«Fall Litwinenko»: Mittäter in Moskau gesucht

Der Mord am russischen Geheimdienstmitarbeiter und Regierungskritiker Alexander Litwinenko wird vor Gericht neu aufgerollt. Litwinenko wurde 2006 in London vergiftet. Das Verfahren soll vor allem eins klären: War der Kreml am Mord beteiligt?

Mehr als acht Jahre nach dem mysteriösen Tod des früheren russischen Geheimagenten Alexander Litwinenko wird der Fall öffentlich vor Gericht aufgerollt. Marina Litwinenko, die Witwe des mit der radioaktiven Substanz Poloniom 210 vergifteten Agenten, hat die richterliche Untersuchung gegen den Willen der britischen Regierung durchgesetzt

Marina Litwinenko

Bildlegende: Marina Litwinenko hat erreicht, dass der Prozess um den Tod ihres Mannes neu in aller Öffentlichkeit aufgerollt wird. Keystone

Alexander Litwinenko hatte sich Ende der 1990er Jahre mit dem Kreml überworfen und ist 2000 illegal nach Grossbritannien ausgereist. Dort blieb er bis zu seinem Tod. Er soll in England auch für den britischen Geheimdienst MI6 gearbeitet haben. Am 23. November 2006 starb er in einem Londoner Krankenhaus. Kurz vorher war er vermutlich beim Teetrinken in einem Hotel mit der hochgiftigen, radioaktiven Substanz vergiftet worden.

Lugowoi wittert internationale Verschwörung

Die Untersuchung in London findet vor einem Richter, aber ohne Angeklagten statt. Der Hauptverdächtige, der russische Duma-Abgeordnete und frühere Geheimdienstler Andrej Lugowoi, wird von Moskau nicht ausgeliefert. In einer Erklärung Lugowois heisst es: «Dass Grossbritannien diesen Fall wieder aufs Neue aufrollt, ist mit der geopolitischen Lage verbunden. Sowohl die Amerikaner als auch die Engländer – und alle Feinde Russlands – versuchen einen Anlass zu finden, die Bürger unseres Landes zu beschuldigen und Russland in keinem guten Licht darzustellen. Ich denke, dass in erster Linie Russland auf der Anklagebank sitzt.»

Der Vorsitzende, Richter Robert Owen, erwartet einen Abschlussbericht über die mindestens zehn Wochen dauernde Untersuchung noch in diesem Jahr. Teile der Verhandlung werden hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Alexander Litwinenko

Bildlegende: Alexander Litwinenko wurde mit der radioaktiven Substanz Polonium-210 vergiftet. Keystone/Archivbild

Litwinenko war bereits im post-sowjetischen Russland der 1990er Jahre ein schillernde Figur. Er soll an Kriegsverbrechen in Tschetschenien beteiligt gewesen und mit der Ermordung des inzwischen ebenfalls in London mysteriös ums Leben gekommenen Kreml-Kritikers Boris Beresowski beauftragt worden sein. Beresowski und Litwinenko unterhielten später ein freundschaftliches Verhältnis.

Litwinenko beschuldigte Putin

Von London aus soll Litwinenko die spanische Regierung im Kampf gegen die Russen-Mafia beraten und im Auftrag westlicher Firmen Sicherheitsprofile über russische Unternehmen und Personen erstellt haben.

Litwinenko hatte noch auf dem Sterbebett in einer polizeilichen Vernehmung direkt den russischen Präsident Wladimir Putin für seinen bevorstehenden Tod verantwortlich gemacht. Lugowoi hatte bereits 2007 erklärt, die Umstände deuten darauf hin, dass die Ermordung Litwinenkos nicht ohne Kenntnis des britischen Geheimdienstes möglich gewesen sein kann.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Versammlung zum Gedenken an den Tod des ehemaligen russischen Staatssicherheitsoffizier Alexander Litwinenko in Moskau. Litwinenko starb am 23. November 2006, nachdem er mit hoch radioaktivem Polonium 210 vergiftet wurde.

    Strahlentod eines Putin-Kritikers wird untersucht

    Aus Echo der Zeit vom 27.1.2015

    Noch immer ist der Mord am russischen Ex-Spion Alexander Litwinenko ungeklärt. Mehr als acht Jahre nach seinem Tod beginnt in Grossbritannien die gerichtliche Untersuchung. Die Verwicklungen des Spionagekrimis reichen von Russland über Grossbritannien bis in die USA und zur al-Kaida.

    Fredy Gsteiger