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International «Deutschland wird langsam in den Krieg hineingezogen»

Deutschland liefert den Kurden im Nordirak Panzerabwehr-Raketen und Panzerfäuste, um sie im Kampf gegen die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) zu unterstützen. Statt im Alleingang zu handeln, täte Deutschland besser daran, Wert auf ein UNO- oder ein EU-Mandat zu legen, so ein Nahost-Experte.

Legende: Video Deutsche Waffen für kurdische Kämpfer abspielen. Laufzeit 01:32 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 01.09.2014.

500 Panzerabwehrraketen, 16'000 Sturmgewehre, 10'000 Handgranaten und 240 Panzerfäuste: So sieht die Waffenliste für die Peschmerga-Kämpfer im Kampf gegen die Terrormiliz IS im Nordirak aus. Insgesamt haben die Rüstungsgüter aus Bundeswehr-Beständen einen Wert von 70 Millionen Euro.

Seit Tagen war über die Unterstützung debattiert worden. Am Sonntagabend verabschiedete eine Ministerrunde unter der Leitung von Kanzlerin Angela Merkel nun den Entscheid. Die Waffenlieferung werde am Verlauf des Krieges nichts ändern, ist Michael Lüders überzeugt. Der Politik- und Islamwissenschaftler sagt im Gespräch mit SRF, die Extremistenmiliz IS werde dadurch nicht vernichtend geschlagen.

Entscheid verletzt Grundsatz

Die deutsche Regierung betonte, der Entscheid sei ihr schwergefallen. Man sei sich bewusst, dass man damit den eigenen Grundsatz verletze, wonach Deutschland nie Waffen in Kriegsgebiete liefern dürfe.

Mit dem Entscheid beteilige sich Deutschland an einem Krieg, ohne hierfür ein klares Mandat zu haben, sagt Nahost-Experte Lüders. «Deutschland greift in ein komplexes Gefüge unter den Kurden und innerhalb des Iraks ein – mit völlig offenem Ende.» Nach Meinung Lüders sollte Berlin Wert auf ein internationales Mandat legen, statt im Alleingang zu handeln.

Deutsche Militärberater im Nordirak

Nebst der Lieferung von Waffen, sieht der Entscheid vor, dass deutsche Soldaten die Peschmerga-Kämpfer an den Waffen ausbilden. Bodentruppen im Nordirak seien aber keine vorgesehen, hiess es.

Dennoch: «Es ist atemberaubend zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit sich die deutsche Politik den Kampfhandlungen nähert», sagt Nahost-Experte Lüders. Zuerst sei allein die Rede von Waffenlieferungen gewesen. Doch nun würden auch militärische Berater in den Nordirak entsandt. «Es scheint mir, als würden deutsche Berater und Soldaten sukzessive in diesen Krieg hineingezogen.»

Legende: Video SRF-Korrespondent Adrian Arnold zu den Waffenlieferungen abspielen. Laufzeit 02:26 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 01.09.2014.

Wechsel in Deutschlands Politik?

Am Montag debattiert das deutsche Parlament, der Bundestag, über den Entscheid vom Sonntagabend. Es wird eine klare Mehrheit für die Waffenlieferungen erwartet. Die grosse Koalition aus Union und SPD ist dafür. Die Linke und wohl auch die Mehrheit der Grünen-Fraktion will dagegen stimmen. Sie werfen der Regierung vor, dass man durch diese Lieferung an eine Konfliktpartei selber Kriegspartei wird, wie SRF-Korrsepondent Adrian Arnold erklärt.

Die Abstimmung im Bundestag hat aber nur symbolische Bedeutung – ein echtes Mitspracherecht haben die Abgeordneten in diesem Fall nicht.

Deutschland habe sich in der Vergangenheit von Kriegen mit sehr komplexen Ursachen ferngehalten, sagt Nahost-Experte Lüders. Doch nun entstünde der Eindruck, dass das Land dabei sei, einen Wechsel in der Politik zu vollziehen. Es sei, als wolle «ein erheblicher Teil der deutschen Politik der Welt signalisieren, dass Deutschland bereit ist, die USA bei internationalen Einsätzen zu entlasten».

Waffen aus anderen Ländern

Mehrere andere Staaten unterstützen den Kampf gegen die Terrormiliz IS bereits mit Waffen: Die USA und der Iran versorgen die Kurden schon seit längerer Zeit. Innerhalb der EU haben Frankreich, Grossbritannien und Italien entsprechende Beschlüsse gefasst. Deutschland will die erste Tranche der Rüstungsgüter bis Ende September ausliefern.

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Marcel Chauvet, Neustadt
    Speziell zu Deutschland hatte ich hier etliche Kommentare als Gegendarstellung abgegeben. Kein einziger wurde publiziert. Was sind denn das hier für Zustände. Ist einseitige Berichterstattung Ziel Ihrer Veranstaltung?
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  • Kommentar von Marcel Chauvet, Neustadt
    Habe den Eindruck, dass hier EU-, speziell auch deutschfeindliche NICHT, dagegen Putin-freundliche Beiträge schon "durchgelassen" werden. Dadurch entsteht der Eindruck, als ob es in der Schweiz überwiegend Putin-Verehrer gäbe. Die Mühe, da mal in der Schweiz eine Umfrage zu machen, wie man in der Schweiz über dieses Thema denkt, die macht man sich offensichtlich beim SRF, im Gegensatz zur ARD nicht. Politisch so gewollt oder Trägheit?
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  • Kommentar von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
    @SRF: Ich habe sachlich auf diverse Statements geantwortet. Trotzdem publizieren Sie wieder einmal längst nicht alles von meinen Antworten. Warum? Selbstherrlichkeit, Dummheit? Wer weiss es schon. Mit der Netiquette kann es ebenfalls nichts zu tun haben, da keine Person angriff......Gottes Wege sind wunderbar und unerforschlich...nicht war "liebes" SRF
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    1. Antwort von SRF News Online
      Herr Girschweiler, Ihre Kommentare wurden publiziert. Bei der Flut an Kommentaren gelingt es uns nicht immer, diese so schnell aufzuschalten, wie dies die Schreibenden wünschen. Aber dann sofort von «Selbstherrlichkeit, Dummheit» zu sprechen, fördert den Umgangston untereinander nicht. Beste Grüsse, ^cs
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    2. Antwort von Juha Stump, Zürich
      Herr Girschweiler, Sie sind nicht das einzige "Opfer". Ich kann mich auch deshalb nicht immer im gewünschten Mass an den Diskussionen beteiligen, weil auch von mir immer wieder Beiträge weggeblasen werden, obwohl ich immer beim Thema bleibe und niemanden persönlich beleidige. Dabei habe ich noch vor Ihrer Zeit hier im Forum, als noch weniger streng zensuriert wurde, schon viele "Ehrentitel" bekommen: Faschist, Kriegstreiber, Psychopath, Psycho-Fundi und sogar Sprachen-Imperialist.
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