Wohltuend unkommerziell: Die Kilbi in Bad Bonn

Im Bad Bonn im freiburgischen Düdingen wird schon seit 23 Jahren Ende Mai die Festivalsaison würdig eröffnet: Die Kilbi ist sympathisch im Auftritt, wagt musikalische Experimente und bringt einige grosse Namen auf die Bühne.

Sänger Wayne Coyne von der Band Flaming Lips auf der Bühne

Bildlegende: Sänger Wayne Coyne von der Band The Flaming Lips – einer der Höhepunkte der diesjährigen Bad Bonn Kilbi. wherethehellisthepress.net

Kultfilmregisseur Jim Jarmusch stapft mit seinem Gitarrenkoffer im dunklen Backstage-Bereich über sorgsam ausgelegte Holzschnitzel – eine suggestive Szenerie, die einem seiner Filme entstammen könnte. Ob er mit seinem selbstversunkenen Auftritt zufrieden ist? Wir wissen es nicht. Kein Wort von dem Mann, der hier Kräfte tankt für seinen bevorstehenden Auftritt in Cannes, wo er zwei Tage später mit seinem neuen Film der Meute vorgeworfen wird.

Oder der wuschelhaarige Sänger Kurt Vile aus Philadelphia: Ihn erinnert das urgemütliche Gelände am Rande der Zivilisation an eine verwunschene Szenerie aus Star Wars mit den putzigen Ewoks.

Von Verzückung bis Überforderung

Beides typische Kilbi-Momente: Da treten Künstler auf, die das Publikum begeistern und herausfordern. Manchmal auch überfordern. Hauptsache, es passiert etwas Aussergewöhnliches. Exzentriker haben hier ihren Platz neben Rätselhaften, die Palette reicht in diesem 23. Jahr in Bad Bonn wieder von intimen sinfonischen Darbietungen über Gitarrenrock bis zu Hardcore Hip-Hop.

Schriftzug «Where the hell is Bad Bonn?»

Bildlegende: «Where the hell is Bad Bonn?» Legendärer Schriftzug am Klubhaus in Düdingen. wherethehellisthepress.net

Noch bis in die 60er Jahre erholten sich Kurgäste in Bad Bonn. Heute ist  es ein Ort der alternativen Musikkultur. Mit Ganzjahresprogramm im Klub und der international etablierten Kilbi. Understatement und Selbstironie gehören mit dazu, legendär ist schon nur der Schriftzug am Klubhaus: «Where the hell is Bad Bonn?» Manch ein Tourbusfahrer soll schon geflucht haben, als er sein grosses Gefährt über das schmale Strässchen vorbei an idyllischen Feldern und alten Bauernhäusern zirkeln musste.

Shoegazer und Progressive-Magier

Zampano dieses sympathisch verrückten Jahrmarkts ist Daniel Fontana. Er programmiert seit Beginn mit Leidenschaft und dem Gespür für befruchtende Kombinationen. 2200 Leute können an jedem der drei Tage aufs Gelände, mehr sollen es nicht werden, trotz grosser Nachfrage.

Zurück ins Hier und Jetzt: Die irisch/englische Kultband My Bloody Valentine tritt auf. Sie steht nicht im Ruf, das grelle Licht zu suchen, und gilt als Pionier des «Shoegazer»-Genres: Der Blick ist nach unten gerichtet, auf die Schuhe oder eher die Effektgeräte. Wieder neu formiert, sind sie mit ihrem ersten Album seit zwanzig Jahren unterwegs und geben in Düdingen eine laute Demonstration ihres verzerrten Gitarrensounds.

Sympathisch unkommerziell

Zweifellos der Höhepunkt dieser drei aussergewöhnlichen Tage ist aber der Auftritt der Progressive-Rockband Flaming Lips aus Oklahoma am späten Samstag abend. Der exzentrische Sänger Wayne Coyne inszeniert sich dabei als musikalischer Hohepriester, die Bühne ist voller Plastikschläuche, durch die LED-Lämpchen wie Blut pulsieren. Und auch sonst passiert allerhand Aufregendes, zum Beispiel beschliesst die Band mit einem hypnotisch düsteren Konfettiregen die diesjährige Kilbi – einmal mehr ein durch und durch sympathischer und wohltuend unkommerzieller Auftakt der Festivalsaison.

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Kilbi-Organisator Daniel Fontana: «Viele staunen über das Line...

0:25 min, vom 30.5.2013

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Das familiärste Musikfestival der Schweiz

    Aus Kulturplatz vom 29.5.2013

    Seit über zwanzig Jahren ist die Bad Bonn Kilbi die fulminante Eröffnung in die Open-Air-Saison. Dem familiärsten aller Schweizer Musikfestivals gelingt es jedes Jahr, hochkarätige Namen in die beschauliche Provinz nach Düdingen bei Freiburg zu locken. Viele Musikerinnen und Musiker kommen nur wegen des Festivals. «Kulturplatz» mit einer Reportage von bewegten Tagen mit den sympathischen Schaffern in der fruchtbaren Provinz.

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