«Einige werden das Erdbebengebiet für immer verlassen»

Todesopfer hat das jüngste Erdbeben in Mittelitalien glücklicherweise nicht gefordert. Das kann aber nicht über das zerstörerische Ausmass der Erdstösse hinwegtäuschen. Ganze Dörfer sind unbewohnbar. Tausende haben kein Dach mehr über dem Kopf. Der Wiederaufbau wird Milliarden kosten.

Frau mit zwei Kindern, in Wolldecke, vor einem beschädigten Haus mit Rissen.

Bildlegende: Warten auf die Fertigunterkünfte: In ihre beschädigten Häuser dürfen die Menschen nicht zurück. Keystone

SRF News: Kann man schon abschätzen, wie viele Menschen kein Obdach mehr haben?

Franco Battel: Es werden sicher Tausende sein. Italienische Medien sprechen heute auch von Zehntausenden, aber das sind Schätzungen. Denn zuerst müssen die Behörden in den nächsten Tagen kontrollieren, wie viele der beschädigten Häuser wieder repariert und wieder freigegeben werden können. Und welche so schwer beschädigt sind, dass sie dauerhaft nicht bewohnbar sind, so dass man sie abbrechen muss.

Ganze Ortschaften sind abgeriegelt worden. Was geschieht mit den evakuierten Bewohnern?

Die Behörden haben Hotels zur Verfügung gestellt, die jetzt, nach dem Ende der Saison, leerstehen. In denen werden die Leute zumindest für einige Wochen oder Monate Unterschlupf finden. Aber es besteht kein Zwang, dort hinzugehen. Ein Teil der Bevölkerung harrt noch immer ausserhalb der gesperrten Dorfzentren in ihren Autos aus. Die Regierung will zwar Häuser aus Fertigbauelementen bereitstellen. Aber bis diese Häuser – meist aus Holzelementen – geliefert werden, wird es sicherlich Monate dauern. In der Zwischenzeit ist leider zu befürchten, dass ein Teil der Leute das Erdbebengebiet definitiv verlassen wird. Einfach darum, weil dort auch Arbeitsplätze verschwunden sind. Vor allem Jüngere werden irgendwo in Rom oder in anderen grösseren Städten, die nicht betroffen sind, Arbeit suchen.

Der Wiederaufbau wird Milliarden kosten. Dabei ist Italien bereits hoch verschuldet. Wie will die Regierung das stemmen?

Premierminister Matteo Renzi hat immer gesagt, dass diese Kosten extra gehen. Das heisst, er möchte sich mit den Kosten, die wahrscheinlich Milliarden betragen werden, nicht an die Sparvorgaben aus Brüssel halten. Er will sich also, wie übrigens auch bei den Kosten für die Flüchtlinge in der Migrationskrise, zusätzlich verschulden. Derzeit laufen noch Verhandlungen zwischen Rom und Brüssel. Ich gehe aber davon aus, dass man sich in dem Punkt in den nächsten Tagen auf einen Kompromiss einigen wird.

Das Gespräch führte Danièle Hubacher.

Franco Battel

Porträt Franco Battel

Franco Battel ist seit Anfang 2015 SRF-Korrespondent in Rom. Davor war er als Auslandredaktor für Italien, Mexiko, Zentralamerika, Kuba und Liechtenstein verantwortlich. Er berichtete zudem vom UNO-Sitz in Genf.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Erdbeben in Italien

    Aus Tagesschau vom 31.10.2016

    Das Erdbeben am Wochenende habe das Herz Italiens verwüstet - diese Worte stammen von Ministerpräsidenten Matteo Renzi und zeigen, wie gross der Schock ist. Und die Bilder, die auch heute aus Mittelitalien zu uns gelangen, zeigen, wie immens die Schäden sind. Tausende Menschen mussten die Nacht im Freien, in Autos, in Zügen oder in Notunterkünften verbringen. Einschätzungen von SRF-Korrespondent Philipp Zahn.