«Das Rheingold» – Oper als Kapitalismuskritik

Oper ist schöner Gesang und schöne Orchestermusik – und sie erzählt bewegende Geschichten. Oft mag das so sein. Richard Wagners «Rheingold» ist jedoch eine harsche Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts – mit schöner Musik und schönem Gesang.

Der Dirigent Jonathan Nott – kurze blonde Haare, heller Pullover – in Bewegung.

Bildlegende: Leitet die Aufführung von Wagners Oper «Rheingold» in Luzern: Jonathan Nott. Paul Yates

Herr Meier lässt sich ein Haus bauen. Geld dafür hat er zwar keines, dennoch engagiert er Arbeiter, und das Haus wird gebaut. Als es ans Bezahlen geht, bietet Herr Meier den Bauarbeitern seine Schwester als Lohnersatz an – vielleicht als Dienstmädchen oder auch noch als etwas anderes …

Ein Freund weist Herrn Meier darauf hin, dass sein Nachbar ein skrupelloser Fabrikbesitzer ist, der seine Arbeiter unter unwürdigen Bedingungen schuften lässt. Diesen Ausbeuter etwas zu erleichtern, wäre kein allzu grosses Verbrechen …

Symbol der unbeschränkten Macht

Eine bizarre Geschichte? – Es ist die Geschichte, die Richard Wagner im «Rheingold» erzählt. Herr Meier heisst dort Wotan, seine Schwester ist Freia, die Bauarbeiter sind die Riesen, der Freund ist Loge und der Fabrikbesitzer Alberich.

Er ist jener Nibelunge, der dem Ganzen den Namen gibt: «Der Ring des Nibelungen». Dieser Ring, von Alberich aus dem Gold des Rheins geschmiedet, symbolisiert unbeschränkte Macht. Er konnte nur von jemandem geschmiedet werden, der dafür der Liebe entsagt.

Eine bizarre Idee? – Setzen wir doch an die Stelle der Liebe mal Begriffe wie Rücksichtnahme, Fairness, Toleranz oder Sinn für Recht und Unrecht. Dann zeigt sich sofort, wie genau Wagner mit seinem Ring-Symbol den Kern der kapitalistischen Ellbogen-Gesellschaft trifft.

Natürlich muss nicht immer gleich Mord und Totschlag damit einhergehen, es genügt ja auch Raubbau an der Natur, Gewinnmaximierung, Menschenhandel – Machtausübung auf Kosten anderer.

Sozialrevolutionärer Wagner

Sopranistin Martina Welschenbach.

Bildlegende: Solistin am Lucerne Festival: Sopranistin Martina Welschenbach. Enrico Nawrath

Ohne Zweifel denkt der junge Wagner sozialrevolutionär. Zwar betrachtet er den Kommunismus als «abgeschmackteste und sinnloseste Lehre». Doch hofft er durchaus auf eine Zeit, in der «der dämonische Begriff des Geldes

von uns weichen wird mit all seinem scheusslichen Gefolge von öffentlichem und geheimem Wucher, Papiergaunereien, Zinsen und Bankiersspekulationen.»

Nach seinen Opern mit den romantischen Helden Holländer, Tannhäuser und Lohengrin sucht Wagner nun nach neuen Stoffen und neuen Helden. Und er findet sie in den Gestalten von Achilles, Christus und Siegfried, dessen Geschichte schliesslich im «Ring» Gestalt annimmt.

Ihnen allen ist in Wagners Sicht eigen, dass sie auf die egoistische Selbstverwirklichung der früheren Helden verzichten. Die neue Maxime ist nun die «soziale Vernunft der Menschheit, welche die Natur und ihre Fülle sich zum Wohle Aller zu eigen macht.»

Das gemeinsame Schicksal von Achilles, Christus und Siegfried ist zwar, dass sie an den realen gesellschaftlichen Verhältnissen scheitern, mit ihrem Tod aber der ersehnten Utopie den Weg bahnen.

Manch Niederträchtiges spielt sich ab

Es geht Wagner also in seinen Musikdramen nicht um Tagespolitik (obwohl er sich je nach Gelegenheit auch in diese einmischt). Er gestaltet mit seinem «Ring»-Zyklus vielmehr die allgemeingültige Wahrheit des uralten Mythos. Und er gestaltet ihn wesentlich mit den Mitteln des Musikdramas.

Da darf Wotans neuerbauter Palast in Glanz- und Gloria erstrahlen – obwohl die Baukosten doch gar nicht budgetiert sind und sich noch manch Niederträchtiges abspielen wird, bis die Götter am Schluss des «Rheingolds» mit Pauken und Trompeten in den Neubau einziehen.

Sendeplatz

Richard Wagner: «Das Rheingold». Live aus dem KKL Luzern: Freitag um 19:30 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

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