Familiensynode: Sind die Erwartungen der Gläubigen zu hoch?

Im Rahmen einer offiziellen Zusammenkunft katholischer Amtsträger will der Papst die Lebensrealität der Menschen mehr in die katholische Lehre einbeziehen. Der Schweizer Bischof Markus Büchel warnt aber vor zu übersteigerten Hoffnungen.

Der St. Galler Bischof Markus Büchel ist Vorsitzender der Schweizer Bischofskonferenz.

Bildlegende: Der St. Galler Bischof Markus Büchel ist Vorsitzender der Schweizer Bischofskonferenz. Keystone

Der sonst eher zurückhaltende Bischof von Sankt Gallen, Markus Büchel, sagt es klipp und klar: «Das Ausrufen der Familiensynode hat wie eine kleine Bombe eingeschlagen.»

Eingeschlagen hat das Thema Ehe und Familie, weil die katholische Kirche zumindest in Westeuropa kaum in einem andern Bereich als so rückständig empfunden wird. Nicht nachvollziehbar ist für viele, dass die Kirche Geschiedenen bei einer zweiten Trauung die heiligen Sakramente faktisch verwehrt. Wenig Verständnis haben die Gläubigen auch, dass die Kirche für nur zivil Getraute keine Worte findet.

Dass Papst Franziskus die Bischöfe aufgefordert hat, an der Synode offen über diesen Konflikt zwischen katholischer Lehre und Lebensrealität der Gläubigen zu diskutieren, habe viele Erwartungen geweckt, sagt Bischof Büchel: «Die Erwartungen sind so hoch, dass fast nur Enttäuschungen herauskommen können.»

Staatssekretär Pietro Parolin

Bildlegende: Der Staatssekretär des Vatikans, Pietro Parolin, während eines Gebetes zur Eröffnung der Familiensynode in Rom. Keystone

Büchel kann nicht sagen, wo die Diskussion nach der zweiwöchigen Synode stehen wird. Eine vom Papst initiierte Umfrage unter den Katholiken der Welt zu den Themen Ehe und Familie habe eine derart breite Palette von Vorstellungen und Ideen gezeigt, dass es schwierig werden könnte, einen für alle geltenden gemeinsamen Nenner zu finden.

Die Menschen ernstnehmen

Für die Katholiken in der Schweiz sei es sehr wichtig, welche Empfehlungen die Bischöfe am Ende der Synode herausgeben würden, sagt Willi Anderau. Er ist Vorstandsmitglied der so genannten Pfarrei-Initiative, die vom Papst eine den Menschen nähere Kirche fordert. «Die offizielle Kirche müsste Zeugnis in der Welt ablegen, dass sie die Menschen in ihren Beziehungen ernst nimmt.»

Es gehe nicht primär um Homosexuelle oder Geschiedene, sondern darum, dass man die ganze Situation ernst nähme, in der die Menschen lebten. «Dazu gehören sowohl gescheiterte als auch gelungene Beziehungen.» Die katholische Kirche müsse sich nicht anpassen, sie müsse aber in einer Beziehung, in einem Dialog zur Realität der Menschen stehen, sagt Anderau.

Medien schüren Hoffnungen

Die nun stattfindende Synode sei eine Vor-Synode, sagt SRF-Italien-Korrespondent Massimo Agostinis. «Es werden die Fakten und Lebensrealitäten der katholischen Kirche der ganzen Welt zusammengetragen.»

Nächstes Jahr ist eine zweite Synode geplant, auf der die Bischöfe ihre Empfehlungen an den Papst formulieren werden. Erst ein Jahr später wird der Papst entscheiden, was er davon umzusetzen gedenkt. Die Massenmedien hätten die Erwartungen an die Synode aufgebauscht, sagt Agostins. «Dogmen werden keine umgeworfen werden.» Eine Aufweichung der harten Haltung der katholischen Kirche sei allerdings durchaus möglich.