Britten meets Purcell: ungewöhnliche Geschichte einer Komposition

Brittens «The Young Person's Guide to the Orchestra» ist ein Handbuch zur musikalischen Kindererziehung. Britten ging dabei von einem Thema von Henry Purcell aus. Beide Themen hören Sie im Vergleich – und mehr noch: Brittens «Version» in drei unterschiedlichen Interpretationen dreier Orchester.

Portraitaufnahme des britischen Komponisten

Bildlegende: Benjamin Britten interpretiert Henry Purcell - «The Young Person's Guide to the Orchestra» Keystone

«The Young Person's Guide to the Orchestra» ist eine Art Handbuch für junge Leute, wie man sich am besten durch ein Orchester hindurchhört. Komponiert hat es Benjamin Britten 1945 im Auftrag der englischen Regierung. Darin steckt wohl auch ein bisschen die Vorstellung, mit Musik das englisches Nationalbewusstsein zu stärken oder gar seine Stärke zu demonstrieren. Ob man das mit Musik wirklich kann, sei hier dahin gestellt, auf jeden Fall wählt Britten ein Thema eines andern berühmten Engländers aus: Henry Purcell.


Henry Purcells Original

0:53 min, aus Diskothek vom 07.01.2013

Was im 17. Jahrhundert tänzerisch und locker-schlenkernd klang, wird 1945 zu einem bombastischen Stück Musik. Kunststück! Während bei Purcell ein knappes halbes Dutzend spielt, fährt Britten ein ganzes Sinfonieorchester auf.

Britten lässt Bratschen klagen und Klarinetten hüpfen

Dieses Thema nun verändert Britten 15 Mal. Und jedes Mal stellt er dabei ein anderes Instrument in den Mittelpunkt – gemäss seinem Auftrag, der englischen Jugend, das Universum «Sinfonieorchester» zu erklären. So lässt er die Bratschen klagen, die Geigen jagen, die Oboen singen, die Klarinetten hüpfen, die Fagotte klingen drollig-lustig, das Blech gefährlich, und die Perkussion bunt und überraschend wie eine Wundertüte – für jedes Instrument kommt ihm etwas adäquates in den Sinn. Und einmal alles zerpflückt, fügt er es am Schluss wieder zusammen, indem er eine gewaltige Fuge um Henry Purcells Thema herumbaut. Als wolle er sagen: schaut, Purcell ist ein grosser Komponist, aber ich, Benjamin Britten, bin es kein bisschen weniger.

Fünf Aufnahmen im Vergleich – und eine Überraschung

In der «Diskothek» werden jeweils mit zwei Gästen fünf Aufnahmen miteinander verglichen. Immer wieder ergeben sich überraschende, erstaunliche und überaus heitere Situationen. Denn es ist sozusagen ein Blindtest: die Gäste wissen nicht wer spielt. Es ist sogar schon vorgekommen, dass ein Gast seine Lieblingsaufnahme nicht erkannt und gleich in der ersten Runde rausgeschmissen hatte.

Bei Britten hatten die beiden Gäste, der Musikwissenschaftler Chris Walton und die Dirigentin Lena-Lisa Wüstendorfer, einen guten und sicheren Instinkt. Die beiden ersten Aufnahmen, die die fröhliche Runde verliessen, waren Vater und Sohn einer berühmten estnischen Dirigentenfamilie: Neeme und Paavo Järvi. Beide klangen einfach zu matschig, zu schwer, zu gedämpft.

Verwunderung, ja Irritation löste diese Aufnahme aus:

Ein Null-Acht-Fünfzehn-Orchester, ohne besondere instrumentale Fähigkeiten (die zweite Klarinette rennt davon…).

Aber: ein Dirigent, der formt, klare Vorstellungen hat und einem roten Faden entlang gestaltet: Michael Tilson-Thomas und das Youtube-Orchestra.


Britten dirigiert Britten

0:36 min, aus Diskothek vom 07.01.2013

Dann teilte sich die Meinung der beiden Gäste. «Dieser Dirigent hasst das Stück» – die eine – «so wie er das Orchester hindurchjagt. Ein Showman, ein Zirkusdirektor». «Nein!» - die andere – «dieser Dirigent hat schon was, so wie hier mit Herzblut musiziert wird!»

Der Zirkusdirektor mit Herzblut – das war der Komponist selbst: Benjamin Britten. Einstimmigkeit indes bei Simon Rattle und dem City of Birmingham Symphony Orchestra: Schwungvoll, tänzerisch, mit brilliantem Klang, hinreissend und voller Swing.

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