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International Der kurdischen Diaspora schwant Böses

Der Triumph der Erdogan-Partei beschäftigt auch die türkische Diaspora in der Schweiz. Sie ist wie ihre neue Heimat ein Sonderfall: Rund zur Hälfte besteht sie aus Kurden. Der SP-Politiker Mustafa Atici blickt sorgenvoll in die Türkei.

Kurden bei einer Demonstration in Bern am 12. September 2015
Legende: In der Schweiz ist die kurdische Diaspora gut vernetzt. Der Wahlausgang in ihrer Heimat ist eine herber Schlag für sie. Keystone

Fast die Hälfte der Stimmen vereinigt die AKP in der Türkei auf sich. Kaum ein Land auf dem europäischen Kontinent verfügt über derart klare Machtverhältnisse. Und kaum eines ist derart gespalten. Der Erdrutschsieg der islamisch-konservativen Erdogan-Partei ist ein Niederschlag für die liberale und säkulare Opposition. Immerhin: Die pro-kurdische HDP hat die 10-Prozent-Hürde genommen und ist im Parlament vertreten.

Der klare Ausgang der Wahlen wird das zerstrittene Land kaum einen. Stattdessen könnte es zu einer noch stärkeren Polarisierung kommen. Denn das absolute Mehr der Erdogan-Partei werfe die Frage auf, ob die kurdische Sache in Ankara überhaupt noch Gehör findet, sagt Inga Rogg, Nahost-Korrespondentin der NZZ: «Falls nicht, werden sich militante Jugendliche weiter radikalisieren.» Und sollte Erdogan gänzlich auf eine Aussöhnung verzichten und weiter auf Gewalt setzen, drohe die Lage in den Kurdengebieten endgültig zu eskalieren.

Auch die Diaspora ist zerstritten

Wie verhärtet die Fronten zwischen Kurden und Türken auch in der Diaspora sind, zeigte sich vor wenigen Wochen in Bern. Eine Kundgebung von türkischen Nationalisten in der Innenstadt rief kurdische Gegendemonstranten auf den Plan. Die Bilanz des Aufeinandertreffens: 22 Verletzte, Schlimmeres konnte nur durch ein Grossaufgebot der Polizei verhindert werden. Wieder einmal wurden Ängste befeuert, dass der Funke von der Türkei auf die Diaspora überspringt.

In der Schweiz leben rund 120‘000 Menschen türkischer Herkunft, schätzungsweise die Hälfte von ihnen sind Kurden. Einer von ihnen ist Mustafa Atici. Er stammt aus der Provinz Kahramanmaras, der Heimat vieler alevitischer Kurden. 1992 kam er zur Weiterbildung in die Schweiz. Er ist geblieben. Heute ist Atici Unternehmer, Gastronom und Vizepräsident der SP Basel-Stadt.

Die Leute sagen mir: ‹In diesem Land kann man nicht mehr leben›
Autor: Mustafa Atici

Wie die Mehrheit der türkischstämmigen Diaspora in der Schweiz unterstützt Atici die HDP. Von einem Hoffnungsschimmer spricht er, wenn er auf ihr Wahlresultat schaut: «Viele halten das für selbstverständlich, das ist es aber nicht.»

Denn in den letzten Monaten habe es «extreme Repressalien» gegeben, die alles und jeden erfassten, der nicht die AKP-Linie vertritt: «Linke, Liberale, Kurden – alle litten darunter. Dann kamen bei den Bombenanschlägen allein in Ankara über 100 Menschen ums Leben.» Das alles habe die Opposition eingeschüchtert, sagt Atici. Das sei der Hauptgrund für das Resultat.

Atici blickt sorgenvoll in seine Heimat: «Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, sagen mir: ‹In diesem Land kann man nicht mehr leben›». Die Stimmung in seinem Umfeld sei schlichtweg bedrückend. Erdogan wolle alleiniger Führer sein, um jeden Preis: «Ihm kam die Meinungsfreiheit in die Quere, er versucht die Justiz zu beeinflussen, sie ist nicht mehr unabhängig.»

