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In 99 Popsongs durch die Zeit Azzurro bis Wandervögel: So klang das 20. Jahrhundert

Mit Liedern die Geschichte des 20. Jahrunderts erzählen: Das macht das Buch «99 Songs – Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts». Und überrascht damit auch eingefleischte Musikkenner.

Porträt von Adriano Celentano
Legende: Adriano Celentanos Hit «Azzurro» ist mehr als ein einfacher Sommerschlager. Imago/ United Archives

Hitlisten wie «die besten Songs aller Zeiten» oder «die erfolgreichsten Schweizer Singles» gibt es zuhauf. So ein Ranking ist das neue Buch des Wiener Kulturhistorikers und Radiojournalisten Wolfgang Kos nicht.

Sein Kriterium für die Auswahl: «Ich habe Lieder mit besonderer Relevanz zusammengetragen, Lieder mit mehreren Bedeutungsschichten, die Nahrungsmittel waren für Generationen.»

Überraschungen inklusive

Lieder mit Identifikationspotenzial, das heisst oft auch: Lieder mit Erfolg. Doch wenn ein eingefleischter Musikfan meint, die erfolgreichen Songs des 20. Jahrhunderts sowieso schon zu kennen, dann lehrt ihn dieses Buch eines Besseren.

Protestsongs wie das anti-rassistische «Strange Fruit», Link öffnet in einem neuen Fenster von Billie Holiday oder John Lennons Friedenshymne «Imagine», Link öffnet in einem neuen Fenster sind natürlich vertreten. Und auch aus den 60er-Jahren, der goldenen Zeiten des politischen Songs, sind viele alte Bekannte dabei. Wolfgang Kos hat aber auch über den europäischen und US-amerikanischen Tellerrand hinausgeschaut und sich quer durch die Genres bewegt.

Eine Auswahl der Lieder, die am meisten überraschen:

1. Aus grauer Städte Mauern – Das Programmlied der Wandervögel

Kinder spielen vor einem Landhaus.
Legende: Ab in die Natur: So das Motto der Wandervögel. wikimedia/ Brück & Sohn Kunstverlag Meissen

Raus aus den Städten, die krankmachen, zurück in die Natur! Diese Botschaft propagiert dieses Wanderlied in einer volkstümelnden Viervierteltakt-Marschmelodie.

1901 in Berlin gegründet, waren die Wandervögel eine der ersten Jugendbewegungen. 1927 sind sie bereits über vier Millionen Mitglieder.

Schüler und Studenten bürgerlicher Herkunft schlossen sich zusammen, «um sich mit der Kraft der Natur gegen die moderne Dekadenz zu wappnen», schreibt Wolfgang Kos.

Aus grauer Städte Mauern, Link öffnet in einem neuen Fenster wurde zur Hymne dieser Bewegung, die den Verlauf der Geschichte mitprägt: «Aus dem Wanderschritt wurde ein Marschtritt, viele Wege – aber keineswegs alle – führten in den Nationalsozialismus.»

Produktion

Autoren: Robert Götz (Musik), 1920, Hans Riedel & Hermann Löns (Text), 1910/1914
Interpret: Unter anderem Heino, 1975

2. Desafinado – Der Bossa Nova und die Moderne von Rio

Joao Gilberto bei einem Konzert.
Legende: Bossa Nova-Star João Gilberto bei einem Konzert in Montreux am Jazz Festival. Keyston

«Bossa Nova» heisst «Neue Welle» – eine urbane Bewegung, die im Brasilien der späten 50er-Jahre ein optimistisches, postkoloniales Lebensgefühl etablieren will. João Gilbertos hauchende, leichte Stimme spiegelt diese Modernität wider.

Das Lied Desafinado ist als sarkastische Reaktion auf den Vorwurf entstanden, Bossa-Nova-Sänger könnten nicht singen, sagt Wolfgang Kos. «‹Desafinado› heisst so viel wie ‹verstimmt›. Das Lied macht also eine klare Ansage: Diese neue Jugend will verstimmt klingen, sie will eben gerade nicht aus plumpen Machos bestehen.»

Produktion

Autoren: Antonio Carlos Jobim (Musik), Newton Mendonc (Text), 1958
Interpret: Joao Gilberto, 1959

3. Azzurro – Weitab vom Meer

Porträt von Adriano Celentano
Legende: Adriano Celentanos Hit «Azzurro» ist mehr als ein einfacher Sommerschlager. Imago/ United Archives

In Azzurro, Link öffnet in einem neuen Fenster, Italiens heimlicher Nationalhymne, geht es nicht etwa um eine unbeschwerte Zeit am Strand. Hinter dem leichten Sommerschlager steckt die Klage eines einsamen Jugendlichen aus der Unterschicht, der sich an einem Sonntag in einer Stadt weit weg vom Meer langweilt und sich zu seiner Liebsten träumt.

1990 covern die Toten Hosen den Song, Link öffnet in einem neuen Fenster. Bei ihnen endet eine Italienreise mit kaputtem Auto auf dem Parkplatz. «Die Essenz dieses Liedes, dessen Witz darin liegt, eben nicht ans blaue Meer zu gelangen, wurde von den Toten Hosen kongenial getroffen», sagt Wolfgang Kos.

