Jazzer Paul Bley: Was andere entsetzte, wurde von ihm gefördert

Paul Bley war kein Star. Viele seiner Kollegen wurden mehr wahrgenommen als er. Aber er war oft dort, wo Entscheidendes passierte, lange bevor dies von einem breiten Publikum zur Kenntnis genommen wurde. Am 3. Januar ist der Jazzpianist Paul Bley gestorben.

Schwarzweissaufnahme von Paul Bley.

Bildlegende: Grenzen ausloten, Standards setzen: Paul Bley am Montreux Jazz Festival 1971. Keystone

Die Menge seiner Aufnahmen ist Ehrfurcht gebietend – deren Qualität auch. Gleich bei seinem ersten Recording Date begleitete Paul Bley Charlie Parker. Da war er zwanzig Jahre alt. Ein knappes Jahr später legte er sein Debüt als Leader vor. Auf «Introducing Paul Bley» hatte er zwei Kolosse als Partner: den Bassisten Charles Mingus und den Schlagzeuger Art Blakey.

Von diesem Zeitpunkt an war Paul Bley präsent, und oft mehr als das: Er nahm neue Tendenzen vorweg und setzte neue Akzente.

Ein feines Gespür für grosse Talente

Bei Paul Bley ging ohnehin alles ein wenig schneller. Geboren Ende 1932 im kanadischen Montreal, trat er schon als Teenager mit seiner eigenen Tanzkapelle auf. Als sein älterer Kollege Oscar Peterson nach New York zog, übernahm Bley dessen Rhythmusgruppe. Das war 1949. Als er selber New York zu seinem Lebensmittelpunkt machte, war er sofort einer der gefragten und vielbeschäftigten Pianisten.

1958 tauchte ein junger Saxophonist auf, der den Jazz ziemlich auf den Kopf stellen sollte: Ornette Coleman. Die Jazzwelt war entsetzt. So wie der durfte man nicht spielen. Paul Bley war nicht entsetzt. Im Gegenteil, er lud den jungen Revolutionär und dessen Mitstreiter Don Cherry zum Spielen ein.

Die beiden waren beileibe nicht die Einzigen, deren Potential Paul Bley früher registrierte als andere. Kurz darauf war es der Trompeter Don Ellis. 1974 absolvierten der Gitarrist Pat Metheny und der Bassist Jaco Pastorius ihre allererste Studiosession als Mitglied des Paul Bley Quartet.

Wunderliche Stücke und synthetische Klänge

Wichtiger allerdings und nachhaltiger war Bleys Engagement für zwei Frauen, denen er den Weg ebnete: Carla Bley und Annette Peacock. 1959 hatte die blutjunge Carla Borg aus Kalifornien Paul Bley geheiratet. Sie hatte ihn als Zigarettenverkäuferin im Birdland Jazzclub kennen gelernt.

Er war schon geachtetes Mitglied der Jazz Community. Die junge Frau komponierte eigene Songs, hatte allerdings noch nicht den Mut, sie selber aufzuführen. Das machte Paul Bley für sie.

Bley spielte beispielgebende Versionen ihrer überaus eigensinnigen und wunderlichen Stücke ein. Die Ehe währte nur ein paar Jahre. Die nächste Ehe- und Musikpartnerin folgte bald. Mit der Sängerin und Komponistin Annette Peacock initiierte er eine «Synthesizer Show».

Es war das erste Mal im Jazz, dass die neuen Instrumente so prominent eingesetzt wurden. Mit dabei manchmal übrigens der Bassist und Peacock-Ex Gary Peacock – eine Family Affair.

Grenzen ausloten, Standards setzen

Bleys wichtigster Mentor war der Holzbläser Jimmy Giuffre. Zusammen und mit dem Bassisten Steve Swallow (dem heutigen Ehemann von Carla Bley) betrieben sie anfangs der 1960er-Jahre ein Trio, das Standards setzte bis heute, und das den Weg zu einer neuen kammermusikalischen Art Jazz frei machte.

Die drei loteten dessen Grenzen weitestmöglich aus, harmonisch und rhythmisch. Sie landeten quasi contre-coeur dort, wo die jungen schwarzen Bilderstürmer schon waren: beim Free Jazz.

Das eigentliche Terrain Paul Bleys wurde durch diese Band bestimmt, er war der Kammermusiker per se. Ob im Trio mit Bass und Schlagzeug, ob mit einem zusätzlichen Bläser oder ganz allein mit dem Flügel setzte er in unzähligen Aufnahmen der letzten sechs Jahrzehnte Standards, die bis heute gelten. Und an denen sich junge Musiker – nicht nur Pianisten – auch heute noch abarbeiten.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 5. Januar 2016, 16.05 Uhr