Spielen und Hören zugleich: zum Tod von Jim Hall

Jim Hall ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Der US-Amerikaner spielte mit Musikgrössen wie Bill Evans, Sonny Rollins und Pat Metheny. Viele zeitgenössische Jazzgitarristen bezeichnen Hall als grosses Vorbild. Er war nicht nur ein grosser Gitarrist, sondern auch ein wacher Zuhörer.

Hall mit Gitarre auf einer Bühne.

Bildlegende: Jim Hall bei einem Auftritt am Jazz Festival in Monterey 2007. Keystone

Zu Jim Halls herausragendsten Eigenschaften gehörte, dass er auch während des eigenen Spiels ein wacher Zuhörer blieb. Er kultvierte das «playing while listening» als essentiellen Bestandteil seiner Musik.

Das hört man auch seinen historischen Einspielungen an, die Jazzgeschichte schrieben: den beiden Duo-Alben «Intermodulation» und «Undercurrent» mit dem Pianisten Bill Evans aus den 60er-Jahren oder den Aufnahmen im Trio des Saxophonisten und Klarinettisten Jimmy Giuffre aus den späten 50er-Jahren. Und natürlich ist dabei auch «The Bridge» nicht zu vergessen, jenes legendäre Album, welches Hall im Quartett des Tenoristen Sonny Rollins aufnahm.

Jazz als Kammermusik

Jim Hall blieb zeitlebens ein Kammermusiker des Jazz. Er betonte stets, wie wichtig für ihn das Studium klassischer Musik gewesen sein, und dass Komponisten wie Béla Bartók zu seinen grossen Vorbildern gehören. Das kontrapunktische Zusammenspiel mit ein oder zwei anderen hellhörigen Partnern war seine Stärke.

Er stellte sich auf den Pianisten Bill Evans ein und teilte sich mit ihm die Akkordarbeit. Er verflocht seine Linien mit denen des geistesverwandten Jimmy Giuffre und blieb sich dabei immer selber treu. Jim Hall entwickelte seine unverkennbare Sprache als Improvisator Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre.

Inspiration für grosse Jazzgitarristen

Dabei interessierte ihn nicht das «Lauter, schneller, höher», sondern viel eher das Melodiöse in den improvisierten Linien. Er legte damit die Spur für viele Jazzgitarristen, die nach ihm kamen, und die sich alle sehr gerne auf ihn beriefen: John Scofield, Mike Stern, Bill Frisell oder Pat Metheny – alles Musiker, die später auch einen sehr spezifischen Sound entwickelten, der sofort wiedererkennbar ist.

Darauf angesprochen, ob er sich in deren Spiel wiedererkenne, blieb Jim Hall immer bescheiden und zurückhaltend. Er meinte gar, dass er in seinen späteren Tagen eher von diesen Spielern lerne als sie von ihm.

Kein Gitarrenfreak

Jim Hall hatte ein eher pragmatisches Verhältnis zu seinem Arbeitsgerät. Er wollte sich nie als Gitarrenfreak sehen. Die Gitarre war für ihn immer Mittel zum Zweck und kein Kultobjekt. Das hiess aber nicht, dass er sich nicht für technische Neuerungen interessierte. Noch im hohen Alter begann er deshalb, auch mit Effektgeräten zu experimentieren.

Jim Hall blieb immer wach und hellhörig. Er interessierte sich für andere Musik so sehr wie für Malerei und Architektur und pflegte den Kreis seiner engsten Bewunderer schon fast mit familiärer Geste. Mit vielen Gitarristenkollegen machte er Aufnahmen, die reizvolle Vergleiche ermöglichen. Mit Jim Hall ist auf jeden Fall ein ganz Grosser des Jazz von uns gegangen.