Die hohe Stimme von Jimmy Scott ist verstummt

Mit Jimmy Scott ist am 12. Juni ein Jazz-Sänger gestorben, der anders war als alle anderen. 88 Jahre alt wurde er, und den grössten Teil davon verbrachte er in der fast-Anonymität: Seine Karriere begann erst in einem Alter, in dem andere an Rückzug denken.

Sänger mit geschlossenen Augen vor einem Mikrophon.

Bildlegende: Jimmy Scott konnte erst im Alter Erfolge verbuchen: Auftritt des Sängers am Montreux Jazz Festival 2001. Keystone

Wer Jimmy Scott zum ersten Mal singen hört, ist zunächst einmal ratlos: Ist das nun eine Frau oder ein Mann? Gleichzeitig trifft einem diese einzigartige Stimme ins Innerste, ihr langsames Tremolo, ihre zuweilen eigenwillige Intonation, die präzise Diktion, seine Art der Phrasierung: Bei Jimmy Scott war nichts zufällig.

Sänger trotz der Stimme eines Halbwüchsigen

Scott kam 1925 zur Welt. Er war Träger einer seltenen Erbkrakheit, dem «Kallmann-Syndrom», die sein Wachstum als Jugendlicher stoppte. Deshalb sein Spitzname «Little Jimmy Scott», und deshalb diese Stimme eines Halbwüchsigen. Scott wurde trotzdem Sänger.

Mit 20 schon sang er in einer der angesagtesten Swingbands jener Zeit, derjenigen von Jimmy Lunceford. Kurz darauf war seine zweite Station das Orchester von Lionel Hampton. Und das war nun die hippste Organisation überhaupt: Ein Durchlauferhitzer, der hochtalentierte junge Musiker im Dutzend ausspuckte: Dexter Gordon, Quincy Jones, Clifford Brown. Der Durchbruch zum Star konnte für Jimmy Scott nur eine Frage der Zeit sein.

Karriere unter schlechtem Stern

Doch der Durchbruch kam nicht. Der Grund war wohl, dass die Plattenfirmen nicht wussten, was sie mit dem jungen Mann mit der hohen Stimme anfangen sollten. Sie probierten alles Mögliche – nur nicht das, was Scott am besten konnte: sogenannte Torch Songs, romantische Balladen, sentimentale Herz-Schmerz-Lieder. Scotts Karriere versandete.

1960 wagte der grosse Ray Charles einen neuen Anlauf. Er produzierte ein Album mit dem Titel «Falling in Love is Wonderful»: beste Arrangeure, hochkarätiges Studioorchester, das perfekte Repertoire, und als Garant sein Name. Das Pech war, dass Jimmy Scott zu diesem Zeitpunkt noch bei einer anderen Marke unter Vertrag war, und der Besitzer dieser Firma klagte. Was dazu führte, dass die fertig gepressten Platten aus den Läden zurückgezogen werden mussten. Nun war endgültig Schluss mit der Gesangskarriere, Jimmy Scott verschwand in der Versenkung. Er soll als Nachtportier gearbeitet haben.

Später Erfolg dank Lou Reed

Was niemand geglaubt hatte, passierte doch noch, 30 Jahre später. Wieder waren prominente «Göttis» am Werk, die an Jimmy Scott glaubten: Der Schauspieler Joe Pesci und der Sänger Lou Reed. Das Album «All the Way» von 1991 hatte nun endlich alles, was es brauchte: Mit 67 Jahren ging der Stern von Little Jimmy Scott auf. Und er leuchtete beinahe 20 Jahre lang.

Letzten Donnerstag ist Little Jimmy Scott 88-jährig in seinem Heim in Las Vegas gestorben.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Nachrichten, 16.6.2014, 08:01 Uhr