Erdbeben in Nepal: Es fehlt an Wasser, Nahrung und Medikamenten

Nach dem Erdbeben in Nepal ist die Zahl der Todesopfer auf über 4300 gestiegen. In Kathmandu konzentrieren sich die Rettungsarbeiten auf die Verschütteten. Die grosse Herausforderung wird aber die Hilfeleistung in abgelegen Gebieten sein, wie SRF-Sonderkorrespondentin Barbara Lüthi erklärt.

Zwei Wahrzeichen in Kathmandu vorher und nachher

Nach dem schweren Erdbeben in Nepal steigt die Zahl der Todesopfer immer weiter an. Bis am Dienstag wurden mindestens 4310 Tote gezählt, davon 4010 in Nepal und mehr als 90 in den Nachbarländern Indien und China.

Mehr als 7600 Menschen wurden bei dem Beben der Stärke 7,8 vom Samstag verletzt. Zehntausende Nepalesen harrten am Montag weiter in Zelten aus und warteten auf Hilfe.

Immer mehr Opfer auch in Tibet

Auch auf chinesischer Seite steigt die Zahl der Opfer immer weiter an. In Tibet sollen mittlerweile 25 Tote zu beklagen sein. Es wird befürchtet, dass noch mehr Menschen ums Leben gekommen sind. Viele Strassen sind noch blockiert und Telekommunikationsverbindungen unterbrochen, wie die amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua in der Nacht berichtete. 117 Verletzte seien gezählt worden.

Video «Einschätzungen von Barbara Lüthi aus Kathmandu» abspielen

Einschätzungen von Barbara Lüthi aus Kathmandu

2:00 min, aus Tagesschau vom 27.4.2015

«Improvisierte Zeltstädte»

In Kathmandu seien viele Läden geschlossen, berichtet SRF-Sonderkorrespondentin Barbara Lüthi. «Viele Menschen campieren im Freien in improvisierten Zeltstädten.» Viele Häuser in Kathmandu stünden zwar noch, aber es sei nicht klar, wie stark sie beschädigt seien und wie leicht sie zusammenstürzen könnten.

Die Katastrophenschutzbehörde erklärte, die Rettungskräfte würden ihre Bemühungen nun auf Verschüttete unter eingestürzten mehrstöckigen Gebäuden konzentrieren. Doch fehle es nach wie vor an Ausrüstung, um Überlebende aufspüren und bergen zu können. Spitäler und Leichenhallen seien völlig überfüllt.

Dies bestätigt auch Barbara Lüthi, SRF-Sonderkorrespondentin: «Ein weiteres Problem sind die Spitäler. Diese sind hoffnungslos überfüllt und es fehlt an Betten und Medikamenten.» Die Sorge vieler Menschen sei aber auch der Nachschub an Wasser und Nahrungsmitteln.

Die Schweiz hat bisher keine Todesopfer zu beklagen, wie Ralf Heckner, Chef des Krisenmanagement-Zentrums des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), am Montag erklärte. Mehr dazu lesen Sie hier.

Zahlreiche Bergsteiger gerettet

Laut einem örtlichen Polizeisprecher, konnten bislang 205 Bergsteiger am Mount Everest gerettet werden. "Fast alle" Betroffenen seien mit Helikoptern ins Tal geflogen worden. Nach den Erdbeben-Lawinen war ihre Route blockiert. Zuvor waren bereits zahlreiche Verletzte aus dem Basislager ausgeflogen worden.

Das Erdbeben hatte eine Lawine ausgelöst, die einen Teil des Basislagers verschüttete, mindestens 18 Menschen wurden getötet. Über diese Rettungsarbeiten berichtet SRF-Redaktor Frank Senn. Mehr dazu lesen Sie hier.

Viele Gegenden noch immer abgeschnitten

In Kathmandu könne man sagen, dass sich die Rettungskräfte einen gewissen Überblick verschafft haben und die Rettungsarbeiten gut laufen, erklärt Korrespondentin Lüthi weiter.

«Aber es geht eben auch um die ländlichen Gebiete und wir hören hier, dass über 25 Distrikte der 75 nepalesischen Bezirke schwer betroffen sind», erklärt die SRF-Korrespondentin. Viele dieser Gegenden seien immer noch völlig abgeschnitten von jeglicher Hilfe. Hilfsgüter und Bergungsmaschinen in solche Gebiete zu bringen, sei jetzt die grösste Herausforderung.

Retter kommen nicht voran

Die Hilfe aus dem Ausland lief nur zögerlich an. Der Flughafen von Kathmandu – der einzige internationale Flughafen des Landes – erwies sich als Nadelöhr für die internationale Hilfe. Der Einsatz der Rettungsteams wird zudem durch Nachbeben und zerstörte Strassen behindert.

Weil unklar war, ob ein grosses Flugzeug in Kathmandu überhaupt landen kann, schickte die Schweiz am Sonntag lediglich ein kleines Team mit einem Rega-Jet nach Nepal. Das Team habe mehrere Stunden warten müssen, bis es überhaupt das Flugzeug verlassen konnte, hiess es.

Der Engpass am Flughafen war einer der Gründe, warum die Schweiz nicht die Rettungskette losgeschickt hat. Dabei handelt es sich um 100 Personen mit 20 Tonnen Material.

Am Mittwoch soll ein achtköpfiges Team für medizinische Hilfe mit dem Bundesrats-Jet nach Nepal geflogen werden. Mehr zur Schweizer Hilfe lesen Sie hier.

Weltkarte mit den Regionen der stärksten Regionen

Bildlegende: Die Himalaya-Region gehört zu den Gebieten, wo starke Erdbeben besonders häufig vorkommen. SRF

Der Wiederaufbau in Nepal könnte Experten zufolge mehr als fünf Milliarden Dollar kosten – das sind rund 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die EU-Kommission sagte drei Millionen Euro Nothilfe zu. Die zuständigen UNO-Organisationen kündigten umfangreiche Unterstützung an.

Bilder des ersten Bebens vom 25. April 2015

Furcht vor Epidemien

Nach den Erdbeben in Nepal warnen Fachleute vor dem Ausbruch von Krankheiten. «Wir fürchten, dass es zu Epidemien kommen könnte», sagte der Koordinator der Arbeiterwohlfahrt International (AWO) in Kathmandu, Felix Neuhaus. Die Trinkwasserversorgung sei ausgefallen und Regen verschlimmere die Lage. «Die Krankenhäuser sind komplett überlastet».

Spendenaufruf

Logo und Schriftzug der Glückskette

Die Glückskette ruft zu Spenden für die Erdbebenopfer in Nepal auf: Postkonto 10-15000-6 oder auf www.glueckskette.ch mit dem Vermerk «Nepal» oder mittels der Swiss-Solidarity-App.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Nepalesinnen und Nepalesen zwischen Trümmern in einem Aussenquartier von Kathmandu.

    Schwierige Rettungsarbeiten nach dem Erdbeben in Nepal

    Aus Rendez-vous vom 27.4.2015

    Die Zahl der Erdbebenopfer steigt weiter an. 90 Prozent aller nepalesischen Soldaten sollen für die Rettungsarbeiten im Einsatz sein. Die Helferinnen und Helfer vieler Staaten und Organisationen können das Land aber nur schwer erreichen. Zudem macht starker Regen den Überlebenden zu schaffen.

    Brigitte Zingg und Simone Weber