Kurt Rosenwinkel singt auch mit der Gitarre

Es ist kein Zufall, dass der Begriff «Song» immer wieder in den Stück- und Albumtiteln des Jazz-Gitarristen Kurt Rosenwinkel auftaucht. Denn sein Schaffen dreht sich um das Singen – mit Stimme und Gitarre.

Kurt Rosenwinkel und eine rote Gitarre.

Bildlegende: Kurt Rosenwinkels Musik zeigt in eine klare Richtung: Songs. Kurt Rosenwinkel

«Die Idee des Song-Konzepts war immer zentral für meine Musik. Ich habe immer Songs geliebt, immer Songs geschrieben – ganz egal, ob das ein dreieinhalb-minütiges Stück ist oder ob es vierzig Minuten dauert», sagt Kurt Rosenwinkel. Er gibt offen zu, dass die Versuchung gross ist, sich als Jazzmusiker beim Improvisieren ganz von Songstrukturen zu entfernen – und das Lineare dem harmonischen Konzept unterzuordnen.

Den Songtext im Kopf

Dieses Hingezogensein zur Liedstruktur geht sogar noch weiter. Rosenwinkel sagt, dass es ihm helfen würde, wenn er den Text eines Standards, einem Klassiker aus der amerikanischen Unterhaltungsmusik der 30er- bis 60er-Jahre, genau kenne. Der laufe dann im Hinterkopf immer mit und beeinflusse die Art und Weise, wie er improvisiere.

Am Anfang seiner Karriere in den 90er-Jahren nahm Kurt Rosenwinkel oft auch solche Standards auf. Einerseits, um sich das Material anzueignen, andererseits aber auch, um damit ein Statement abzugeben. «East Coast Love Affair», die Platten mit dem Schlagzeuger Paul Motian und dessen Electric Bebop Band sind gute Beispiele dafür.

Emanzipation von den grossen Drei

Diese Arbeit am Great American Songbook gehört für alle jazzmässig Improvisierenden ganz klar zur Grundausbildung. Das ist das Handwerkszeug, das einem hilft, später eine eigene Aussage machen zu können. Gerade für Gitarristen, die eine Generation nach den grossen Drei – John Scofield, Pat Metheny und Bill Frisell – geboren sind, ist diese Suche nach einer eigenen Aussage, nach einem eigenen Ton, nicht ganz so einfach.

Was diese drei Gitarristen, die alle in der ersten Hälfte der 50er-Jahre zur Welt kamen, an stilbildender Musik produziert haben, ist für die nachkommenden, die wie Rosenwinkel Jahrgang 1970 und jünger haben, nicht so einfach zu überbieten. Da hilft das seriöse Erledigen der Hausaufgaben für die Grundlagen ganz entscheidend.

Ein wichtiger Sparringpartner

Was im Fall von Kurt Rosenwinkel noch dazukommt, ist das Glück, einen kongenialen Partner zu haben, der das eigene Schaffen auf diesem Weg immer wieder spiegelt. Und das war bei Rosenwinkel der Tenorsaxophonist Mark Turner. Die beiden haben sich in ihren gemeinsamen Bands, aber auch bei Gastspielen stets gegenseitig inspiriert und vorwärts gebracht.

Das beginnt 1994 mit Mark Turners Album «Yam Yam», geht weiter mit Rosenwinkels «The Ennemies Of Energy», Turners «In This World» und «Ballad Session» über Rosenwinkels «The Next Step» (2000) und «Heartcore (2002) bis zu «The Remedy – Live At The Village Vanguard» von 2006. Eine stolze Serie, die mit Sicherheit noch lange nicht zu Ende sein wird.

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