Produktion

Autoren: Paolo Conte & Michele Virano (Musik), Paolo Conte & Vito Pallavicini (Text), 1968
Interpreten: Adriano Celentano, 1968 – Die Toten Hosen, 1990

4. Don’t Cry For Me Argentina – Eine gesungene Volksrede

Madonna als Evita Peron.
Legende: In der Filmadaption verkörperte Madonna die Diktatorengattin Evita Péron. Keystone

Don’t Cry For Me Argentina, Link öffnet in einem neuen Fenster ist eine Song-Arie, die auch losgelöst von ihrem Kontext zum Hit wurde. Sie stammt aus der Rock-Oper Evita, worin der Aufstieg der vom Land kommenden Schauspielerin Eva Péron zur Ehefrau des argentinischen Faschisten Juan Péron nacherzählt wird.

Die Arie ist der pathetische Höhepunkt des Musicals: Evita steht auf dem Balkon der Casa Rosada in Buenos Aires und bittet ihr Volk um Absolution – ein «Liebesakt zwischen Evita und ihrem Land», schreibt Wolfgang Kos. Mit der Verfilmung 1996, Link öffnet in einem neuen Fenster mit Madonna in der Hauptrolle wird die Figur der Diktatorengattin dann völlig zu einer unpolitischen Ikone verklärt.

Produktion

Autoren: Andrew Lloyd Webber (Musik), Tim Rice (Text), 1976
Interpretinnen: Julie Covington, 1976 – Madonna, 1996

5. Birima – Die Stimme des jungen Senegal

Musiker Youssou N'Dour
Legende: Musiker Youssou N'Dour ist nicht nur in seiner Heimat, dem Senegal, sondern auch weltweit ein gefeierter Star. Keystone

Birima, Link öffnet in einem neuen Fenster steht am Schluss von Wolfgang Kos' Liste der 99 Songs, die das 20. Jahrhundert geprägt haben. «Ich möchte damit andeuten, dass sich vielleicht bald die Weltkarte der Musikproduktion öffnet und die Dominanz angloamerikanischer Popmusik vielleicht ja irgendwann endet», sagt der Wiener.

Das Lied «Birima» des panafrikanischen Superstars Youssou N’Dour erinnert an den König Birima, der Musiker als Boten zwischen ihm und dem Volk eingesetzt hat. Mit der Wahl von Birima als Schlusslied hat Wolfgang Kos auch ein eigenes Statement abgegeben: ein Plädoyer für die Musikerin, den Musiker der oder die sich engagiert, Verantwortung übernimmt und eine wichtige Funktion in der Gesellschaft übernimmt.

Produktion

Autor: Youssou N’Dour, 1999
Interpret: Youssou N’Dour, 2000

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 16.11.2017, 9.00 Uhr.

Buchhinweis

Buchhinweis

Wolfgang Kos: «99 Songs – Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts». Brandstätter, 2017.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Die Sowjetunion und China sind offenbar gar kein Thema für Kos. Die östliche Hälfte Deutschlands gehört wohl nicht in die gemeinsame Geschichte.
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  • Kommentar von Christian Mueller (Christian Mueller)
    Ich habe mich am Satz 'der Film ist sicher kein Kunstwerk' gestört. Natürlich ist es ein Kunstwerk! Nur ist es vielleicht weniger präzise als andere Kunstwerke oder weniger vielschichtig oder plakativer als andere. Aber es ist ganz sicher ein Kunstwerk. Von der Kulturabteilung erwarte ich eigentlich ein wenig mehr Differenzierung... Es ist als auf jeden Fall ein Radiobeitrag, aber es gab vielleicht schon präzisere, vielschichtigere und weniger plakative Berichte ;-)
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    1. Antwort von SRF Kultur
      Danke für Ihr Feedback! Ich mag mit meinem Urteil, dass «Human Flow» kein Kunstwerk sei, falsch liegen, aber undifferenziert bin ich meiner Meinung nach nicht. Ich wende dabei unter den vielen verfügbaren eine vergleichsweise akzeptierte und alte Kunst-Definition aus der Deutschen Klassik an. Friedrich Schiller z.B. spricht von Kunstwerken dann, wenn sie nicht zweckgebunden sind, keine Pflichten erfüllen und keine Wahrheiten finden (Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen). Der Dokumentarfilm von Ai Weiwei tut genau das Gegenteil: er hat einen Zweck (zum Glück!). Im Vergleich zum Film sind die Kunstwerke von Ai Weiwei, die zum Beispiel derzeit in einer Ausstellung in Lausanne zu sehen sind, nicht so klar lesbar und dienen weniger offensichtlich einem einzigen humanitären Anliegen. Auch um seine Kunst und seinen Film auseinanderzuhalten, habe ich gesagt, der Film sei kein Kunstwerk. Und schliesslich: Ai Weiwei selbst sagt auf seinen Film angesprochen: er wisse nicht genau, ob das, was er tue, Kunst sei. Nun können Sie gerne einwenden, warum die olle Deutsche Klassik für uns nach wie vor definieren solle, was Kunst sei und was nicht. Darüber diskutiert sehr gerne mit ihnen weiter. Herzliche Grüsse, Ellinor Landmann (Anmerkung der Redaktion: Diese beiden Kommentare beziehen sich nicht auf obenstehenden Artikel, sondern auf die Radiosendung «Künste im Gespräch: Ai Weiwei, 99 Songs, Europa im Theater» vom 16.11.2017, 9:02 Uhr)
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