Umstrittene Kontrastmittel Wenn nach der Röhre Metall im Kopf zurückbleibt

Für MRI-Untersuchungen wird meist ein Kontrastmittel gespritzt. Nun will die EU vier dieser Mittel vorsorglich verbieten – weil sich Rückstände im Gehirn ablagern.

Ein MRI-Scanner im Spital in Amsterdam.

Bildlegende: Kontrastmittel helfen bei MRI-Untersuchungen. Sie könnten für die Gesundheit bedenklich sein. Keystone

  • Wer sich einer MRI unterzieht, erhält Kontrastmittel gespritzt. Manche Kontrastmittel verursachen Ablagerungen im Gehirn.
  • Betroffen sind Kontrastmittel mit dem Metall Gadolinium. Die EU-Arzneimittelbehörde empfiehlt, auf vier von diesen Mitteln zu verzichten.
  • Patienten sind im Dilemma. Eine MRI-Untersuchung ohne Kontrastmittel könnte die Diagnose verschlechtern.

Wer für eine Abklärung in die Röhre muss, bekommt meistens ein Kontrastmittel gespritzt. Es hilft, Gewebe und Organe deutlicher darzustellen.

Bei einer Magnetresonanztomografie, kurz MRI, enthalten diese Kontrastmittel ein magnetisches Metall. Dieses hat es in sich: Japanische Wissenschaftler äusserten vor vier Jahren als erste den Verdacht, Bestandteile dieses Metalls würden sich in geringen Mengen im Gehirn ablagern.

Viele Studien haben dies inzwischen bestätigt. Nun empfiehlt eine Kommission der Europäischen Arzneimittelbehörde, vier geläufige MRI-Kontrastmittel aus dem Verkehr zu ziehen.

Praktisch, aber hochgiftig

Die Aufregung dreht sich um das Metall Gadolinium: ein seltenes Metall, das sich wegen seiner magnetischen Eigenschaften für MRIs eignet. Bei dieser Bildgebung wird ein starkes Magnetfeld dazu genutzt, Bilder von den Weichteilen des Körpers herzustellen.

Bevor sich der Patient in die Röhre legt, wird ihm das Kontrastmittel gespritzt. «Über die Blutbahn verteilt es sich im ganzen Körper», erklärt der Radiologe Johannes Heverhagen vom Inselspital Bern. So werden Organe und Gewebe noch besser sichtbar.

Trotz Schutzmantel im Gehirn

Allerdings ist freies Gadolinium hochgiftig. Deswegen wird es für die Verwendung als Kontrastmittel in eine chemische Verbindung eingepackt: Diese umhüllt es wie ein Mantel. Dass sich nun trotzdem Rückstände von Gadolinium-Partikeln im Gehirn nachweisen lassen, überrascht die Fachleute.

Experten gingen immer davon aus, das Metall sei in seiner Verpackung sicher. Zudem wurde angenommen, es würde die Blut-Hirn-Schranke, eine Art Schutzbarriere des Gehirns, nicht überwinden.

Ein Irrtum, wie man heute weiss: Über den sogenannten Liquor – die Flüssigkeit, welche das Rückenmark umgibt – gelangen die Partikel ins Zentrale Nervensystem und somit ins Gehirn.

Bislang keine Nebenwirkungen

Ob die Rückstände gesundheitsschädigend sind, ist völlig unklar. Johannes Heverhagen betont, es gebe bislang keine Hinweise auf schädliche Nebenwirkungen. Das, obwohl jedes Jahr auf der ganzen Welt Millionen von MRIs gemacht werden.

Trotzdem nehmen Ärzte die Sache ernst. Gemäss dem Radiologen Jörg Barkhausen aus Lübeck hat unter den Spezialisten ein Umdenken stattgefunden. «Heute werden Kontrastmittel nicht mehr so unkritisch eingesetzt wie früher», sagt er: «Wir fragen uns bei jedem Patienten, ob wir das Kontrastmittel wirklich brauchen. Wenn möglich versuchen wir, die MRI-Aufnahme ohne Kontrastmittel zu machen.»

Dilemma für Patienten

Dieser Verzicht empfiehlt sich längst nicht immer. Denn Tumore oder Entzündungsherde sehen die Radiologen meist nur mit Kontrastmitteln. Darin liegt denn auch die Krux für Patientinnen und Patienten.

Sie geraten ins Dilemma, wie Johannes Heverhagen erklärt: «Sie müssen abwägen, ob sie geringe Mengen Gadolinium in Kauf nehmen oder möglicherweise eine Krebsdiagnose verpassen wollen.»

Schweiz will nachziehen

Heverhagen sagt, er würde bei dieser Abwägung auf jeden Fall das Kontrastmittel wählen. So denken die allermeisten Radiologen.

Für Patienten aber bleibt das Dilemma ungelöst. Für sie bleibt abzuwarten, bis die Europäische Arzneimittelbehörde endgültig entscheidet. Bleibt diese bei ihrer Empfehlung, will die Schweiz nachziehen. Dann sind zumindest die vier umstrittensten Kontrastmittel weg vom Markt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 20.5.17, 12:40 Uhr

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