Johnny Rotten – das Leben als anarchische Revolte

1978 schreibt Neil Young den Song «Hey Hey, My My» und prophezeit im Reim: «Rock and Roll will never die». Der Vers handelt von Johnny Rotten, eigentlich John Lydon. Der Sänger der britischen Punk-Band «Sex Pistols» war das Aushängeschild einer ganzen Bewegung. Jetzt erzählt er sein Leben.

«Sex Pistols»-Frontmann Johnny Rotten zeigt dem Publikum in Novi Sad 2008 seine Brust.

Bildlegende: «Sex Pistols»-Frontmann Johnny Rotten entblösst sich in seiner Autobiographie ohne falsche Scheu. Reuters

Hass ist Energie, pure Energie. Energie in der Musik, Energie in den Worten, Energie in der Haltung. Bevor man über alles andere redet, muss man darüber reden: Über den Hass als pure Energie. John Lydon beginnt seine Erinnerungen damit: Er ist Johnny Rotten, Rotten, der Sänger der «Sex Pistols». Die Zeit, in der alles beginnt, ist noch Gegenwart: Der Punk und die grosse Rebellion in der englischen Klassengesellschaft.

No Future im Vereinigten Königreich

«Anarchy in the UK» ‒ das ist die Parole und zugleich der erste Songtitel der «Sex Pistols». Zum silbernen Thronjubiläum von Elizabeth II., im April 1977, erscheint «God save the Queen», die schrille Antihymne auf das Vereinigte Königreich und die verrottete britische Monarchie. Margaret Thatcher ist da die Führerin der Konservativen und der Klassenkampf von oben so rabiat wie lange nicht. «No Future», singen die «Sex Pistols», keine Zukunft. Keine Zukunft, das ist das Bewusstsein der Zeit.

Die vier Mitglieder der «Sex Pistols» 1996: Paul Cook, Johnny Rotten, Steve Jones und Glen Matlock.

Bildlegende: Die Original-Besetzung der «Sex Pistols»: Paul Cook, Johnny Rotten, Steve Jones und Glen Matlock. Reuters

John Lydon ist zwanzig und der Star der Band. Er ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Zur Musik kommt er durch Zufall. Er selbst hat keine Zukunft, als Kind aus der Unterschicht, das nur als Untertan der Krone von Nutzen ist und sonst ohne Chance. So fühlte es sich an und so sieht er es jetzt, Jahrzehnte später im Rückblick.

John Lydon ist nicht sentimental, ist es nie, wenn er von der primitiven Wohnung in Nordlondon erzählt, mit der Toilette auf dem Gang. Ein Kind irischer Einwanderer, das sich 1964 beim Spielen mit Rattenkot eine Infektion einfängt und an Hirnhautentzündung erkrankt. Die gravierenden Folgen: Gedächtnisverlust und eine schwere Sehstörung. Jahre wird es dauern, bis seine Erinnerungen zurückkehren. Bis er überhaupt wieder weiss, wer er ist. Seine Vergangenheit: Ein mühsames Puzzle, zusammengesetzt aus den Erzählungen der Anderen. Sein Misstrauen datiert aus diesen Jahren, das Interesse an Joyce, an Literatur überhaupt und der Zweifel an allem. Das ist sein ganz persönliches Motiv. Da ist er, der Treibsatz der Revolte.

Kampfansage an die britische Pop-Musik

Im Sommer 1975 werden die Sex Pistols gegründet. Lydon, nennt sich Johnny Rotten. Er ist der Sänger, er schreibt die Texte und er meint es wirklich ernst. Die britische Pop-Musik ist damals am Nullpunkt, für viele nur noch Mixtur aus Kunstgewerbe und Marketing, leerlaufender Bombast und technikverliebter Kult. Punk ist die Gegenbewegung und John ist ihr Held.

Johhny Rotten salutiert dem Publikum 2008 auf dem Azenka Rock Festival.

Bildlegende: Zeitlebens ein Kämpfer für den Punk: John Lydon alias Johnny Rotten. Reuters

Lydon will zerstören, was ihn zerstört. Er kommt aus den Slums. Er ist subversiv und lebt die anarchischen Ideen der Revolte wie kein Zweiter. Aber da ist noch etwas anderes. Da ist noch ein Anderer. Da ist Malcolm McLaren. McLaren, der windige Impresario. McLaren, der Manager der «Sex Pistols», der sich als deren Erfinder ausgibt. Aus McLarens Dunstkreis stossen Vivienne Westwood und die Modeleute dazu. Es gibt den Betrug und die Betrüger. Leute, die immer am Geschäft interessiert sind und nie an etwas anderem.

John Lydon fühlt sich reingelegt, betrogen, als die Band 1978 während ihrer US-Tour auseinanderfällt. Sein Freund John Beverley, besser bekannt als «Sid Vicious», stirbt danach an einer Überdosis Heroin. Der charismatische Bassist, der nie spielen konnte, soll im Rausch seine Freundin ermordet haben, das Heroin-Groupie Nancy Spungen.

Punk – alles nur Bluff?

Malcolm McLaren hält bis zu seinem Tod vor fünf Jahren daran fest, dass die «Sex Pistols» nichts als geschicktes Marketing waren, ein grosser Bluff mit ihm als Mastermind. Westwood stellt die Klamotten aus der S/M-Szene und ein Dritter dreht die Filme dazu: Ein Filmschüler mit geklauter Kamera, der den Hype um Punk endgültig in die Geschäftswelt zerrt. Julian Temple heisst der Mann und sein Film: «The Great Rock 'n' Roll Swindle» – der grosse Rock-Schwindel. Der Film macht Furore und wird das Bild der Punk-Ära prägen.

Für John Lydon ist das Verrat. Verrat an der Sache und Verrat an ihm persönlich. Wieder kämpft er um die Erinnerung, ein Jahrzehnt lang, um das Recht an der Musik, an Bildern und Texten, das Recht an der eigenen Persönlichkeit. «Punk war ein Aufstand», sagt er jetzt. Er hat den Kampf gewonnen, ein später Sieg in den achtziger Jahren. Es gibt eine Millionenabfindung und Tantiemen. Danach hat er mit «Public Image Ltd.» noch einmal eine Band und Erfolg.

See Breeze als Diät

Heute lebt der Mann, der einst Johnny Rotten war, mit seiner deutschen Frau Nora abwechselnd in Marina del Rey, Los Angeles und in Malibu, direkt am Pacific Coast Highway. Seine Erinnerungen sind dort entstanden und eine spannende Lektüre. Er ist jetzt 59, schnell im Kopf, originell und scharfsinnig. Die Unruhe ist ihm geblieben, das rollende «R» und der stiere Blick. Sein Diätplan sieht gerade nur Getränke vor: «Sea Breeze», das ist Wodka, Cranberry und Grapefruit. Sehr viel davon, denn das soll beruhigen. «It's better to burn out than to fade away» hat Neil Young über ihn gesungen: Wut ist Energie.

Sendebezug: Kultur kompakt, SRF 2 Kultur, 15. Juni, 17:10 Uhr

Literaturhinweis

John Lydon: Anger is an Energy. Mein Leben unzensiert. Heyne Verlag, München 2015.