Die Kanzlerin und die Fischer von Rügen

1990 kandidierte Angela Merkel erstmals für den Bundestag und besuchte die Fischer auf der Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern. Sie wählten sie. Stehen die Fischer in der Flüchtlingskrise heute noch zur Kanzlerin? In wenigen Tagen zeigt sich das bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern.

Merkel sitzt an einem Tisch, gegenüber ein Fischer. Auf der anderen Seite des Raumes weitere Fischer.

Bildlegende: Das Foto ist 26 Jahre alt und zeigt die junge Angela Merkel auf Rügen. Die Fischer stimmten damals für sie. Getty

Wir sind am Ende Deutschlands, am südöstlichsten Zipfel der Insel Rügen an der Ostsee. Und wir sind am Anfang einer unglaublichen Karriere: Im November 1990 tauchte hier völlig überraschend eine junge Frau in einer Fischerhütte in Lobbe auf.

Der heute 59-jährige Hans-Joachim Bull, damals Fischer, erinnert sich: «Wir kamen vom Wasser, und dann standen hier auf einmal ein Auto und zwei Frauen. Wir wussten nicht, wer das ist. Dann haben wir gefragt, und sie hat gesagt, sie sei Frau Merkel und sie möchte kandidieren. ‹Wenn Sie schon mal hier sind, dann müssen Sie auch einen Schnaps mittrinken›, haben wir gesagt. Das hat sie auch gemacht.»

Von der Fischerhütte zum Merkel-Schuppen

Es gibt ein Bild von dieser Begegnung – ein Foto wie ein Gemälde. Die Fischerhütte, die junge Frau, die aufmerksam den Fischern zuhört, das Ölzeug an der Wand, Zigarettenrauch, eine Diskussion. Die junge Frau war die 36-jährige Angela Merkel, die 1990 zum erstenmal für den Bundestag kandidierte. Das Bild ist weltberühmt.

Die Fischer wählten alle diese junge Frau. 14 Jahre später wurde sie Bundeskanzlerin. Und heute ist sie es noch immer, seit elf Jahren. Aber heute ist sie umstritten wie nie zuvor. Die Hütte steht noch, im Volksmund Merkel-Schuppen genannt. «Hier war Herr Heuer, da hinten sass mein Vater. Hier war ein Schrank.»

Bull beschreibt nochmals die Szenerie von damals. Er selbst ist zwar auf dem Bild, nicht zu sehen. Er hat sich weggeduckt. Vielleicht ist das typisch für ihn. Im Gespräch sagt er oft: «Weiss ich nicht. Aus der Politik halte ich mich raus. Das ist wirklich so.»

Nicht für den Erhalt der Fischerei eingesetzt

Merkel kam nochmals zu Besuch, vor den Wahlen 2009, und traf die Fischer. Das Bild von einst war zu gut. Doch 2009 traf sie nur noch die ehemaligen Fischer. Lobbe war zwar jahrhundertelang ein Fischerdorf gewesen, aber nach der Wende war Schluss. Und alle fühlen sich hier wie Fische auf dem Trockenen. Dass sich Merkel nicht für den Erhalt der Fischerei eingesetzt hat, nahm ihr Bull übel.

Er fasste sich für einmal ein Herz, so verbittert war er. «Ich habe zu ihr gesagt, Frau Merkel, wissen Sie, die Briefe, die die Kollegen Ihnen geschrieben haben, die haben Sie gar nicht zu lesen gekriegt, die hat ihr Pförtner gleich in den Schredder getan.»

Das Ende der Fischerei tut weh. Damals, 1990 nach dem berühmten Bild mit den Fischern, ging Merkel ins Gasthaus zum Walfisch. Der damalige Wirt, Wolfgang Kliesow, erinnert sich genau. Er hat das Foto mitgebracht und zeigt auf die Männer: «Ich habe gedacht, man könnte auch schreiben, ‹der Niedergang der Küstenfischerei›. Das kann man schon daran erkennen, wie sie gucken, oder?»

Zu DDR-Zeiten flossen Geld und Alkohol

Man sieht es in der Tat: Dass diese junge Frau im Aufstieg ist, und dass die Fischer absteigen werden. Was man auf dem Bild, das wie ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert wirkt, aber nicht sieht: Dass die Männer jeweils schon vor dem Fischen am frühen Morgen eine Kiste Bier und zwei Rohre, sprich Schnapsflaschen tranken. Und dass der Chef der Brigade beim Treffen mit Merkel leicht angeheitert war.

Auch dass Fischer in der DDR nicht arm waren, ganz im Gegenteil. Und dass drei aus der Fischerbrigade vor dem Ende der DDR bei der Stasi gewesen waren. Das weiss der einstige Gastwirt Kliesow. Er ist bei der CDU, hat Merkel immer gewählt und wird sie wieder wählen. Aber nicht mehr aus Überzeugung: «Aller Wahrscheinlichkeit, aus Tradition werde ich sie wieder...»

Widerstand gegen Ankunft von 60 Flüchtlingen

Das Wort «wählen» bringt er seit Merkels Flüchtlingspolitik nicht über die Lippen. Es gibt zwar keine Burkas und keine Flüchtlinge in Lobbe. Aber 60 hätten kommen sollen. «Wie hätten die sich an die nacktbadenden Touristen gewöhnt?» fragt Kliesow. «Wir sollen uns ändern, nicht die andern. Doch warum müssen wir auf einmal anders denken, über Vermummung, Schweinefleisch und was weiss ich?»

Man will sich nicht nochmals anpassen müssen, wie damals nach dem Untergang der DDR. Und: Es fehlt in der Region an Geld für Schultransporte. Die Eltern müssten bis zu 150 Euro dazuschiessen, aber wenn es um Flüchtlinge gehe «da spielt Transport, Unterbringung, Betreuung rund um die Uhr, Bewachung keine Rolle, da spielt nichts eine Rolle, das haben wir», sagt Kliesow. Hier im Norden, im Wahlkreis von Merkel, herrscht Skepsis. Kliesow glaubt einen Hauch von Kanzlerinnenherbst zu spüren. «Alles hat seine Zeit.» So sagt man das im Osten.