Faule Griechen?

Sie nehmen unser Geld, doch arbeiten wollen sie nicht – und ihren Staat reformieren erst recht nicht. So lautet das Fazit, das viele Deutsche aus der Griechenland-Krise ziehen. Doch was ist wirklich dran an den Griechen-Klischees? Experten geben Antwort.

Griechische Männer in einem Café

Bildlegende: Sie trinken lieber Kaffee, als zu arbeiten - so zumindest lautet das Vorurteil, das Nordeuropäer von Griechen haben. Keystone

Dutzende Milliarden an Hilfsgeldern haben die Griechen schon erhalten. Und doch wendet sich in ihrem Land nichts zum Besseren. Stattdessen fordern sie jetzt Deutschland auf, Reparationszahlungen zu leisten – was dort wiederum für Ärger sorgt.

Mit der Griechenland-Krise kommen alte Klischees wieder zum Vorschein. Jenes vom Griechen, der den ganzen Tag in der Sonne sitzt und Kaffee trinkt. Oder vom Beamten, der in seinem Büro Däumchen dreht und auf den Feierabend wartet. Arbeiten? Fehlanzeige. Und Steuern zahlen tut der Grieche schon gar nicht.

So weit, so Vorurteil. Doch was ist an den Klischees wirklich dran? Wirtschaftsexperten nehmen Stellung.

Klischee Nr. 1: Die Griechen sind faul

Sind sie nicht, sagt Heribert Dieter von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Das zeigen auch die Zahlen (siehe Grafik): Die Griechen sind Europas fleissigste Arbeiter. Während die Schweizer beispielsweise pro Jahr rund 1600 Stunden arbeiten, sind es bei den Griechen rund 2000. Das belegen Zahlen der OECD.

Das Problem ist denn auch nicht die Zeit, welche die Griechen bei der Arbeit verbringen – sondern die mangelnde Produktivität. «Schon als Griechenland 2001 der EU-Zone beitrat, lag die Produktivität bei lediglich 52 Prozent des Durchschnitts der Euro-Zone», sagt Dieter. Das sei an sich schon ein grosser Rückstand, doch habe sich das Problem im Laufe der Jahre noch verschärft: «Die Löhne stiegen um ein Viertel, ohne dass die Produktivität ähnlich stark zunahm.» Dadurch habe das Land weiter an Wettbewerbsfähigkeit verloren.

Fazit: Die Griechen verbringen zwar viel Zeit am Arbeitsplatz, sind dabei aber ineffizient.

Klischee Nr. 2: Die Griechen zahlen keine Steuern

Griechische Bürger und Unternehmen schulden dem Staat etwa 76 Milliarden Euro. Viele zahlen also tatsächlich keine Steuern – wobei die aktuelle Regierung nicht unschuldig ist: Vor ihrem Wahlsieg hatte die damalige Oppositionspartei Syriza angekündigt, die Steuern zu senken oder ganz zu streichen. Das wiederum hatte zur Folge, dass viele Griechen bereits vor den Wahlen gar keine Steuern mehr zahlten.

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FOKUS: Griechen zahlen keine Steuern

5:04 min, aus 10vor10 vom 29.1.2015

Laut Vassilis Monastiriotis, Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics, gibt es für das riesige Steuerloch mehrere Gründe. Einerseits sei die Steuermoral in Griechenland tief. Das erkläre sich mit der Einstellung, welche die Griechen gegenüber dem Staat hätten. «Das Volk hat nicht das Gefühl, Teil des Staats zu sein.» Vielmehr werde der Staat als Gegenspieler wahrgenommen.

Zu arm zum Zahlen

Die fehlenden Steuereinnahmen hätten aber auch mit der Struktur der griechischen Wirtschaft zu tun, sagt Monastiriotis. So seien in Griechenland 40 Prozent aller Beschäftigten selbständig erwerbend. Eine hohe Zahl etwa im Vergleich zu Grossbritannien, wo es gerade einmal zehn Prozent seien. «Gerade bei den Selbständigen ist es für den Staat schwierig, festzustellen, wie viel sie wirklich verdienen und wie viel sie versteuern müssten.» Zu tricksen, sei einfach. Das liege auch daran, dass der Staat wenig effizient darin sei, Steuersünder zu verfolgen.

Ein dritter Punkt sei, dass sich heute viele Griechen die Steuern gar nicht mehr leisten könnten. «Wer pro Monat 600 Euro verdient und davon 26 Prozent abgeben muss, hat schlicht nicht genug Geld, um eine Familie zu ernähren», sagt Monastiriotis.

