Stallluft als Allergieschutz Dem Heuschnupfen stinkts im Stall

Wer als Kind viel im Kuhstall herumtobte, leidet als Erwachsener weniger unter Heuschnupfen oder Asthma. Jetzt verstehen Forscher allmählich, weshalb.

Kleiner Junge schaufelt Futter für Kuh.

Bildlegende: Was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker: Dieser Nachwuchsbauer wird wohl nicht an Heuschnupfen leiden. Photocase

Das Wichtigste in Kürze:

  • Bakterien trainieren das Immunsystem kleiner Kinder.
  • Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, sind später weniger anfällig für Heuschnupfen oder Asthma.
  • Forscher suchen nach den schützenden Bakterien in der Stallluft und in Rohmilch
  • Wenn fest steht, welche Kuhstall-Bakterien schützen, könnten auch Stadtmenschen davon profitieren.

Seit einigen Jahren wissen Forscher: Heuschnupfen oder Asthma kommen vor allem dort vor, wo Menschen unter sehr hygienischen Bedingungen leben, also mit nur wenigen Bakterien in Kontakt kommen.

Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass das Immunsystem vor allem kurz nach der Geburt trainiert wird. Dann braucht es dringend den Kontakt zu den Mikroben.

Bakterien beeinflussen das Immunsystem

«Viele Untersuchungen zeigen, dass Bakterien die Reifung des Immunsystems beeinflussen», sagt Mathias Hornef von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

Ohne diesen frühen Kontakt zu körpereigenen Bakterien kann es passieren, dass das Immunsystem später im Leben auf harmlose Dinge wie Pollen oder Katzenhaare reagiert.

Auch Benjamin Marsland von der Universität Lausanne hat nachgewiesen, dass empfindliche Mäuse viel stärkere Asthmaanfälle bekommen, wenn sie vorher nie im Leben Kontakt zu Bakterien gehabt haben. «Wenn die Tiere aber kurz nach der Geburt von Bakterien besiedelt waren, verliefen die Asthmaanfälle deutlich harmloser», so Marsland.

Kinder vom Bauernhof haben keinen Heuschnupfen

Auch die so genannten Bauernhofstudien legen nahe, dass Bakterien das Immunsystem kleiner Kinder trainieren. Erika von Mutius vom Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München hat diesen Zusammenhang als eine der ersten untersucht und nachgewiesen.

«Wir hatten schon vorher gesehen, dass Menschen, die mit Kohle und Holz heizen, vor Allergien geschützt sind und konnten uns das nicht erklären», erinnert sich die Allergieforscherin.

«Ein Schularzt in der Schweiz hat uns dann auf die richtige Spur gebracht. Ihm war aufgefallen, dass Kinder, die auf dem Bauernhof aufgewachsen waren, keinen Heuschnupfen haben.» Die Forscher änderten daraufhin ihren Fragebogen und fanden so heraus: Menschen, die noch mit Holz und Kohle heizen, leben meist auf Bauernhöfen.

Milch macht gesund

Die Untersuchungen an Bauernkindern haben nicht nur gezeigt, dass die Bakterien in der Stallluft, sondern auch Rohmilch möglicherweise einen Allergieschutz bieten. Das haben Forscher aus Utrecht vor kurzem bei Mäusen bestätigt.

«Wir wissen, dass Milch einzigartige Immunzellen und viele andere Komponenten enthält, die das Immunsystem beeinflussen und werden nun nach den Verbindungen suchen, die den Schutzeffekt ausmachen», sagt Johan Garssen, der an der Studie beteiligt war.

Wie früher Rohmilch zu trinken, hält er aber für gefährlich. Besonders für kleine Kinder: Sie kann Krankheitserreger enthalten, die Säuglinge umbringen können.

Stallluft für Stadtmenschen

Gleichzeitig suchen Forscher auch nach den schützenden Bakterien in der Stallluft. Auf den Bauernhof zu ziehen ist momentan vermutlich immer noch die effektivste Massnahme, um seinen Nachwuchs vor Allergien zu schützen.

Doch wenn Forscher eines Tages wissen, welche Kuhstall-Mikroben schützen und wenn sie diese in Wohnungen ansiedeln, könnten auch Stadtmenschen vom Bauernhof-Effekt profitieren.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 24.06.2017, 12:40 Uhr

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