Wagner, das rote Tuch in Israel – aber wie lange noch?

In Israel sind Aufführungen von Richard Wagners Musik nach wie vor nicht möglich. Noch immer gelten der Komponist und seine Werke als rotes Tuch, als Symbol – aber wofür eigentlich? Und wie lange noch? Pro und Kontra zum Aufführungsverbot.

Der Komponist Richard Wagner in einer Fotomontage vor der israelischen Flagge.

Bildlegende: Richard Wagner und Israel: Nach wie vor nur schwer vereinbar. SRF

Bei der Gründung des «Palestine Orchestra» im Jahr 1936 wurde Richard Wagners Musik noch ohne jeden Vorbehalt von den jüdischen Musikern gespielt. Kurz darauf schon wurde Wagner aber zum hauptsächlichen Antisemiten stilisiert – und damit auch sein Werk untragbar. Das war 1938, im Jahr der grossen Pogrome gegen Juden in Deutschland.

Seither tun sich Musiker, Publikum und vor allem Politiker in Israel schwer mit Wagner und seiner Musik. Öffentliche Aufführungen sind, mit wenigen Ausnahmen, bis heute unmöglich. Wagner ist ein rotes Tuch, ein Symbol. Wobei viele gar nicht genau wissen, wofür dieses Symbol eigentlich steht.

Die Musik der Täter

Steht das Symbol Wagner für die Opfer des Holocaust? Als Komponist mit deutschnationaler Gesinnung war Wagner von den Nationalsozialisten vereinnahmt worden. Bayreuth und die dort lebende Nachkommenschaft Wagners waren ein Fluchtort Hitlers, hier fühlte er sich wohl und schwelgte in den Opernaufführungen.

Jonathan Livny, Rechtsanwalt in Jerusalem und Gründer der «Israel Wagner-Society», im Schatten eines Orangenbaumes.

Bildlegende: Jonathan Livny, Rechtsanwalt in Jerusalem und Gründer der «Israel Wagner-Society». SRF/Benjamin Herzog.

Vor allem schwer erträglich ist aber der Umstand, dass Wagner selbst sich in seiner Schrift «Das Judenthum in der Musik» und auch privat äusserst abschätzig über Juden geäussert hat. Wagners Musik ist die Musik der Täter und als Symbol daher eher mit der Täterschaft verbunden, als mit den Opfern. Aber es ist masslos, ihr bei aller emotionalen Stärke, die ihr innewohnt, die Last aufzubürden, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten.

Nur eine Frage der Zeit?

Alle seien sie damals im 19. Jahrhundert mehr oder weniger Antisemiten gewesen, sagt Jonathan Livny. Der in Jerusalem lebende Rechtsanwalt ist Gründer und Präsident der ersten Wagner-Gesellschaft Israels.

Auch er verurteilt die antisemitischen Äusserungen Wagners, möchte aber Werk und Person getrennt wissen. Zu «wunderschön» sei Wagners Musik. Und zu wenig konkret in dessen Opernschaffen auch die Hinweise auf den Antisemitismus Wagners. «Hätte Wagner Alberich oder Beckmesser als Juden darstellen wollen, hätte er das explizit gesagt», meint Livny. «Wagner war sonst um Deutlichkeit nicht verlegen.»

Livny hat im Sommer 2012 einen Versuchsballon mit Wagner in Israel gestartet. An der Universität von Tel Aviv wollte er ein Symposium zu verschiedenen Aspekten der Wagner-Rezeption in Israel veranstalten – und danach ein Konzert, privat finanziert mit Musikern aus Israel. Auf Druck von Politikern unterband die Universitätsleitung das Unternehmen mit fadenscheinigen Argumenten, kurz bevor es hätte stattfinden sollen. Ein Skandal, findet Livny, der heute aber überzeugt ist, dass früher oder später Wagners Musik in Israel gespielt werden kann. Die Frage ist nur: wann.

Der Respekt vor den Opfern gebietet ein Verbot

Der Radiojournalist und Musiker Moshe und die Literaturhistorikerin Itta Shedletzky in ihrem Wohnzimmer.

Bildlegende: Moshe und Itta Shedletzky glauben, dass früher oder später Wagner-Aufführungen in Israel möglich sein werden. SRF/Benjamin Herzog

Die Frage nach dem Wann stellen sich auch Itta und Moshe Shedletzky. Sie ist Literaturhistorikerin, er Radiojournalist und Musiker, und beide können mit der Musik Wagners eigentlich wenig anfangen. Dass man allerdings vom Symbol Wagner wegkommen müsse, davon sind beide überzeugt – von dem Symbol, das eben nicht nur für die Täter steht, sondern auch für die Opfer.

Aus Respekt vor den Holocaustüberlebenden sehen allerdings beide ein Fortbestehen des Aufführungsverbots als sinnvoll an. Nur: Diese Erinnerung wird verblassen, die Erinnerung an den Holocaust. Das habe mit dem unübersehbaren «Verschwinden des historischen Gedächtnisses» zu tun, meint Itta Shedletzky. Zehn Jahre, zwanzig, und es sei soweit.

Ein Komponist wird überschätzt

Alle, sowohl Livny von der Wagner-Gesellschaft, als auch die Shedletzkys, glauben, dass in Israel Wagner-Aufführungen möglich sein werden. Das Symbol Wagner – für die Täter, für die Opfer, für den Holocaust – wird zwar bleiben und im Hintergrund seine Rolle spielen. Aber vielleicht kommt die Gesellschaft in Israel ja zu der Einsicht, dass hier eine Fehlbesetzung vorliegt.

Wie sonst wäre zu erklären, dass das heutige «Israel Philharmonic Orchestra» ohne Bedenken Musik des ehemaligen Leiters der Reichsmusikkammer Richard Strauss spielt? Dass auf den Programmen des Orchesters Beethoven auftaucht, ein von den Nationalsozialisten mindestens ebenso sehr geschätzter Komponist wie Wagner? Und dass Mitglieder der Wagner-Gesellschaft, wie auch viele andere, gerne zu Aufführungen von Wagners Werk pilgern, nach Bayreuth, New York, Berlin?

Nicht vergessen sollte man überdies, dass im kulturellen Alltag der meisten Israeli Wagner so gut wie keine Rolle spielt. Eine Tatsache, die sich wohl überall auf der Welt bewahrheitet. Ein Komponist wird überschätzt: Holt Wagner vom Sockel herunter.

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