US-Staudamm vor dem Kollaps Erosion der Abflüsse: «Das wäre in der Schweiz auch möglich»

Nach heftigen Regenfällen droht eine Staumauer in Kalifornien zu brechen. Das Wasser läuft jetzt über zwei sogenannte Entlastungen ab, eine Art Notabflüsse. Allerdings sind genau diese Abflusskanäle beschädigt. Robert Boes, Professor für Wasserbau an der ETH Zürich, schätzt die Lage ein.

SRF: Wegen des zum Bersten vollen Oroville-Stausees mussten sich im Norden Kaliforniens 190'000 Menschen in Sicherheit bringen. Wie beurteilen Sie die Situation?

Robert Boes: Dass Wasser an einer Talsperre entlastet wird, ist an sich nicht aussergewöhnlich. Ein Staudamm ist dafür ausgelegt. Was aber nicht absehbar war, ist, dass die Hauptentlastung grosse Erosionen hat und deshalb Wasser unkontrolliert über die Böschungen hinaustritt. Das wäre noch nicht dramatisch. Aber offenbar gibt es bei der zweiten Sicherung auch wieder unvorhergesehene Erosionen. In der Summe macht dies die Sache eben doch brenzlig.

Was würde passieren, wenn beide Entlastungen versagen?

Im schlimmsten Fall könnten beide Kanäle nicht mehr genug Wasser abführen, das Wasser im Stausee würde weiter steigen und dann unkontrolliert über den Hauptdamm fliessen. Dann drohte, dass dieser Damm ebenfalls erodiert und versagt und dann sehr viel Wasser austreten würde. Soweit ich dies beurteilen kann, ist man noch weit davon entfernt.

Das heisst, die Evakuation ist eine reine Vorsichtsmassnahme. Sind die Menschen zurzeit noch nicht in Gefahr?

Ich kenne die Verhältnisse zu wenig aus der Ferne, aber momentan deutet noch nichts darauf hin, dass es zu einem unkontrollierten Wasseraustritt kommen könnte.

Wie würde das Notfallkonzept aussehen, wenn der schlimmste Fall dennoch eintreten würde?

Es gibt verschiedene Schwellen- bzw. Warnwerte. Mit zunehmendem Warnwert wird mehr Aufwand betrieben, und irgendwann entscheidet man sich zur Evakuierung. Das passiert jedoch sehr selten. Der zweite Entlastungskanal ist in 50 Jahren noch nie in Betrieb gewesen. Alles wird permanent überwacht und gemessen: Wasserabfluss, Wasserzufluss, Höhe des Wasserspiegels, Verhalten des Damms usw.

«  In der Summe macht dies die Sache eben doch brenzlig. »

Robert Boes
ETH-Professor für Wasserbau

Trotz dieser laufenden Überwachung bereiten beide Entlastungskanäle Probleme. Wie konnte es dazu kommen?

Die erste Entlastung ist ganz selten in Betrieb gewesen, und die zweite wurde noch gar nie unter realen Bedingungen getestet. Das ist die Krux an diesen sehr seltenen Ereignissen: Bei der Planung wird eine solche Talsperre in einem kleinen Modell nachgebaut und getestet, um zu vermeiden, dass es zu solchen Erosionen kommt, die wir jetzt gesehen haben. Das Hauptproblem sind meines Erachtens die Erosionen bei der Hauptentlastung. Diese kann man leider praktisch nicht vorgängig vor Ort testen. Man muss das im Vorfeld im Modell machen.

In der Schweiz gibt es rund 200 grosse Stauanlagen. Wäre eine solche Situation in der Schweiz auch möglich?

Das wäre auf jeden Fall auch möglich, weil es zu grossen Hochwasserzuflüssen kommen kann und dann ebenfalls planmässig die Hochwasserentlastungen anspringen. Wir haben das immer wieder gesehen, z. B. im Wallis in den 1990er Jahren an der Talsperre Mattmark. An sich ist das nichts Aussergewöhnliches. Die Stauanlagen sind auf solche Hochwasser vorbereitet. Die Anlage in Kalifornien ist zwar sicher nach internationalen Standards konzipiert worden, aber eine Verkettung von unglücklichen Umständen hat nun dazu geführt, dass beide Entlastungen Erosionen aufweisen.

Sie sagten, die Entlastungen könne man schwer überprüfen. Das heisst, in der Schweiz könnten solche Entlastungen auch ausfallen?

Theoretisch könnten auch Probleme auftreten. Wir hätten in der Schweiz aber eine weitere Option: Es gibt sogenannte Grundablässe, die geöffnet werden können. Solche Ablässe hat im Prinzip jede grössere Schweizer Anlage. Ob solche Ablässe bei der kalifornischen Anlage auch existieren, kann ich nicht sagen.

Das Gespräch führte Monika Glauser.

Prof. Robert Boes

Prof. Robert Boes

Robert Boes ist seit Februar 2009 ordentlicher Professor für Wasserbau und Direktor der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW) am Departement Bau, Umwelt und Geomatik der ETH Zürich. Sein Forschungsinteresse gilt hydraulischen und betrieblichen Aspekten im Wasserbau, dem Hochwasserschutz und der Wasserkraft.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Kalifornien fürchtet sich vor riesiger Flutwelle

    Aus Tagesschau vom 13.2.2017

    Jahrelang kämpft Kalifornien mit der Dürre. Dann setzen heftige Regenfälle den US-Bundesstaat grossteils unter Wasser. Nun droht auch noch ein riesiger Staudamm zu brechen.