Randy Newman verpackt böse Lügen in süffige Melodien

Ein handelsüblicher Pop- oder Rockstar war er nie: zu intellektuell das Aussehen, zu indirekt die Lieder, zu kratzig die Stimme. Dennoch hat Randy Newman eine grosse Karriere hingelegt. Als Songlieferant für andere, der oft falsch verstanden wurde. Nun erscheint der dritten Teil seines «Songbook».

Randy Newman am Klavier

Bildlegende: Randy Newman: Kratzige Stimme und eingängige Klaviermelodien. Imago/Stefan M Prager

Bigotte Südstaatler. Alternde Männer, die ihre Frauen möglichst jung mögen. Sie schlagen, aber ihre Hunde lieben: Randy Newman ist in seinen Liedern immer wieder in die Rollen wenig liebenswerter Menschen geschlüpft und hat deren Gedanken in kurze Songs verpackt.

Missverständnisse

Dabei gelangen ihm immer wieder Lieder, die durch unübliche Perspektiven auffallen: selbst bei heiklen Themen wie der US-amerikanischen Aussenpolitik, der TV-Sucht seiner Landsleute oder der Sklaverei.

Doch wie schreibt man über diesen Schandfleck der Weltgeschichte? Anstatt den einfachen Weg der Anklage zu nehmen, schlüpft Newman in «Sail Away» in die Haut des Sklavenhändlers.

Randy Newman am Klavier

Bildlegende: Sänger, Komponist und Songlieferant für andere: Trotz seines Erfolges wurde Randy Newman oft missverstanden. Keystone

Ironische Spannung

Der steht an Bord seines Segelschiffs an der afrikanischen Westküste und ruft den Eingeborenen am Strand zu: «Kommt alle an Bord, wir segeln fort von hier, ins Land der Freiheit, Ihr werdet alle Amerikaner werden, und dann geht es Euch viel besser.»

Verpackt sind diese hinterhältigen Lügen in eine süffige Melodie und ein Streicherarrangement von Hollywood’schem Pathos. Diese gegensätzlichen Ebenen erzeugen die ironische Spannung.

Lüpfige Attacke

Politische Korrektheit ist nicht Newmans Ding. Seine Song-Vignetten werden darum auch gerne falsch verstanden. Beispielsweise «Short People» von 1977: Diese lüpfige Attacke auf kleingewachsene Menschen, «die man hochheben muss, um ihnen die Hand zu reichen».

Wohlmeinende Menschen in den USA protestierten, Vereinigungen kleingewachsener Menschen protestierten, doch das Lied wurde in die Hitparade gekauft. Bei dem Durcheinander ging beinahe vergessen, dass der Autor beim Publikum einen Denkprozess auslösen wollte.

«Ohne Liebe keine Ironie»

«Ich mag die Vereinigten Staaten von Amerika», gab Randy Newman einst zu Protokoll. «Ich wüsste nicht, worüber ich sonst schreiben sollte. Ich liebe sie, darum bin ich kritisch gegenüber dem Land und betrachte es mit ironischem Auge. Ohne Liebe keine Ironie».

Nun ist Ironie aber auch eine distanzierende Haltung, durch welche man sich viele unangenehme Ereignisse vom Leib hält. Man könnte Newman eine gewisse emotionale Distanziertheit vorwerfen.

Aber da sind auch die anderen, nicht minder grossartigen Lieder, die aus seiner Biografie schöpfen: die Jugenderinnerungen an New Orleans, wo ihm seine Mutter die verschiedenen Schattierungen schwarzer Hautfarbe erklärt, über seine jüdische Familie, die wie die Christen um sie herum leben will.

Tiefgründigkeit als Schlüssel zum Erfolg

Newman schreibt auch die Geschichten von einsamen Menschen, die an der Liebe und dem Leben verzweifelt sind. Kein Wunder, haben sich grosse Sängerinnen wie Madeleine Peyroux, Irma Thomas oder Dusty Springfield bei ihm bedient.

Nun bringt Randy Newman sein «Songbook» in einem dritten Teil heraus: allein mit seinem rollenden Klavier und seiner kratzigen Blues-Stimme. In diesen reduzierten Versionen lassen sich die Nuancen seiner tiefgründigen Lieder am besten erfassen.