Zum Inhalt springen

Header

Ein Porträt von Tim Guldimann.
Legende: Tim Guldimann arbeitete als Diplomat in Kairo, Tschetschenien, Kroatien, Iran, Kosovo und Berlin. Keystone
Inhalt

Literatur «Es ist nicht lustig, das zu lesen» – Tim Guldimann über «2084»

Der algerische Autor Boualem Sansal hat eine Dystopie zur Herrschaft des Islams in Europa geschrieben. Politikwissenschaftler und Islamkenner Tim Guldimann findet den Roman «2084. Das Ende der Welt» problematisch. Er bediene die Angst vor einer islamistischen Machtübernahme.

SRF Kultur: Sie haben das Buch «2084» gelesen. Worum geht es in dem Roman?

Tim Guldimann: Das Buch nimmt direkt Bezug auf George Orwells «1984», das um das Jahr 1948 unter dem Eindruck des Stalinismus hellsichtig visionär in die Zukunft blickt.

Wenn Sie diese Parallele ziehen, was sieht denn Boualem Sansal kommen in seinem Roman «2084»? Der Stalinismus ist ja vorbei.

Der Totalitarismus ist nicht vorbei. Die Idee vom glücklichen Ende der Geschichte nach 1989, Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaat auf der ganzen Welt, und die Amerikaner, die denken, das machen wir jetzt auch im Mittleren Osten, das alles ist gescheitert. Heute steht das ganz radikal in Frage. Stattdessen gibt es wie bei Houellebecq diese Verunsicherung: Da kommt etwas Fremdes, der Islam, und übernimmt die Herrschaft.

Bei Sansal sehen wir den Totalitarismus von Orwell. Dazu kommt die allgemeine Verunsicherung und ein Gefühl von Kontrollverlust in Europa. Es gibt nicht mehr Rechts und Links, sondern Unten oder Oben – was man gerade in Grossbritannien gesehen hat. Der Bezug zum Islam ergibt die Mischung, aus der heraus ein solches Buch entsteht.

Wie liest sich das Buch?

Es steht in der Tradition der französischen Intellektuellen. Mit dem Vorteil, dass es in einer klaren Sprache geschrieben ist. Wenn die politischen Philosophen in Frankreich etwas zum Besten geben, dann klingt es gut, alles sehr gescheit. Doch man versteht nicht genau, was sie meinen und der Schwindel fliegt auf, wenn man es ins Deutsche übersetzen muss. Das ist in diesem Buch nicht so. Die Sprache ist bei Sansal klar. Es ist eine gute Sprache. Aber ich hatte ein Unbehagen beim Lesen.

Ist das nicht verständlich bei diesem Thema?

Unbehagen als Kunstmittel, ja, aber eben auch Unbehagen beim Lesen. Trotzdem ergeht es mir wie bei den letzten Filmen von Woody Allen. Der Film ist zwar zu Ende, doch etwas bleibt. So wirkt auch dieses Buch nach. Was bleibt, ist der Kulturpessimismus des Autors. Es geht um eine Projektion, wie Totalitarismus auf islamischer Basis denkbar wäre. Ohne dass der Islam explizit im Roman «2084» genannt wird. Ein Modell wie bei neueren Science-Fiction-Romanen.

Das Buch will über Totalitarismus aufklären?

Ja, von diesem Ansatz wird Gebrauch gemacht, aber es gibt keine Erlösung. Was kommt, ist Frustration. Das Buch ist in dem Sinne pessimistisch. Es ist nicht lustig, das zu lesen. Ich habe ein gebrochenes Verhältnis zu diesem Roman. Das bedeutet aber nicht, dass das Buch irrelevant ist.

Halten Sie den Islam für die grosse Bedrohung unserer Zivilisation?

Überhaupt nicht. Der politisierte Islamismus ist nicht der Islam.

Sind Bewegungen wie der IS eine Bedrohung für Europa?

Ja, diese Bewegungen bringen kriminelle Gewalt in unsere Gesellschaft hinein. Natürlich ist das eine Bedrohung. Aber es ist nicht der Islam. Es sind Verbrecher, die ihre Legitimation im Koran abholen. Das sind Überzeugungstäter.

Sansal hat den Gedanken der religiösen Begründung stattlicher Macht. Das ist in diesem Sinne islamistisch. Meine Kritik daran: Der Erfolg des Buches bedient die Angst vor der islamistischen Machtübernahme gleichsam. Das ist gefährlich. Ich habe keine Angst vor der islamistischen Machtübernahme sondern vor islamistischem Terror. Aber ich habe weniger Grund davor Angst zu haben, als die Menschen in Syrien, im Irak oder sonst wo in der Region.

Zur Person

Box aufklappen Box zuklappen

Tim Guldimann ist Schweizer Politikwissenschafter, Diplomat und Politiker. Von 1999 bis 2004 vertrat er als Botschafter die Schweiz im Iran. Danach lehrte er an der Universität Frankfurt über die Beziehungen zur islamischen Welt. 2015 wurde Guldimann in den Nationalrat (SP) gewählt.

Guldimann ist Gast im «Literaturclub» vom 28. Juni.

Buchhinweis

Box aufklappen Box zuklappen

Boualem Sansal: «2084. Das Ende der Welt». Merlin, 2016.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Namor Loser , Embrach
    Über weite Teile hat Herr Guldimann recht. Es ist nicht der Islamismus, sondern der Neoliberalismus das Problem. Dass der Islamismus nicht überhand nimmt können wir steuern, jedoch den Neoliberalismus lässt sich nicht steuern.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Peter Oberholzer , Luzern
    "Ich habe keine Angst vor der islamistischen Machtübernahme sondern vor islamistischem Terror." - Im Ernst? Herr Guldimann sollte vielleicht mal seine Frau fragen, ob sie auch "keine Angst vor der islamistischen Machtübernahme" hat. Wie kann ein Journalist der zwangsgebührenfinanzierten Staatsmedien so etwas unkommentiert durchlassen? Sind wir eigentlich komplett bescheuert? Oder haben Exponenten der politischen Klasse à la Guldimann ihr Hirn ausgeschaltet?
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von P.Meier , Zürich
    Tim Guldimann steckt den Kopf in den Sand, weil das Geschriebene in dem Buch nicht in sein Weltbild passt. Damit leistet er dem radikalen Islamismus Vorschub. Probleme muss man benennen dürfen, um sie zu lösen. Er hingegen relativiert und verharmlost, das macht die Problem nur grösser. Wenn behauptet wird Islamismus hätte nichts mit dem Islam zu tun, dann ist das wie wenn an sagt, Alkoholismus hätte nichts mit Alkohol zu tun.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten