Montreux, der erfolgreiche musikalische Gemischtwarenladen

Da wo früher Ella Fitzgerald, Count Basie und Oscar Peterson spielten, heissen die Protagonisten heute Pharrell Williams oder Everlast. Nur weil «Jazz» in Montreux draufsteht, ist längst nicht mehr nur Jazz drin. Gerade das könnte der Grund für den Erfolg des Festivals sein.

Pharell Williams beim Konzert in Montreux.

Bildlegende: Pharrell Williams macht alle und alles «happy», Jazz im engeren Sinne macht er wohl nicht. Keystone

Montreux. Da ist für Alle etwas dabei: Stevie Wonder, Buika, Chris Rea, Pharrell Williams, Herbie Hancock, The Eeels, Goldfrapp, Bastian Baker und viele mehr. Wie jedes Jahr ist das Programm des Montreux Jazz Festivals sehr namhaft – und wie jedes Jahr auch wieder stilistisch bunt.

Mathieu Jaton präsentiert seine «Big Shots».

Bildlegende: Mathieu Jaton präsentiert seine «Big Shots». Keystone

Diesbezüglich hält Mathieu Jaton, der neue Festival Leiter und Nachfolger von Claude Nobs, am Erfolgsrezept des musikalischen Gemischtwarenladens fest. Jazz, Blues, Soul, World Music, aber auch Hip-Hop, Pop, Rock und Folk. Für jeden Konzertliebhaber ist in Montreux etwas dabei. Dazu kommt für die Nachtschwärmer House und Techno in den DJ-Clubs. Das Konzept geht voll auf, die Besucherzahlen beweisen es: Ungefähr 200’000 kommen in zwei Wochen. Sehr beachtlich, dafür, dass es kein Open Air ist.

Jazzpuristen vertrieben

Doch diese Vielfalt hatte auch ihren Preis. Seit der stilistischen Öffnung in den 70er-Jahren, verlor man einen Teil des Publikums. Für die eingefleischten Jazzliebhaber wurde Rock – und später Pop – zum roten Tuch. Sie boykottierten fortan das Festival. Für sie ging mit den grossen Sälen und dem bunten Lifestyle-Treiben auch die Intimität verloren, die für den Jazz wichtig ist.

Die Festivalleitung wusste: Sie kann programmässig nicht alle bedienen. Und da es sich bei den Jazzpuristen um eine Minderheit handelt, hat die Leitung den Kampf um deren Gunst schon lange aufgegeben.

Festival wurde sogar mal umgetauft

1976 hatte man kurzzeitig sogar den Namen Jazz aus dem Festivalnamen gestrichen und es einfach Montreux International Festival getauft. Doch das wurde nach zwei Ausgaben wieder rückgängig gemacht. Montreux Jazz Festival hatte sich als Marke bereits etabliert und das Publikum reagierte nicht auf die Namensänderung. Es blieb bei Montreux Jazz, oder umgangssprachlich sogar einfach nur Jazz («Vous allez au Jazz?»)

Der Begriff Jazz ist dehnbar

Der Begriff Jazz war schon immer dehnbar. Und weil heute immer mehr Einflüsse dazukommen, wird er noch offener. Dem Festival kommt das zu Gute und man pickt sich seine Definition heraus. Jazz soll in Montreux eigentlich gar nicht mehr einen Musikstil bezeichnen, sondern steht eher für gehobenes Niveau.

Vom Programm her unterscheidet sich Montreux heute kaum von anderen wichtigen Musik-Festivals. Aber man muss hier sicher nie in knöcheltiefem Schlamm stehen. Man kann Sushi statt Bratwürste essen. Dafür kostet auch alles etwas mehr.

Der neue Montreux Jazz Club

Promenade, überfüllt mit Menschen, Abendstimmung.

Bildlegende: «Jazz» ist in Montreux das Label für Gehobene Unterhaltung. Keystone

Seit zwei Jahren versucht die Festivalleitung, mit der Eröffnung eines kleineren Clubs doch wieder das Jazz-Publikum zurück ins Boot zu holen. Die Atmosphäre im Montreux Jazz Club ist sicher wieder intimer geworden und auch die Lautstärke ist angepasst. Vor allem die älteren Montreux Besucher wissen dies zu schätzen.

Doch auch bei diesem Programm wird mit vielen Singersongwritern und Bluesern wieder die stilistische Vielfalt gesucht. «Richtiger» Jazz (Swing, Improvisation etc.) wird nur an einzelnen Abenden präsentiert. Und selbst dann handelt es sich um Mainstream-Jazz und um Acts, die vor allem Publikumsgaranten sind.

War Claude Nobs seiner Zeit voraus?

Man könnte sagen, heute widerspiegelt das Programm des Montreux Jazz Festivals das moderne Musik-Konsumverhalten. Auch da will man so viel Abwechslung wie möglich und alles soll möglichst gleichzeitig verfügbar sein. Als Claude Nobs vor dreissig Jahren beschloss, das Festival stilistisch zu öffnen, waren iPods und Musikclouds noch weit weg. Aber vor diesem Hintergrund müsste man fast sagen: Claude Nobs war seiner Zeit voraus.

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