Was Mafiosi gerne hören

Das neapolitanische Volk liebt sie: Die «Neomelodischen» – Sänger und ihre Lieder, die sich an der italienischen Popmusik der 1980er-Jahre anlehnen. Vordergründig bieten die Lieder der «Neomelodischen» simpel gestrickten Pop, doch nicht wenige davon verherrlichen die Mafia.

Plakate an einer Mauer.

Bildlegende: Die Bewegung der «Neomelodischen» geht auf die 1980er-Jahre zurück. flickr

In Neapel bekommt man Musik zu hören, die nur dort existiert und die immer wieder mit der Mafia in Zusammenhang gebracht wird: Die «Neomelodischen». Diese «Canzoni» sind genau gesehen keine Musik der Camorra, auch wenn die neapolitanische Mafia die Sänger dieses Genres gerne und oft bei ihren Festen auftreten lässt und CD-Produktionen finanziert.

Vom Volkslied zum Hitparaden-Knaller

Die klassische «Canzone napoletana» ist ursprünglich ein volksmusikalisches Phänomen aus dem Grossraum Neapel, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand. In verschiedenen komischen Opern neapolitanischer Komponisten finden sich solche Lieder – vor allem wenn es darum geht, einer verehrten jungen Frau ein Ständchen zu bringen. Im frühen 19. Jahrhundert wurden diese ausgesprochen melodischen Lieder, anfangs nur mit Gitarre oder anderen Zupfinstrumenten begleitet, sehr populär. Doch ihre Beliebtheit blieb auf Neapel und die umliegenden Städte begrenzt.

Vorbilder aus den 80er-Jahren

Gesangsstars wir Enrico Caruso, Placido Domingo und Luciano Pavarotti verhalfen dem Genre schliesslich im 20. Jahrhundert über Neapels Grenzen hinaus zu Bekanntheit. Lieder wie «Santa Lucia», «O sole mio» und «Volare» wurden zu Welthits.

Die Bewegung der «Neomelodischen» geht auf die 1980er-Jahre zurück. Von der italienischen Popmusik unterscheiden sie sich dadurch, dass sie einen auffallend simplen Pop bieten. Vorbilder sind Sänger wie Pino Mauro oder auch Mario Trevi. Der Schule der «Neomelodischen» müssen auch Alan Sorrenti, Nino d’Angelo oder Pino Daniele zugerechnet werden. Mit einigen ihrer Songs, allerdings nie in neapolitanischem Dialekt gesungen, wurden diese auch in Nordeuropa bekannt.

Mafiabosse als Musikförderer

Nicht wenige der «Neomelodischen» arbeiten für die Mafia. In der Regel treten sie bei mafiösen Familienfesten auf oder werden von musikbegeisterten Mafiabossen gefördert. In Interviews auf diesen Umstand angesprochen, verweisen neomelodische Sänger immer wieder darauf, dass sie ja nicht wissen können, ob ihre Kunden in mafiöse Geschäfte verwickelt sind oder einem Clan angehören. In verschiedenen Fällen ermittelte und ermittelt die Staatsanwaltschaft, denn ihrer Meinung nach müssten die Sänger wissen, wer wo in Neapel den kriminellen Ton angibt.

Einige der «Neomelodischen» singen eindeutig mafiaverherrlichende Lieder. Gianni Celeste zum Beispiel besingt in seinem Lied «Nu latitante» das abenteuerliche Leben eines flüchtigen Mafiabosses. Viele dieser Lieder beschreiben die Mafia als Arbeitgeber und Helfer in der Not. Sie sind somit ein Spiegelbild der alltäglichen Realität in einer Region, die zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten in ganz Europa gehört.

Mafia-Lieder von Apulien bis Sizilien


Mafia und Kultur: Mafiöse «Canzoni»

3:02 min, aus Kultur kompakt vom 07.04.2014

Ähnliche Lieder gibt es auch bei der Mafia in Kalabrien, der 'Ndrangheta, der Santa Corona Unita in Apulien und der Cosa Nostra in Sizilien. Immer wieder versucht die Polizei, die Produktion und den Verkauf von CDs mit solcher Musik zu unterbinden. Immer wieder ohne Erfolg. Denn anscheinend, schrieb auch Anti-Mafia-Starjournalist Roberto Saviano, «gibt es ein Publikum für solche Musik».

In Neapel kann man die Mafiamusik in der Regel an Ständen auf Bürgersteigen kaufen. Dort werden sie, nicht selten unter den Blicken der Polizei, feilgeboten.