Klassik und japanische Kampfkunst spielen in seinen Jazz hinein

«Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch von Musik nichts», sagte einst Komponist Hanns Eisler. Auf den Zürcher Pianisten und Komponisten Chris Wiesendanger trifft das nicht zu: Er interessiert sich für Philosophie, Kampfkunst und englische Gärten. Im Zentrum steht aber die Musik.

Chris Wiesendanger hält eine Hand auf ein Piano.

Bildlegende: Seine Lebenswelt fliesst in die Tasten: der Jazzpianist Chris Wiesendanger. Palma Fiacco

Man würde nicht zögern, Chris Wiesendanger als Jazzpianisten zu bezeichnen. Er ist vorab ein Improvisator und steckt mit beiden Beinen tief in der Jazztradition. Was allerdings nicht heisst, dass Wiesendanger ein Traditionalist wäre, einer, der seine Welt im normalen swingenden Viervierteltakt Jazz gefunden hätte. Natürlich spielt – oder vielmehr spielte – er den auch. Improvisation über Harmoniegerüste, Spiel von Standards, das muss am Anfang jeder Jazzmusikerlaufbahn stehen. Von da an geht’s allerdings erst recht los!

Raus aus dem stillen Kämmerlein

Noch vorher allerdings stand für Chris Wiesendanger eine klassische Klavierausbildung während seiner Jugendjahre. Irgendwann war ihm das Spiel im stillen Kämmerlein allerdings zu wenig. Er wollte hinaus, begann in Bands zu spielen. Das blieb den arrivierten Zürcher Jazzern nicht verborgen. Der Trompeter Jürg Grau (1943 – 2007), der immer nach neuen Talenten Ausschau hielt, holte ihn in seine Band. Später dann, Anfang dreissig, ging Chris Wiesendanger für längere Zeit nach New York. Der Big Apple ist nach wie vor das Epizentrum des aktuellen Jazz, «if you can make it there, you’ll make it everywhere»!

Wiesendanger «schaffte» es natürlich nicht in New York. Dafür war er zu kurze Zeit dort, und es ging ihm darum, zu lernen. Nicht an einer Schule, sondern indem er bei erfahrenen Musikern abschaute, die Nähe zu talentierten Gleichaltrigen suchte und mit ihnen spielte. In dieser New Yorker Zeit entstanden Freundschaften, die hielten. Wenn er also auf seine nächsten CD «Au clair soleil, je chante à pleine voix», die diesen Sommer erscheinen soll, mit Topmusikern wie dem Bassisten Ben Street spielt, der mit John Scofield und Joe Lovano unterwegs ist, und dem Schlagzeuger Jeff Ballard, dessen Arbeitgeber sonst Brad Mehldau ist, liegt das daran, dass die beiden langjährige Kollegen sind, Leute, die Wiesendanger und seine Qualitäten kennen.

Die japanische Kultur fliesst in seine Musik ein

Das Jazzklavier ist Beruf und Passion von Chris Wiesendanger. Klassische Musik, und solche aus Japan allerdings beeinflussen, quasi aus dem Untergrund, seine Kompositionen und Improvisationen. Klassische Musik begleitet ihn seit seiner Jugend, die japanische ist für ihn neuer. Chris Wiesendanger ist mit einer Japanerin verheiratet, einer Sängerin, ihre Herkunft und ihre Kultur haben tiefe Spuren in seinem Musizieren und Denken hinterlassen. Mit seinen Mitteln versucht er, sich dieser fremden Welt anzunähern, schreibt zum Beispiel Musik auf japanische Haikus, versucht aber auch bei Besuchen seiner japanischen Familie deren Denken zu verstehen, und die Welt mit japanischen Augen zu sehen.

Chris Wiesendanger versteht nicht nur von Musik etwas, das prägt seine Musik fundamental. Er ist einer, der Musik nicht nur oberflächlich bearbeitet, sondern richtig tief in ihr gräbt.

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