Hip-Hop im White Cube: The Rapper Is Present

Kanye West stellt sein Album an der Art Basel vor, Jay-Z performt «Picasso Baby» in einer New Yorker Galerie, der Seriensender HBO bewirbt das dort entstandene Musikvideo mit «A Performance Art Film». Ist Hip-Hop reif für das Museum?

Jay-Z und Beyoncé sind nach den Obamas das glamouröseste Paar der USA. Es geht bei ihnen um Aufstieg durch Arbeit, um gute Ideen und selbstbestimmtes Unternehmertum – also um den amerikanischen Traum. Die Sängerin bringt eine halbe Milliarde Dollar in die Ehe mit, der Rapper macht die andere Hälfte voll. Und Anfang 2012 hat das Paar eine Tochter gekriegt.

Was fehlt da noch im Leben? Nun, ein Picasso wäre schön. «I want a Picasso, in my casa...», rappt Jay-Z auf seinem neuen Album. Das Video zur Single «Picasso Baby» liess er unlängst in der Pace Gallery drehen, mitten in Chelsea, dem Galerienviertel Manhattans. Der Titel des Resultats: «Picasso Baby: A Performance Art Film».

Das ist kein gewöhnlicher Dreh. Sechs Stunden lang führt Jay-Z im weissen Raum und weissen Hemd seinen Track auf: Hinter einer Kordel steht eine aufgedrehte Kulturschickeria und wedelt mit den Telefonen. Nicht gerade die Crowd, die man sonst in Hip-Hop-Videos sieht. Tendenziell zu weiss, zu alt. Auf privaten Handyfilmchen sieht man das deutlicher als im superedlen und ethnisch bewussten Schnitt des Regisseurs Mark Romanek.

Segnet Jay-Z die Kunst – oder umgekehrt?

Jay wählt jeweils einen Partner aus dem Publikum, geht auf ihn zu, schaut ihm in die Augen und rappt weiter. Die Nebendarsteller sind Künstler, Schriftsteller, Sammler, Kunsthändler, Filmer. Es ist eine fast religiöse Situation: Ekstase im Publikum, weisses Licht, der Schein der Ewigkeit, etwa in der Spiegelbrille des Regisseurs Jim Jarmusch. Doch man weiss nicht, wer hier wen erlöst. Segnet Jay-Z die Künstler, oder sind es die Kulturpromis, die ihn taufen und in ihre Gemeinde aufnehmen?

Die Idee geht zurück auf eine Arbeit von Marina Abramović, der Königin der Kunstgattung Performance. Vor drei Jahren verharrte sie 150 Stunden lang im Museum of Modern Art und starrte die Besucher an, die sich ihr gegenüber setzten. Im Rap duellieren Künstler in Wortbattles, Abramović inszenierte ein Battle der Blicke.

Performancekunst will den Betrachter in eine aktive Rolle zwingen und die Gegenwart des Moments betonen, oft bis zur Erschöpfung. «The Artist Is Present» wurde ein weiterer Meilenstein in der 40-jährigen Karriere Abramovićs – hier sieht man die New Yorker Serbin mit ihrem Ex-Mann und Kunstpartner Ulay, den sie offenbar nicht erwartet hatte.

Fassade an der Art Basel mit Leuchtschrift: «Kanye West presents Yeezus.»

Bildlegende: Neulich an der Design Miami während der Art Basel: «Kanye West presents Yeezus.» Seth Browarnik

Im Hip-Hop sind das dagegen neue Bilder: Mit ihren 66 Jahren dürfte Marina Abramović die älteste Frau sein, die in einem Hip-Hop-Video einem Rapper nahegekommen ist (Mütter einmal ausgenommen). Doch hier geht es nicht um eine «Bitch» und ihren Körper, sondern um den Flirt von Hip-Hop und Kunst. 2013 ist der Sommer ihrer Liebe, Jay-Z und Marina A. sind keine Ausnahme.

Der Sommer der Kunstliebe – Kanye in Basel

Mitte Juni überraschte Kanye West das Publikum im Rahmen der Kunstmesse Art Basel, als er spät zur Nacht ein paar Tracks aus seinem Album vorspielte. Und vor allem viel redete. Was er mit Samples anstelle, sagte West, habe Andy Warhol mit Suppendosen gemacht: ausschneiden, zitieren, übermalen, vervielfältigen.

Die Kunstwelt entspricht der Wirklichkeit der Rapper

Warum muss Kanye West erklären, dass seine Musik übrigens Kunst sei? Warum erwähnt auch Jay-Z die Art Basel? Wer sich Flugzeuge und Bugattis zum Geburtstag schenkt wie Jay-Z und Beyoncé, kann auch an der Art Basel ein bisschen shoppen gehen. Allein: Auch Leonardo Di Caprio oder Brad Pitt und Angelina Jolie zeigen sich auf Kunstmessen. Im Gegensatz zu den Hollywood-Stars stehen die Rapper aber gleich unter Verdacht: Kaufen die Kunst womöglich nur des Geldes wegen? Geht es nur um Angeberei? Machen die sich lächerlich?

