Girlie Anna Netrebko wird erwachsen

Die «Primadonna assoluta» Anna Netrebko singt wieder an den Salzburger Festspielen – dort, wo ihre Karriere vor 12 Jahren begann. Einst der Liebling der Klatschpresse, geht sie heute vorsichtiger mit den Medien um. Und: Netrebko hat sich von einer lyrischen zur dramatischen Sopranistin gewandelt.

Anna Netrebko singt.

Bildlegende: Anna Netrebko an den Salzburger Festspielen 2014. Reuters

Als Gesangs-Studentin putzte sie im Marinsky-Theater die Stiegen, um möglichst nahe bei Musik und Musikern zu sein. Mit solchen und ähnlichen Anekdoten betrat Anna Netrebko einst die grosse Bühne des Klassikmarktes. Und es funktioniert bestens: Bis heute verkauft keine CDs wie sie. Bloss ging dabei gern etwas vergessen: nämlich, dass sie in der Tat eine einzigartige Stimmfarbe hat.

Anna Netrebko posiert vor einem Plakat.

Bildlegende: Anna Netrebko 2004. Imago Stock

Neben der Stiegenputzgeschichte hat die Sopranistin so gut wie nichts ausgelassen und den (Medien-)Affen so richtig Zucker gegeben. Sie sprach öffentlich über Kleider, und alle berichteten darüber. Über Shopping-Touren – man schickte den Fotografen mit – über Mutterschaft, Karriere und den Sex mit dem Bariton Erwin Schrott.

Ungeschminkte Stories

Auf ihrem Blog konnte man in ein Wohnzimmer schauen (ist es ihres?), wo sie ungeschminkt über Restaurant-Pläne sprach und alle Arten von Gossip ausbreitete. Selbst über die Schlaflieder, die sie ihrem Söhnchen singt, berichtete sie. Dann, vor nicht allzu langer Zeit, überschritt sie die 40. Die Beziehung zum Bariton Erwin Schrott ging in die Brüche, die Stimme und damit auch das Repertoire entwickelte sich. Und mit ihrem Verdi-Album präsentiert sich uns eine neue Anna Netrebko.


So klingt Anna Netrebko

1:37 min, aus Weltklasse auf SRF 2 Kultur vom 10.08.2014

«Die Stimme ist reifer, ich bin reifer geworden», sagt sie, «und ich bin jetzt bei den interessanten Rollen angekommen». Vorbei also mit den süssen Mädels, den sogenannten «-inas». Ade Despina, Adina, Norina! Willkommen Elisabetta, Lady Macbeth, Leonore! Anders als andere Soprane kann aber Anna Netrebko die neuen, schwereren und wesentlich anstrengenderen Partien nicht erst an einem kleinen Haus ausprobieren. Weil jeder gleich hinrennt, um sie zu hören.

Die Nerven sind gestählt, die Stimmbänder auch

Auch die TV-Kameras kommen gefahren – und vorbei ist es mit dem Ausprobieren. Also nimmt sie sich etwas mehr Zeit und geht dann mit gestählten Nerven und Stimmbändern gleich an die grossen Häuser. Lady Macbeth hat sie in Genf getestet, Leonore aus dem Troubadour vergangenen Herbst in Berlin. «Eine verdammt schwere Rolle», sagt sie dazu.


Anna Netrebko über Leonore

0:25 min, aus Weltklasse auf SRF 2 Kultur vom 10.08.2014

«Leonore ist kein Zuckerschlecken», sagt sie. Weder für die Sängerin noch für die Darstellerin Anna Netrebko. Verwickelt in eine komplizierte, etwas irre Geschichte, ist sie eine weibliche Hauptrolle ganz im Sinne Verdis: liebend, dienend, sterbend. Kein Wunder, dass sich Netrebko schwer mit dieser Leonore tut: «Für mich als Frau des 21. Jahrhunderts ist es schwer, diese Frau zu begreifen. Alles, was sie fühlt und tut, spielt heute keine Rolle mehr».

Ein Sopran, dass es nur so kracht

Einen Funken ihrer Unbekümmertheit hat sie sich bewahren können. Bei der Premiere vergangenen Herbst in Berlin kommt sie auf die Bühne, beginnt ihre Arie und stockt nach ein paar wenigen Tönen. Was jetzt? Indisponiert? Dann räuspert sie sich – und singt weiter. Oder, wie es der Kritiker der «Berliner Zeitung» schreibt: Sie «schleudert dem Publikum ihren Sopran engegen, dass es nur so kracht».

Auch im Umgang mit den Medien hat sie die Fäden mittlerweile selber in die Hände genommen. Interviews gibt sie kaum mehr. Die Lust auf Fragen aller Art ist ihr definitiv vergangen. Lieber bestimmt sie heute selbst, welche Informationen von ihr an eine breitere Öffentlichkeit sollen. «Es geht mir wunderbar», twitterte sie jüngst.

Und auf Facebook postet sie – bevor die Gerüchteküche zu brodeln beginnt: «Anna Netrebko and Azerbaijani tenor Yusif Eyvazov (age 37) are pleased to announce their engagement. The couple began dating in March of this year when they appeared together in a production of Puccini’s Manon Lescaut at the Rome Opera House. A date for the wedding has not been set, and Anna and Yusif politely request that their privacy be respected.»

Sendehinweis

Radio SRF 2 Kultur überträgt die Oper «Il Trovatore» von Verdi mit den Wiener Philharmonikern und Anna Netrebko.

Weltklasse: Salzburger Festspiele – Staraufgebot für Verdi
10. August 2014, 21 Uhr

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