Zeigt uns Paris den Ausweg aus Öl, Gas und Kohle?

Wir wissen es: Wir alle tragen durch unser tägliches Verhalten zur Klimaerwärmung bei. Zwar gibt es viele Tipps, was sich ändern liesse. Und doch ahnen wir: Es braucht mehr. An der Klimakonferenz in Paris werden gerade die Weichen gestellt, die tatsächlich über unseren künftigen Alltag entscheiden.

Auspuff eines Autos mit rotem Lack.

Bildlegende: Das Ausstossen von CO2 in die Atmosphäre ist in Zukunft nicht mehr gratis. Aber noch streitet man um die Klimaziele. Keystone

  • Studien zeigen: Um die Erderwärmung langfristig zu vermeiden, darf der CO2-Konsum pro Kopf nicht höher sein als eine Tonne.
  • Vier Fünftel aller bekannten Lager an Kohle, Erdgas und Erdöl müssen im Boden bleiben, damit sich die Erde nicht mehr als zwei Grad erwärmt.
  • Tausende Investoren haben bereits umgedacht und in kurzer Zeit 3.4 Billionen Dollar aus der karbonintensiven Wirtschaft abgezogen.

Weniger Fleisch, mehr Leitungswasser

Schon vor Beginn der Klimakonferenz waren die Medien voll davon: Tipps, was man tun kann, um das Klima zu retten. Zum Beispiel vom WWF, der unter dem Titel «Klimakonferenz selbst gemacht» empfahl: Man möge doch die Ferien im Inland verbringen, man solle weniger Fleisch essen, man könne Leitungswasser trinken statt Süssgetränke, man möge mit einem Elektroauto unterwegs sein statt mit einem Benziner.

Oder es gibt Publikationen, die mit technologischen Neuerungen winken, wie etwa der Umwandlung von Schuhen zu Strassenbelägen (Ersparnis pro Schuh: 3,6 Kilogramm CO2). Und sie empfehlen den Gebrauch von kompostierbaren Skateboards (weil sich Plastik erst in 450 Jahren zersetzt) oder von kompostierbaren Drohnen (eine Entwicklung der Nasa).

Eine von Öl, Gas und Kohle durchsetzte Konsumwelt

Man mag sie belächeln, diese Tipps und Anregungen. Aber sie verweisen auf die grundlegende Erkenntnis, dass wir alle in einer durch und durch von Erdöl, aber auch von Erdgas und Kohle durchsetzten Konsumwelt leben. Alles, was wir anfassen, wohin auch immer wir reisen – stets haben wir die Hände auf Plastik, verbrennen wir Öl.

Ganze 6 Tonnen pro Kopf und Jahr an CO2 lassen wir in der Schweiz in die Luft, im Durchschnitt. Daneben investieren auch unsere Pensionskassen in karbonintensive Branchen wie Erdölfirmen, Autohersteller oder Flugunternehmen. Pro Person machen diese Investitionen weitere 6,4 Tonnen CO2-Äquivalent aus.

Eine Tonne CO2 pro Kopf als Zielgrösse

Ein Luxus an Emissionen und an Verbrauch, den nur wir uns leisten können. Weil Milliarden Menschen auf diesem Planeten in Armut und folglich nicht auf unserem Konsumniveau leben. Sie kommen mit ganz wenig Ausstoss an CO2 aus, mit nicht einmal einer Tonne. Grade mal 40 Kilogramm CO2 pro Kopf sind es im Durchschnitt in einem Land wie Mali. In Bangladesh, das von der Klimaerwärmung stark betroffen ist, sind es 370 Kilogramm CO2 pro Kopf.

Auf lange Frist hinaus darf der Konsum pro Kopf nicht höher sein als eine Tonne CO2 pro Kopf. Diese Zahl haben unter anderem die ETH Zürich, Energie Schweiz und Energiestadt Schweiz als Zielgrösse vorgegeben, in Einklang mit internationalen Studien. Mit einer Tonne CO2 pro Kopf kann das Klima längerfristig gut umgehen, das ist längerfristig nachhaltig, damit die Erde sich nicht weiter erwärmt.

Die Dekarbonisierung drängt

Oder anders gesagt: Um zu verhindern, dass sich die Erde mehr als zwei Grad Celsius erwärmt, gemessen am vorindustriellen Zeitalter, müssen rund vier Fünftel aller bekannten Lager an Kohle, Erdgas und Erdöl im Boden bleiben. Denn die Menschheit darf noch rund 565 Milliarden Tonnen CO2 produzieren, dann ist Schluss; in 16 Jahren, also 2023, dürfte der letzte Tropfen Öl verbrannt werden.

Die Zeit also drängt, um in die Wege zu leiten, was ansteht: die Dekarbonisierung der Gesellschaft. Sie wird zu einer Revolution führen, nicht nur bei der Herstellung von Energie, beim Transport, im Flugverkehr, sondern auch in den Herstellungsprozessen für Waren des alltäglichen Gebrauchs. Und damit auch einen enormen Technologie- und Wissensschub auslösen; darauf weisen Experten wie Philippe Thalmann, Professor für Umweltökonomie an der ETH Lausanne und Mitglied des Beratenden Organs für Fragen der Klimaänderung (OcCC), nachdrücklich hin.

Dekarbonisierung wird Staatsaufgabe

Es gibt Konzerne, die das postkarbonische Zeitalter schon mal ausprobieren. BMW zum Beispiel, der seinen elektrischen i3 in einem neuartigen, ressourcenschonenden Verfahren herstellt. Oder Coop, der Grossverteiler, der festgelegt hat, dass man bis ins Jahr 2023 CO2-neutral sein will. Und es gibt mittlerweile tausende Investoren, vom Vermögensverwalter BlackRock über die Stadt Uppsala bis hin zu namhaften Pensionskassen, die in kurzer Zeit 3,4 Billionen Dollar aus der karbonintensiven Wirtschaft abgezogen, also deinvestiert haben.

Wer die Nase vorn hat, wird in Zukunft belohnt. CO2 in die Atmosphäre auszustossen, wird in Zukunft nicht mehr gratis sein. Dekarbonisierung und Deinvestition im Karbonsektor werden in Zukunft zu Staatsaufgaben, also Aufgaben des Gemeinwesens; der Ausstoss von CO2 wird mit stetig höheren Abgaben belegt, damit die Emissionskurven nach unten gehen. Es wird Förderprogramme geben für alternative Antriebe, erneuerbare Energien.

Es braucht verbindliche Ziele

Aber alles hängt von den politischen Rahmenbedingungen ab, und die werden dieser Tage in Paris gesetzt. Nur, wenn sich die Staaten auf ein verbindliches Klimaziel einigen, gibt es für Investoren die nötige Sicherheit, wohin die Reise geht. Sie müssen wissen, ob sie in Zukunft verlässlich in erneuerbare Energien und in weniger karbonintensive Fabrikation von Waren investieren können; ob es sich also lohnt, Turnschuhe zu Strassenbelägen zu recyclen. Insofern wird in Paris tatsächlich über unseren zukünftigen Alltag entschieden.

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