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Geschichte der Medizin Ein Schweizer Grosserfolg: Mit Sonnenlicht gegen Tuberkulose

Heute setzt man Lichttherapien bei Depressionen oder Hautkrankheiten ein. Um 1900 behandelte man damit die Seuche Tuberkulose. Doch der Erfolg hielt nicht lange an.

Menschen in Unterhose und mit Sonnenhut turnen auf
Legende: Heliotherapie um 1900: Mit viel Sonnenlicht und körperliche Ertüchtigung gegen die Tuberkulose SRF

Mit Licht heilen: Auf diese Idee kam der Engadiner Arzt Oskar Bernhard, Link öffnet in einem neuen Fenster um 1900 – beim Anblick von Bündnerfleisch. Er beobachtete, wie Bauern Fleischstücke im Freien tagelang zum Trocknen aufhängten, um sie haltbar zu machen – auch gegen Keime.

Inspiriert von Bündnerfleisch

Wenn das Sonnenlicht Krankheitserreger im Fleisch abtötet, so dachte der Mediziner, müsste das auch beim Menschen funktionieren. Also ordnete Oskar Bernhard an, dass man die schlecht heilende Wunde eines Patienten intensivem Sonnenlicht aussetzen möge.

Und siehe da: Bereits nach 90 Minuten sah die Wunde besser aus. Bernhard setzte die Behandlung bei weiteren Patienten ein – und sie half genauso.

Legende: Video «Licht und Medizin in der Geschichte» abspielen. Laufzeit 1:22 Minuten.
Vom 08.12.2016.

Erste Klinik in der Westschweiz

Oskar Bernhards Erfolge sprachen sich herum. Bald eröffnete der Westschweizer Arzt Auguste Rollier, Link öffnet in einem neuen Fenster in Leysin die erste Klinik, die sich auf Heliotherapien für Tuberkulose-Kranke spezialisierte. Denn die von Bakterien verursachte Infektionskrankheit war damals ein grosses und ungelöstes Problem – auch in der Schweiz.

Sonnenbaden und Turnen

Rollier ergänzte das therapeutische Sonnenbaden allerdings mit Bewegung und Arbeit. Fast nackt liess er seine Patienten unter freiem Himmel turnen. Und das zeigte Wirkung. Doch weshalb? Das konnten die damaligen Mediziner nicht erklären.

Heute weiss man freilich, dass Sonnenlicht die Bildung von Vitamin D anregt, das wiederum das Immunsystem stärkt. So kann der Körper Bakterien wie die Tuberkulose-Erreger besser bekämpfen.

Siegeszug und Niedergang

Die in der Schweiz entwickelte Heliotherapie war Anfang des 20. Jahrhunderts jedenfalls ein grosser Erfolg. Rollier baute mehrere «Sonnenkliniken» und wurde, wie auch Oskar Bernhard, mehrmals für den Medizin-Nobelpreis nominiert, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Tatsächlich brachte die Behandlung mit Sonnenlicht vielen Tuberkulose-Kranken zwar eine Linderung der Symptome, aber selten Heilung. In den 1940er-Jahren fand mit Antibiotika eine wirksamere Waffe im Kampf gegen Tuberkulose.Und so zeugen heute nur noch Überbleibsel wie die Hochgebirgsklinik Davos von der einst glorreichen Zeit der Heliotherapie in der Schweiz.

Sendung: SRF 1, Einstein, 8.12.16, 21:00 Uhr

1 Kommentar

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  • Kommentar von Heidy Rüegg (heidy70)
    1935 geb. wude ich als Kleinkind von einer Bekannten mit Tuberkulose angesteckt. Nach mehreren Mon. im Kinderspital ZH wurde ich in eine Lungenklinik (Clavadel) in Davos gebracht, wo ich 18 Mon. verbrachte. Während der ganzen Schulzeit wurde ich immer wieder untersucht, aber ich war geheilt. Heute bin ich 81 J. alt.
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