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Gesellschaft & Religion Wunschkinder machen

Vater, Mutter, Kind, Spender, Leihmutter: Das Bild der Kleinfamilie hat sich grundlegend geändert. Bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, entscheiden sich immer mehr Menschen für eine künstliche Befruchtung. Was bedeutet das für die Ordnung der Familie?

Winzige Puppe in einem Reagenzglas.
Legende: Dem Leben an sich scheint es egal zu sein, ob es erzwungen oder auf dem sogenannt natürlichen Weg entsteht. Colourbox

Eine Embryologin sucht in hoher Geschwindigkeit ein besonders geeignetes Spermium aus, saugt es mit der Pipette ein und bringt es zur Eizelle in die Petrischale. Nach der Befruchtung wird die bereits vielfach geteilte Zelle in die Gebärmutter der Frau transferiert. Der Autor Andreas Bernard ist für die Recherche zu seinem Buch «Kinder machen» dabei. Die Embryologin gesteht ihm eine Sorge: Kann diese Art von Entstehung spurlos an einem Lebewesen vorbeigehen? Studien zeigen keine Abweichungen von konventionell gezeugten Gleichaltrigen. Dem Leben an sich scheint es egal zu sein, ob es erzwungen oder auf dem sogenannt natürlichen Weg entsteht.

Alltag der Reproduktionsmedizin

Ein halbes Jahrhundert nach der Gründung der ersten Samenbanken in den USA, und 35 Jahre nach den ersten in vitro gezeugten Babies, gehören diese Techniken zum Alltag der Reproduktionsmedizin. In den USA wurde die Leihmutterschaft als dritte Möglichkeit in die Reproduktionstechnologie eingeführt. Eine Variante, die übrigens in der Schweiz und vielen anderen europäischen Ländern verboten ist. In den USA sah man, dass es Probleme mit der Leihmutterschaft gibt. Immerhin ist die Leihmutter zur Hälfte mit dem Kind verwandt. Das bringt emotionale Verwicklungen mit sich. Nicht alle Leihmütter waren gewillt, ihr Kind nach der Geburt herzugeben. So suchte man nach einer Lösung.

Die Variante der Tragemutter

Man fand ein Verfahren, das die biologische Verbindung mit dem auszutragenden Kind aufhebt. Das Ei der zukünftigen Mutter muss mit dem Samen des zukünftigen Vaters in den Uterus der Leihmutter, beziehungsweise «nur» noch Tragemutter verpflanzt werden. So begann die Ära der Eizellenspenderin. Ihr entnimmt man hormonell stimulierte Eizellen und setzt diese Patientinnen ohne funktionstüchtige Ovarien zusammen mit dem Samen ihrer Ehemänner ein. Nun können sich Frauen ihren Kinderwunsch beispielsweise auch noch nach dem Klimakterium erfüllen. Neben alten Vätern kann es nun auch alte Mütter geben. Ob das im Dienst der Emanzipation zu sehen ist, darüber schweigt der Autor.

Reproduktionsmedizin im Dienst der Kleinfamilie

Andreas Bernard wendet sich gegen den Schriftsteller Aldous Huxley, der in seinem Buch «Schöne neue Welt» noch vor den Zeiten der Reproduktionsmedizin fand, dass dort, wo Kinder in Gläsern und unabhängig vom Liebesakt gezeugt würden, sich keine freie Gesellschaft entwickeln könnte. Der Autor teilt diese Auffassung nicht. Schliesslich treibe in unserer Zeit keine despotische Regierung die standardisierte Reproduktion voran, sondern Paare wollen freiwillig ihrer Unfruchtbarkeit etwas entgegenstellen. Der Kulturwissenschaftler resümiert nicht ohne Ironie: «Das historisch 200 Jahre alte Idyll der Kleinfamilie wird mit Hilfe der Reproduktionsmedizin aufrechterhalten.»

Buchhinweis

Andreas Bernard: «Kinder machen: Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie. Samenspender Künstliche Befruchtung Leihmütter», S. Fischer, 2014.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Nina Pescatori, Fribourg
    Ich verstehe den Kinderwunsch anderer Frauen: ich würde auch liebend gerne! Ich verstehe aber nicht, dass man sein eigenes Glück über das Glück anderer stellt. Es gibt soviele Kinder auf der Welt, die Hilfe brauchen. Es gibt soviele Menschen, die Medizinische Hilfe brauchen, aber das Geld nicht haben... Warum soll ich so egoistisch sein, und mir eine teuere und unnötige Behandlung gönnen? Wenn ein Leben ohne (halbwegs) eigene Kinder so schwer ist, dann gehe ich lieber zum Psychologen...
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  • Kommentar von M. Bolder, Muhen
    Die Entwicklung von Medizin und Machbarkeitswahn hat eine - wie ich finde - bedenkliche Entwicklung genommen: Auf der einen Seite ist die Abtreibung ungeborener Kinder für einige zur verlängerten Möglichkeit der Schwangerschaftsverhütung verkommen. Andere scheuen keinen Aufwand, den Kinderwunsch mit allen nur erdenklichen Mitteln doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Das zeigt "schön" die Diskrepanz im Leben des modernen Menschen.
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    1. Antwort von M.Schmid, Bern
      Ich sehe kein besonderes Problem bei der Abtreibung oder bei der künstlichen Befruchtung. Das sind tolle medizinische Möglichkeiten, und die Leute wissen ja, auf was sie sich da einlassen? Ich sehe auch keine Diskrepanz. Ja, die einen wollen Abtreiben und die anderen wollen Kinder... aber das sind nicht Leute in der gleichen Lebenssituation - und einfach die Lebenssituation (oder finanzielle Situation) tauschen kann man nicht einfach so.
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  • Kommentar von Bärni P., Fribourg
    Das wird nicht gut gehen. Man sieht schon das die armen Patchworkfamilien nicht glücklich werden. Es gibt nur ein Ideal und alles andere ist in dieser Beziehung falsch. Fertig.
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    1. Antwort von Jo Deichmann, Basel
      Unsere Patchworkfamilie funktioniert fabelhaft...ich finde es traurig, dass man immer allles verallgemeinern muss...und ich bin froh, dass wir in einer Zeit leben wo man medizinisch Paaren mit einem Kinderwunsch verhelfen kann...sonst wäre ich leider kinderlos geblieben...auch da stecken hinter jedem Paar zum Teil traurige Geschichten dahinter..darüber darf niemand urteilen...
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