Wie Paul Simons «Graceland» die Absurdität der Apartheid bewies

Am Anfang stand eine Kassette mit Akkordeonmusik. Am Ende ein Meilenstein der Popgeschichte. Was Sänger Paul Simon vor 30 Jahren mit seinem Album «Graceland» auslöste, würden wir heute einen Shitstorm nennen. Ein Blick zurück.

Paul Simon (M.) 1987 auf «Graceland»-Tournee mit dem Chor «Ladysmith Black Mambazo».

Bildlegende: «Graceland» ebnete südafrikanischen Musikern den Weg: Paul Simon (M.) 1987 auf Tournee mit «Ladysmith Black Mambazo». Getty Images

Kaum jemand, der diesen Sound gehört hat, kriegt ihn wieder aus dem Kopf: Zögernd und verweht pumpt das Akkordeon. Lässt sich gerade so viel Zeit, dass man verwirrt aufhorcht. Und dann rattert der Zug los, mit brachialem Beat und einem schnarrenden Fretless Bass …

«It was a slow day, and the sun was beating on the soldiers by the side of the road» – dieser Song, «The Boy In The Bubble», eröffnet Paul Simons Album «Graceland».

Auf ins Abenteuer: wegen einer Audiokassette

Der Anfang des Albums spiegelt seine Entstehung. Paul Simon, der neben «Simon & Garfunkel» auch als Solokünstler unterwegs war, erlag dem Zauber einer südafrikanischen Audiokassette, «Accordion Jive Hits». Keine Frage, er musste dahin, wo dieser «Township Jive» gemacht wurde, ins Land der Apartheid.

Wie würden die Ingredienzien miteinander reagieren, die vertrackt poetische Songkunst des New Yorkers mit den pulsierenden Sounds und den Stimmen aus dem Unrechtsstaat am Kap?

Sprungbrett und Befreiungsschlag

Für Paul Simon, der in einer kreativen und persönlichen Krise steckte, erwies sich das Projekt als künstlerischer Befreiungsschlag. Anschliessend ging er mit dem Kern der Studioband auf Tournee. Wer sonst hätte diese Grooves reproduzieren können, den magischen Bass von Bakithi Kumalo, die klingelnden Gitarrenriffs von Ray Phiri. Für diese Musiker und für den Chor «Ladysmith Black Mambazo» erwies sich «Graceland» als internationales Sprungbrett.

Paul Simon singt an der National Convention der Demokraten in Philadelphia.

Bildlegende: Steht mit 74 Jahren noch auf der Bühne: Paul Simon trat Ende Juli am Parteitag der US-Demokraten in Philadelphia auf. Reuters

Erfolg inklusive Skandal

Doch zunächst erlebte Simon das, was heute ein Shitstorm genannt wird. Mit seiner Arbeit in Südafrika hatte er den Kulturboykott der Vereinten Nationen und des African National Congress (ANC) unterlaufen. Die Logik des ANC war einfach: Der Befreiung von Südafrika dient das Projekt nicht, also ist Simon nicht willkommen.

Für den Popstar selbst kam das Gewitter aus heiterem Himmel, hatten ihn doch seine Berater Harry Belafonte und der Exil-Südafrikaner Hugh Masekela ermuntert, seine Pläne zu realisieren.

Drei Jahrzehnte später erscheinen die Fakten in anderem Licht. Das rassistische Apartheid-Regime überlebte «Graceland» nur um wenige Jahre. Ob ihm die LP und ihr Erfolg sogar ein schnelleres Ende bescherte, bleibt reizvolle Spekulation.

Ein Album führt Welten zusammen

Simons Album, das sich bis heute mehr als 14 Millionen Mal verkauft hat, diente der südafrikanischen Musik und ihren Protagonisten als Podium.

Das Albumcover von «Graceland».

Bildlegende: «Graceland» ist mi über 14 Millionen verkaufter Exemplare und zwei Grammys das erfolgreichste Album von Paul Simon. Wikimedia

Mit diesen Liedern und den Künstlern, die Simon auf der Tournee begleiteten, bekam das Publikum ein sinnliches Südafrika vorgeführt: eindrucksvolle Gesichter und Stimmen von Apartheid-Opfern, wie die der «Graceland»-Musiker oder die der Gaststars Miriam Makeba oder Hugh Masekela.

Ohne politische Interessenskonflikte im Hintergrund, fällt das Fazit zu «Graceland» heute leicht:

Die Absurdität der Rassentrennung wurde kaum je überzeugender bewiesen, als in diesem Album, das effektiv Welten zusammenführte. Und damit die Welt bewegte.

Sendehinweis

Sendehinweis

Zum 30. Jahrestag des Erscheinens von Paul Simons «Graceland» zeigt «Sternstunde Musik» den Film «Under African Skies»: Sonntag 21. August 2016, 23:20 Uhr auf SRF 1.

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