An der Handelsroute von Opium und Heroin

Im indischen Gliedstaat Punjab ist die Drogenabhängigkeit besonders hoch. Punjab liegt an der Grenze zu Pakistan und auf der Handelsroute von Opium und Heroin. Aber das sind nicht die einzigen Gründe für die Abhängigkeit von Tausenden. Eine Reportage.

Ein Opiumfeld in Afghanistan, mitten drin ein Landwirt.

Bildlegende: Afghanistan ist der grösste Opium- und Heroinhersteller. Keystone

Aman verschwindet beinahe in seiner schwarzen Bomberjacke. Zusammengesunken und mit trübem Blick sitzt er auf einem Stuhl in einer privaten Drogenentzugsklinik in der Stadt Amritsar.

Vor zwölf Jahren begann er, Heroin zu rauchen. Damals war er 18 und Gymnasiast. Jetzt ist er 30 und dies ist sein neunter Versuch, von den Drogen wegzukommen: «Die Drogen kommen aus Pakistan und sind einfach erhältlich. Weil ich Geld brauchte, wurde ich selbst ein Dealer. Ich bestach die Polizei wann immer möglich. Nur einmal musste ich ins Gefängnis. Dort waren die Drogen noch billiger und wurden von den Wärtern verkauft. Und nach jedem Entzug kamen meine alten Freunde zurück. Es war unmöglich, von den Drogen loszukommen.»

Tabuthema Drogensucht

Drogenabhängigkeit ist kein neues Phänomen im Punjab, aber bis heute bleibt es ein Tabuthema, das von den Betroffenen totgeschwiegen und von den Politikern ignoriert wird.

Der Gliedstaat Punjab liegt an der Grenze zu Pakistan. Opium, Heroin und andere Schmuggelware gelangen seit Jahrzehnten aus Afghanistan über Pakistan illegal nach Indien. Arbeiter nehmen Opium, um härter schuften zu können. Alkohol und Medikamente, die in Indien leicht erhältlich sind, sind vor allem in der ärmeren Bevölkerungsschicht weit verbreitet.

Arbeitslosigkeit, Gruppendruck und Langeweile

Der Missbrauch von harten Drogen habe in Punjab in den vergangenen Jahren stark zugenommen, sagt P. D. Garg, der Arzt und Leiter der Entzugsklinik: «Der Hauptgrund ist die Arbeitslosigkeit, dazu kommen der Gruppendruck und die Langeweile.»

Hohe Landpreise hätten dazu geführt, dass auch immer mehr reiche Grossgrundbesitzer dem Heroin verfallen. Sie verkauften ihr Land und wüssten auf einmal nicht mehr was tun mit so viel Geld, sagt Ajmer. Er ist 34-jährig, Grossgrundbesitzer, Vater und abhängig. «In den Dörfern nehmen viele reiche Bauern Drogen. Aus Spass, aus Langeweile, und weil sie Geld haben.»

In einem kleinen Bauerndorf nahe der pakistanischen Grenze schiebt der Bürgermeister die Schuld für das wachsende Problem den vorbeiziehenden Händlern in die Schuhe. «Seit sechs Jahren verkaufen die Händler immer mehr Heroin im Dorf. Schmuggler aus Pakistan geben die Drogen gratis an die Bauern ab und machen sie so zu Abhängigen und später zu Dealern, die für sie arbeiten.»

Einer von zehn Bauern betroffen

Einer von zehn Bauern sei heute in seinem Dorf abhängig. Wie das Problem zu lösen ist, weiss der Bürgermeister nicht. Einige Dorfbewohner sagen, dass der Bürgermeister selbst Teil des Problems sei. Vom landlosen Arbeiter hat er es zum Bürgermeister und Besitzer eines modernen dreistöckigen Hauses gebracht. Das sei nur mit dem Verkauf von Drogen möglich gewesen.

Politiker und Polizei mischten fleissig mit im Drogengeschäft, sagen lokale Beobachter. Die Abhängigen könnten sich deshalb einzig auf ihren Willen und ein paar private Entzugszentren verlassen, um der Sucht ein Ende zu bereiten.

Der Grossgrundbesitzer Ajmer will sauber werden: «Die Gesellschaft verachtet mich, meine Familie ignoriert mich.» Nach dem Entzug plant Ajmer auszuwandern.

Der abhängige Aman will Bauer werden. Heute sei er stark genug. Sein neunter Entzug werde gelingen. Jetzt muss er nur noch seine alten Freunde loswerden.

Heute ist der internationale Tag gegen Drogenmissbrauch. Die UNO hat zu diesem Anlass ihren Weltdrogenbericht in Wien vorgestellt.