Hip-Hop wird erwachsener, wenn das auch heisst: die soziale Schicht nicht verleugnen, in der man angekommen ist. Das Goldgeprotze und Frauenausstellen hatte immer mehr mit Ghettofantasien zu tun. Doch Jay-Z ist nicht mehr Strassendealer in Brooklyn, er hat ein Bild von Jean-Michel Basquiat achtlos in der Küche stehen, wie er in «Picasso Baby» rappt. Und er hat Humor: «Picasso Baby» ist auch eine spielerische Abrechnung mit dem eigenen Klischeebild zwischen Zuhälter und Kunstsammler.

Warhol auf New Yorker Subwayzügen

Kanye West an der Art Basel.

Bildlegende: Die Kunstszene geht fliessend in die Musik über: Kanye West im Juni in Basel. Seth Browarnik

Dass Jay-Z auch Basquiat erwähnt und Kanye West in Basel mit Warhols Suppendosen das Sampling erklärt, spiegelt die Geschichte des Hip-Hops. Die Bilder des 1988 jung verstorbenen Jean-Michel Basquiat brechen heute Auktionsrekorde. Begonnen hatte Basquiat als Graffiti-Künstler in Manhattan.

Die späten 70er- und frühen 80er-Jahre waren eine Zeit und New York ein Ort, wo die Kunstszene fliessend in die Musikszene überging. Fab 5 Freddy hat 1982 mit «Change The Beat» den bis heute meist gesampelten Hip-Hop-Track gerappt, und als Sprayer und Künstler verzierte er ab 1980 die New Yorker Subway mit Comicversionen von Warhols Suppendosen. Ehrensache, dass Fab 5 Freddy auch in «Picasso Baby» seinen kurzen Auftritt hat.

Die Hochzeit zwischen Kunst und Rap war schon damals auch im Mainstream zu sehen, wenn etwa Debbie Harry von Blondie dem anfangs strikt weissen Sender MTV die Hip-Hop-Kultur erklärte. Ab 1:50 Minuten sieht man übrigens einen Afroamerikaner hinter den Plattenspielern stehen: Es ist Superstar Jean-Michel Basquiat, der einsprang für den legendären DJ Grandmaster Flash, der verschlafen hatte.

Jay-Z und Kanye räumen das Feld

Warum also müssen Kanye West und Jay-Z die Liebe zwischen Kunst und Hip-Hop noch einmal wiederholen? Sie sind die mächtigsten Rapper der Welt. Das bedeutet auch, dass es nur noch abwärts gehen kann. West macht mehr mit coolem Marketing und mit seiner Vaterschaft zu reden als mit dem letzten Album «Yeezus». Trotz teuerstem Kreativteam ist nicht zu überhören, dass West in einer künstlerischen Krise steckt. «Magna Carta... Holy Grail», das aktuelle Werk von Jay-Z, wirkt da konstanter.

Beide Alben machen indes klar: Die besten Jahre der beiden Rapkönige sind an ihr Ende gekommen. Es rücken jüngere Künstler nach, die andere Themen haben, besser singen, besser rappen sowieso. Etwa Frank Ocean, einer der wenigen in diesem Genre, die Homosexualität thematisieren. Oder Kendrick Lamar, der näher am Street Life ist und davon jenseits reiner Machoklischees berichten kann. Es ist, als würden die «Alten» ein neues Publikum suchen: Weg vom Teenager, hin zum 45-jährigen Vollbartträger in quietschbunten, sehr teuren Turnschuhen.

Die Kunst will nur spielen

Und was führt der Kunstbetrieb mit diesen Aktionen im Schild? Roselee Goldberg, die sowohl die Abramović -Performance im Museum of Modern Art wie auch den Jay-Z-Dreh kuratiert hat, sagte dem Magazin «The New Yorker»: «Beide Performances zwingen dich, jemandem in die Augen zu schauen. Das braucht Mut heutzutage, weil wir das nicht mehr oft genug tun.» Ein Mitmachzuschauer fand es «sehr intensiv.» Wer schon mal in einem Theatergrundkurs oder einem esoterischen Ferienlager war, kennt die Übung: Sich langsam nähern, mit ausgebreiteten Armen und Augentkontakt. Das ist sicher intensiv – aber letztlich gänzlich banal.

Während die Rapper in einem historischen Kontinuum stehen und mit vielen Verweisen arbeiten, will der Kunstbetrieb also vor allem etwas fühlen? Anderen in die Augen schauen? Man wird den Eindruck nicht los, dass Hip-Hop deutlich mehr von Kunst versteht, als die Kunst von Hip-Hop.