Versinkt die Türkei im Chaos?

Repressalien, Gewaltausbrüche, Aushebelung des Rechtsstaats – Aticis Vorwürfe gegen Erdogan wiegen schwer. Doch wie erklärt er sich, dass trotzdem die Hälfte des Wahlvolks die Partei bestätigt?

Erdogan habe auf der Klaviatur des Nationalismus gespielt, sagt der Basler SP-Mann: «Er hat damit zwar sein Ziel erreicht und Stimmen geholt.» Aber zu einem hohen Preis, mahnt Atici an.

«Erdogan will die Türkei zu einer Führungsmacht in der Region machen.» Das habe jedoch dazu geführt, dass die regionalen Konflikte nun auch die Stabilität und Sicherheit der Türkei selbst gefährdeten.

Eine verheerende Entwicklung, befindet Atici – auch für Europa: «Die Flüchtlinge werden sich in einer Türkei, die im Chaos versinkt, nicht wohl fühlen. Die Vertriebenen, viele davon aus Syrien, werden nach Westeuropa kommen und ein Teil davon auch zu uns in die Schweiz.»

Sonderfall Schweiz

50,5 Prozent stimmten für die prokurdische Bewegung, nur gerade 27 Prozent für die AKP von Präsident Erdogan. Die Schweiz bildet damit einen Sonderfall, in Deutschland etwa stimmte die Diaspora zu fast 60 Prozent für Erdogan. Unter allen im Ausland lebenden Türken kam die AKP auf 56,2 Prozent, die HDP auf 18,2 Prozent.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    die Leute müssen sich jetzt entscheiden, ob sie Türken bleiben wollen oder nicht. Wir kennen alle die Türkei und vor allem die Türken sollten ihr Land kennen. Es geht eben nicht, dass man Türke sein will aber ein ganz anderes Land will. Ändern kann man eine Regierung nicht einfach so. Ich schlage allen Türken (auch Kurden) vor, dass sie zurück gehen und versuchen friedlich so gut wie möglich nach ihrem Geschmack zu leben. Das müssen auch wir Schweizer, uns passt auch nicht alles!!!
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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Die Türkei ist noch lange nicht so weit eine Gesellschaft zu sein, in der man sich in Europa wiederfinden würde mit seinen Wertevorstellungen. Tief in den Köpfen ist eine Rolle der Frau eingebrannt, wie sie in Mitteleuropa im vorletzten Jahrhundert war. Der Mann ist dort der Herr der Herrlichkeit. Eine Gesellschaft in der Menschenrechte und Religionsfreiheit anders gesehen werden als hier. Die Türkei hat noch einen sehr langen Weg vor sich.
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    1. Antwort von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
      2) Die alten Verkrustungen werden aus den Köpfen der Alten nicht mehr rauszubekommen sein. Da kann man nur auf die Zukunft hoffen, und diese müssen sich die jungen Türken noch hart erstreiten.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Die kurdische Diaspora hat allen Grund sich Sorgen zu machen. Das "Türkentum" duldet keine Völker neben sich, keine Armenier, keine Kurden und schon gar keine Christen oder andere "nichtsunnitische" Muslime. All die erwähnten Volks- oder Religionsgruppen werden zwar nicht ausnahmslos verfolgt, aber sie haben weniger Rechte als "richtige Türken". Die Türkei läuft Gefahr sich zu einem faschistischen Gebilde zu entwickeln, das müsste auch Frau Merkel erkennen.
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    1. Antwort von Mary Roes (MR)
      Das hat die Frau Merkel sicher schon längst erkannt, aber sie sitzt (gewollt oder ungewollt?) in der Falle. Wegen der Flüchtlinge ist DE erpressbar geworden und genau das macht Freund Erdogan, der "verlässliche" Nato-Partner und EU-Beitrittskandidat. Aber vielleicht muss sich Weltgeschichte so entwickeln, damit Bäume nicht in den Himmel wachsen...
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