Thomas Adès neue Oper hält dem Publikum den surrealen Spiegel vor

Eine gehobene Gesellschaft sitzt in einem Zimmer fest, obwohl alle Türen offen stehen: 1962 dreht Luis Buñuel den Film «Der Würgeengel» – Surrealismus pur. 2016 macht Thomas Adès daraus eine Oper für die Salzburger Festspiele: ein klanggewaltiges, düsteres Märchen voller rätselhafter Momente.

Fünf Personen in einer Szene aus «The Exterminating Angel», in der Mitte singt Audrey Luna als Leticia.

Bildlegende: Die illusteren Gäste sind eingeschlossen: Szene aus «The Exterminating Angel», in der Mitte die Sopranistin Audrey Luna. Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus

Er habe eine Oper komponiert, die keinen Anfang und kein Ende habe, sagte der Komponist Thomas Adès jüngst zu Vertretern der Presse bei den Salzburger Festspielen.

Und tatsächlich: Als das Publikum im Salzburger Haus für Mozart den Zuschauerraum betritt, scheint die Uraufführung schon begonnen zu haben. Glocken auf verschiedenen Tonhöhen erklingen in einem regelmässigen Rhythmus, die Bühne ist matt erleuchtet, drei lebendige Schafe und ihr Hirte stehen am Rand.

Komponist Thomas Adès.

Bildlegende: Komponist Thomas Adès. Brian Voce/Salzburger Festspiele

Ein offenes Tor, kein Durchgang

In der Mitte der Bühne markiert ein überdimensionaler Fensterrahmen das Tor zur Welt: Jenes, durch das die Gäste die Villa betreten, jenes, das ihnen fortan verschlossen bleibt, obwohl es offen steht.

Schliesslich betritt der Komponist, der hier auch Dirigent ist, den Orchestergraben, auch das Publikum hat Platz genommen.

Man klatscht – und die Glocken der Ewigkeit klingen immer noch. Bis die Orchestermusik, gespielt vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien, rasant an Fahrt aufnimmt.

Immer schon vertraut

Er hat ein Gespür für Theatralik, der 1971 in London geborene Thomas Adès. Und ein Gespür für die Sinnhaftigkeit von Traditionen: Seine Kompositionen kopieren ganz freimütig aus der gesamten Musikgeschichte, er positioniert prominente Zitate an pointierten Orten. Kirchenglocken wirken auch auf der Opernbühne gut.

Thomas Adès ist ein Shootingstar der Neuen Musik – vermutlich auch, weil seine Musik alles andere als verkopft ist. Sie ist emotional und sinnlich, weder atonal noch tonal, und aufgrund ihres hohen Zitateschatzes immer schon ein bisschen vertraut.

Grosse Partner, viel Jubel

Seine ersten beiden Opern, «Powder Her Face» von 1995 und «The Tempest» von 2004 sind echte Kassenschlager geworden. Seine dritte Oper «The Exterminating Angel», zu deutsch: «Der Würgeengel», wird es vermutlich auch.

Schon durch die vielen Kooperationspartner – das Royal Opera House in London, die New Yorker Metropolitan Opera und die Kopenhagener Oper – ist eine hohe Anzahl an Aufführungen garantiert. Und die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen wurde frenetisch bejubelt.

Sally Matthews (Silvia) rennt in Abendgarderobe zwischen zwei Sofas, auf denen zwei Frauen mit zu Boden gerichtetem Blick sitzen.

Bildlegende: Auf engstem Raum gefangen: im Bild Sally Matthews als Silvia. Salzburger Festspiele/Monika Rittershauser

Geheime Mächte sind am Werk

Dabei hält «The Exterminating Angel» ausgerechnet jenem Publikum einen Spiegel vor, das hier so ausgelassen klatscht. Die Oper basiert auf dem gleichnamigen Film Luis Buñuels, einem Surrealisten.

Eine Gruppe vornehmer Leute trifft sich nach einer Opernaufführung in einer luxuriösen Villa. Das Abendessen soll serviert werden, doch die Bediensteten fliehen. Seltsamerweise können die Gäste aber das Haus nicht verlassen, nicht einmal mehr das Zimmer.

Warum, das weiss niemand. Und was mit diesen vornehmen Menschen passiert, wenn sie tagelang auf engstem Raum eingeschlossen sind, ohne Nahrung, ohne Wasser, wenn sie einander sogar umbringen wollen, um die geheime Macht, die sie da festhält, zu besänftigen: All das zeigt dieser Film ganz schonungslos – und die Oper auch.

Musik im Tempo des Herzschlags

Der Librettist Tom Cairns hat diese Oper in Salzburg inszeniert, in einer recht klassischen Optik. Das gibt der Musik umso mehr Wirkungsraum.

Sie scheint nie stillzustehen, und ihr rhythmisches Tempo variiert wie der Herzschlag der Figuren – oft ganz aufgeregt, und manchmal apathisch.

Dazwischen erklingen immer wieder symbolträchtige Signale, etwa die Kirchenglocken, oder die betörenden Klänge des Ondes Martenot.

Dieses frühe elektronisches Tasteninstrument steht für den Vernichtungsengel. Es erklingt immer dann, wenn einer der Gäste flüchten will – wie eine elektronische Schranke also.

Eine fast endlose Chaconne

Das Ende der Oper hat Thomas Adès im Stil einer Chaconne vertont – einer Chaconne, die ewig klingen soll. Das tut sie natürlich nicht: Dirigent Adès zieht einen Schlussstrich, das Publikum jubelt.

Vielleicht hat es gar nicht gemerkt, dass Cairns und Adès ihresgleichen auf die Bühne geholt haben, dass sie gezeigt haben, wie schnell die edle Fassade bröckelt, wenn Wasser und Nahrung fehlen.

Buñuel ging es um eine Abwesenheit von Willen, ein Fehlen von Absicht und Handeln. Für Adès bedeutet das den völligen sozialen Zusammenbruch, das Ende der Welt. Hochaktuelle Themen, in eine Musik gekleidet, die das Gestern ins Heute transferiert und die Gleichzeitigeit des Ungleichzeitigen Klang werden lässt.

Jetzt online

Wir bieten die Aufführung der neuen Oper von Thomas Adès an den Salzburger Festspielen vom 28. Juli 2016 vom 10. bis 17. August als Audio on Demand zum Nachhören an.

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