Der Mann, der sein Cello reden lässt

Der holländische Cellist Anner Bylsma war auf dem Weg zur Solisten-Karriere. Doch gegen den Strom hat er sich fürs Barock-Cello entschieden und gilt heute als Pionier der historisierenden Aufführungspraxis. Dieses Jahr feierte Bylsma seinen 80. Geburtstag – und fand endlich Zeit fürs Schreiben.

Der Cellist Anner Bylsma, Cello spielend vor schwarzem Hintergrund.

Bildlegende: Anner Bylsma bei einem Auftritt von Bachs Solokonzerten, 2003. Hiroyuki Ito/Getty Images

Wer den Pablo Casals Wettbewerb gewinnt, den Nobelpreis für Cellisten, der macht in der Regel eine Weltkarriere als Konzertsolist. Nicht so Anner Bylsma, Gewinner des Wettbewerbs von 1959: Nach sechs Jahren Musiker im berühmten königlichen Concertgebouw-Orchesters in Amsterdam, als jüngster Solocellist aller Zeiten, stürzte das Ausnahmetalent in eine Lebenskrise.

Aus der Krise half ihm der Anruf eines jungen, unbekannten Flötisten. Zusammen mit einem anderen Unbekannten, der Cembalo spielte, gründeten sie ein Trio. Der eine Unbekannte hiess Frans Brüggen, der andere Gustav Leonhard. Von da an spielte Anner Bylsma fast nur noch Kammermusik: «Ich mag einfach keine Dirigenten.»

Historisierende Aufführungspraxis

Keine gewöhnliche Kammermusik allerdings. Zusammen mit Musikern wie Brüggen und Leonhard war Bylsma einer der Bahnbrecher der historisierenden Aufführungspraxis. Sie spielten auf Instrumenten, die man in ihren historischen Zustand zurückversetzt hatte. Denn nach der Französischen Revolution waren die alten, für kleine fürstliche Musikkabinette gedachten Barockinstrumente umgebaut worden: So, dass sie in den aus kommerziellen Gründen immer grösser werdenden Musiksälen des entstehenden Musikmarktes laut genug waren.

«Wenn ich Piano spielen will», sagt Bylsma, «stehen mir auf meinem modernen Instrument kaum mehr als zwei Abstufungen zur Verfügung – auf dem Barock-Cello sind es sieben.»

Zu leise für die modernen Musikhallen

Für die modernen Musikhallen sind die alten Instrumente allerdings zu leise. Der heutige Welterfolg der historisierenden Aufführungspraxis verdankt diese paradoxerweise modernster Aufnahmetechnik.

Auf einem Steinway-Flügel oder auf seinem modernen Cello, räumt Bylsma ein, kann man wunderbar «singen». «Das war gut fürs Belcanto-Zeitalter nach der französischen Revolution.» Aber die Musik von Bach oder Mozart, davon ist Bijlsma überzeugt, muss «gesprochen» werden.

Wenn er auf seinem Barockinstrument Bachs Cellosuiten spielt, hört man nicht nur, wie die Finger auf dem Griffbrett trommeln und die gut geharzten Bogenhaare auf den Darmsaiten kratzen. Auf dem alten Instrument entstehen ungeahnt reiche Farben. Es klingt akzentuierter, nuancierter als auf den modernen Nachfolgern. «Ich kann damit eben nicht nur singen», sagt Bijlsma fröhlich. «Ich kann damit auch reden.»

Miteinander reden durchs Musikzieren

Weil es ihm auch ums Miteinander-Reden geht, hat er sein Ensemble «L’Archibudelli» gegründet. 40 Jahre lang ist er mit seiner Frau, der Geigerin Vera Berths, und vielen Freunden in unterschiedlichen Besetzungen mit einem enormen Repertoire durch die Konzertsäle der Welt gezogen. Sie haben miteinander geredet. In der Musik und über die Musik.

2014 ist Bijlsma 80 Jahre geworden. Seit er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr spielen kann, unterrichtet er. «Die Finger wollen nicht mehr. Aber für die Studenten ist im Kopf noch alles da.»

Und endlich hat er auch Zeit fürs Schreiben: Gerade ist das dritte Buch über Bachs Cellosuiten fertig. In der Schublade liegt sogar ein richtiger Roman, er handelt von einem Arzt. Dieser ist Bijlsmas einziger Misserfolg: «Die Kinder durften ihn nicht lesen. Meine Frau wollte nicht. Da habe ich ihn in den Schrank geschmissen.»

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