oder willst du nicht?» Ich habe diese Frage nicht beantwortet und nahm schon meinen Mantel, um zu gehen.

Die Geschichte des Kapitalismus wiederholt sich hier: Die Kluft zwischen Elite und Arbeitern wird grösser.

Da hielt er mir entgegen: Wenn ich nicht bereit sei, alles zu geben für eine grosse Karriere in dieser Branche, sei es besser, ich würde als Hostess bei einer Messe arbeiten. Als Hostess hätte ich vermutlich tatsächlich besser verdient, aber das war natürlich sehr sexistisch.

Ein Mann mit einem Laptop auf den Knien von oben fotografiert.
Legende: Schöne neue digitale Arbeitswelt? Diese komme nur einer kleinen Elite zugute, meint Mathilde Ramadier. Getty Images / Basak Gurbuz Derman

Sie kommen zum Schluss, dass die neuen digitalen Jobs besser geregelt werden müssten. Was wäre dabei am wichtigsten?

Es braucht einen garantierten Mindestlohn, der allgemein gültig ist und nicht von Fall zu Fall ausgehandelt wird. Auch braucht es das Engagement von Gewerkschaften und Betriebsräten.

Eigentlich ist das, was sich in der digitalen Arbeitswelt zeigt, nichts Neues – neu ist nur der Stil. Es ist vielmehr die Geschichte des Kapitalismus, die sich hier wiederholt: Die Kluft zwischen der Elite und den Leuten, die arbeiten, wird immer grösser.

Das Gespräch führte Sabine Bitter.

13 Kommentare

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  • Kommentar von Mike Baumgartner  (Mike47)
    Wieso erstaunt mich das nicht. Jeder ist sich selbst der Nächste...ganz besonders wohl in den Chefetagen. Die machen sich beim Feierabend-Bierchen sicherlich noch lustig über diejenigen, die tatsächlich für 500 Euro monatlich arbeiten und auf eine Karriere hoffen, die es nie geben wird! Mit Bullshit-Jobs im Lebenslauf macht man nunmal keine Karriere.
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  • Kommentar von Stefan Trasser  (chiggifan)
    Ist es der Fehler der weissen Männer, dass Frauen viel weniger Startups gründen? Es ist halt oft mit niedrigen Löhnen, harter Arbeit und viel Risiko verbunden.
    Dass nach der Umstellung vom humanistischen auf das kapitalistische Weltbild Freundlichkeit, Freundschaft usw. nur noch als Mittel zum Geld sparen verwendet werden, muss niemanden verwundern. Es ist das offiziell unterrichtet Weltbild. Alles dient dem Geld. Wo kein Geld rausschaut, keine Freundlichkeit, Freundschaft, usw.
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  • Kommentar von Tom Duran  (Tom Duran)
    Folgendes Zitat passt doch gut in die Schweiz. Das ist keine Frage der Stelle, das ist unsere Mentalität hier: "Am Anfang sieht es aus, als wären Vorgesetzte und Arbeitskollegen Freunde. Doch bald zeigt sich, dass dem nicht so ist."
    Wer schon mal im Ausland, selbst in Deutschland gearbeitet hat, der will gar nicht mehr zurück. Zumindest was die Lockerheit und die rechtliche Lage angeht. Einzig der Lohn ist leicht höher, noch!
    Es folgt nun sicher: wenn's Dir nicht passt kannst Du ja gehen.
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