«Musik macht die Welt nicht besser»

Der amerikanische Dirigent Leonard Slatkin ist kein Weltverbesserer. Er will bloss seinen Job machen – aber den dafür richtig gut. Und auch wenn er es selbst nicht so sieht: Mit seiner Arbeit macht Slatkin die Welt doch ein bisschen besser.

Portrait Slatkin

Bildlegende: Slatkin will bei der Arbeit als Dirigent sein Bestes geben – für das Publikum. Keystone

Leonard Slatkin, 70 Jahre alt, die Haare schlohweiss. Er ist klein, rundlich, aber sehr agil. Er sitzt nach der Probe mit dem Orchestre National de Lyon, das er seit 2011 leitet, in seinem Chefdirigentenzimmer und knabbert nachdenklich an einem Keks: «Es macht nicht wirklich einen Unterschied. Bei uns sitzen ja schon die einigermassen kultivierten Leute im Publikum, aber was passiert in genau diesem Augenblick, während wir zwei hier sitzen und reden?»

Es geht um die Frage, ob Musik die Welt verbessern kann. Kollegen wie Daniel Barenboim, der sich für den Frieden im Nahen Osten einsetze, findet Slatkin bewundernswert. Aber ist er wirklich erfolgreich damit? «Ich denke nicht, dass Musik allein diese Aufgabe erfüllen kann und sollte.»

«Ich bin kein Politiker»

Slatkin verweist auf die systematische Zerstörung von Kulturgütern durch den IS in Nimrud, die an diesem Tag die Schlagzeilen beherrscht, aber auch auf das Bahnhofsquartier von Lyon Part-Dieu direkt vor der Haustüre, wo ich auf dem kurzen Weg vom Bahnhof ins Auditorium National die Bekanntschaft von Drogendealern, Bettlern und einem Herrn auf der Suche nach einem günstigen Schäferstündchen machen konnte.

«Ich bin kein Politiker, kein Diplomat. Ich kann nur meinen Job mit dem Orchester möglichst gut machen, um die Leute ins Konzert zu locken und sie für zwei Stunden in eine andere Welt zu entführen, ihnen zumindest für eine begrenzte Zeit einen schönen Aspekt dieser Welt aufzuzeigen.» Leonard Slatkin ist nicht desillusioniert, er ist Realist.

Ein Schlüsselerlebnis

Yo-Yo Ma zusammen mit Slatkin

Bildlegende: Yo-Yo Ma zusammen mit Slatkin: Wenn sich zwei Kulturen begegnen, dann zählt nur eins: Respekt vor der Andersartigkeit. Keystone

Hollywood, Los Angeles, 1950er-Jahre: Leonard Slatkin besucht die High School zusammen mit Kindern aller Couleur. Er denkt sich nichts dabei, als er eine afroamerikanische Schulfreundin mit in eine Probe des Hollywood Bowl Orchestra nimmt. Slatkins Vater ist der berühmte Geiger und Dirigent Felix Slatkin. Seine Mutter Eleanor ist Cellistin im Warner Brothers Orchestra.

Da wird er Zeuge, wie das Mädchen angespuckt und angepöbelt wird. Ein Schock: «Das waren genau dieselben Musiker, die spielend den Himmel auf Erden erzeugten, Menschen, mit denen ich befreundet war und herumalberte.» Das sei ein jähes Erwachen gewesen

Nette Freunde kommen zu Besuch

Ob Arnold Schönberg oder Igor Strawinsky, ob Nat King Cole oder Frank Sinatra, den er «Uncle Frank» nennt – Slatkin wird unter Stars gross. Ohne sich dessen bewusst zu sein: «Das waren einfach die netten Freunde meiner Eltern.» Als die vergötterte Leinwand-Blondine Doris Day im Restaurant zum Plaudern an den Tisch kommt, merkt auch Klein-Lennie, dass seine Kinderstube wohl keine ganz normale ist.

Abgehoben ist Leonard Slatkin deshalb aber nie. Sein Vater ist abwesend und wenn er mal da ist, dann zutiefst gestresst. Das lässt ihn zweifeln, ob das Musikbusiness überhaupt das Richtige für ihn ist. Andererseits hat Leonard Slatkin schon als ganz kleiner Bub den Schirm seiner Nachttischlampe auf die Wand seines Kinderzimmers gerichtet und im Scheinwerferlicht den Schattenspiel-Dirigenten gegeben. Dieser Weg war wohl vorgezeichnet.

Masstäbe setzen und Unarten austreiben

Er hat ihn weit gebracht: vor allem in seiner fast zwei Jahrzehnte währenden Amtszeit als Chefdirigent des St. Louis Symphony Orchestra setzt Leonard Slatkin mit seiner unaufgeregten und effektiven Art des Arbeitens Massstäbe.

Slatkin in Frack beim Dirigieren.

Bildlegende: Von Detroit bis Lyon: Slatkin treibt seinen Orchestern die Marotten aus. Keystone

Er treibt dem Orchester Unarten aus, die als typisch amerikanisch gelten. Der Klang – nunmehr fein, warm und differenziert – bringt dem Orchester diverse Grammys ein. Auch mit seinen derzeitigen Orchestern in Lyon und Detroit verbindet ihn ein fast familiäres Verhältnis.

Er hat jeweils feste Wohnsitze in der Stadt: «Man muss Teil der Community sein», sagt er. Die Türen zu seinen Dirigentenzimmern lässt Slatkin aus Prinzip offenstehen. Und auch wenn die Klangkörper ganz unterschiedlich ticken, findet Slatkin: «Gut so! Man soll doch hören, woher ein Orchester kommt.»

Seine Arbeitshaltung ist da wie dort die gleiche: «Das Beste geben, um das Beste zu geben» – einem Publikum, das sowohl in Lyon als auch in Detroit für volle Säle sorgt.

Grosse Krisen – grosse Chancen

Detroit hält Slatkin übrigens für die aufregendste Kulturmetropole der USA: «Der Finanzcrash von 2008 hat sich in Detroit schon Jahre vorher durch die Krise der hiesigen Automobilindustrie angekündigt, wir hatten mehr Zeit, uns vorzubereiten und Massnahmen zu ergreifen. Vor allem für jüngere Leute und Existenzgründer mit Ideen ist die Stadt attraktiv, ich sehe hier jeden Tag den Beweis, dass grosse Krisen auch immer grosse Chancen bereithalten.»

Dem Orchester gehe es besser denn je. Spezielle Kinder- und Jugendprogramme holen die Kids von der Strasse. Also doch ein kleines bisschen Weltverbesserer.

Buchhinweis

Leonard Slatkin: «Conducting Business. Unveiling the Mystery Behind the Maestro», Amadeus PR 2012

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