Fazit: Steuern zu vermeiden, ist in Griechenland schon fast ein Volkssport. Dazu kommt, dass einige Bürger zu wenig Geld verdienen, um sich das Steuernzahlen leisten zu können.

Klischee Nr. 3: Griechenland hat eine aufgeblähte Verwaltung

Ja, es gibt in Griechenland viele Beamte, die wenig tun. Das sagt Wirtschaftsprofessor Vassilis Monastiriotis. Er ist aber der Meinung, das Ausmass des Problems sei übertrieben worden. Vor der Krise sei das Problem vielmehr gewesen, dass der Staat in einigen Betrieben zu viele Personen angestellt hatte – anderswo aber zu wenig. «An einigen Schulen gab es zum Beispiel gleich viele Putzfrauen wie Lehrerinnen», sagt Monastiriotis.

Seit dem Ausbruch der Krise haben die Griechen aber drastisch Stellen in der Verwaltung und in öffentlichen Betrieben abgebaut. Wie viele es genau sind, wisse man nicht, sagt Monastiriotis; es gebe keine offiziellen Zahlen. Er geht aber davon aus, dass von 900‘000 Stellen im öffentlichen Sektor nur etwa 650‘000 übrig geblieben seien.

250'000 Stellen sind weg

Das bedeutet aber nicht, dass der Staat 250‘000 Menschen entlassen hat. «Effektive Kündigungen hat es nur rund 20‘000 gegeben», sagt Monastiriotis. Die übrigen Beamten mussten feststellen, dass ihre befristeten Arbeitsverträge nicht verlängert wurden. Oder sie wurden in Frühpension geschickt. Das kostet den Staat zwar ebenfalls Geld, doch Entlassungen seien arbeitsrechtlich schwierig gewesen, sagt Gustav Horn von der deutschen Hans-Böckler-Stiftung.

Lehrer protestieren in Griechenland gegen die Streichung von Stellen

Bildlegende: Die Streichung von Stellen sorgte in der Vergangenheit regelmässig für Demonstrationen. Keystone

Die Verwaltung ist also verkleinert worden. Nun müsse es auch noch darum gehen, effizienter und bürgerfreundlicher zu werden, sagt Christos Katsioulis von der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung in Athen. Das sei auch das deklarierte Ziel von Regierungschef Alexis Tspiras. «Doch bevor sich da was tun wird, muss die Regierung erst einmal die akuten Finanzprobleme lösen.»

Fazit: Das Vorurteil von der aufgeblähten griechischen Verwaltung stimmt nicht. Was die Effizienz angeht, gibt es aber noch Luft nach oben.

Klischee Nr. 4: Griechenland tut nicht genug, um die verkrusteten Strukturen zu reformieren

Griechenland steht punkto Reformwillen gut da im Vergleich mit den anderen Euro-Ländern. Zu diesem Schluss kam eine OECD-Studie im Jahr 2013. Das sei zwar richtig, sagt Monastiriotis. «Aber es gibt eine riesige Lücke zwischen den angekündigten Reformen und denjenigen, die tatsächlich umgesetzt wurden.» Viele existierten bisher nur auf dem Papier, weil sich beispielsweise Beamte gegen die Änderungen wehrten. Ein weiteres Problem sei, dass die Reformen völlig unkoordiniert angepackt worden seien. So habe der Staat beispielsweise das Taxi-Gewerbe liberalisiert, während andere Teile des Transportsektors streng reguliert geblieben seien.

«  Wenn das Haus brennt, muss man erst einmal das Feuer löschen. »

Christos Katsioulis
Politologe der Friedrich-Ebert-Stiftung

Auch Christos Katsioulis ist der Meinung, dass Griechenland mehr unternehmen müsse, um die geplanten Reformen umzusetzen. Er hat aber Verständnis für den Reformrückstand: «In den letzten fünf Jahren musste die Regierung eine Kürzung nach der anderen vornehmen und die kurzfristigen Anforderungen der europäischen Geldgeber erfüllen.» Da sei wenig Zeit geblieben, um Strukturreformen durchzuführen: «Bei einem Haus, das brennt, muss man erst einmal das Feuer löschen.»

Fazit: Griechenland hat viele Reformen angekündigt, doch bei der Umsetzung hapert’s noch.

Vassilis Monastiriotis

Vassilis Monastiriotis

Monastiriotis ist ausserordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre an der London School of Economics (LSE). Sein Spezialgebiet ist die Wirtschaftspolitik der südosteuropäischen Länder. Im Besonderen interessiert er sich für den Handel, Direktinvestitionen und den Arbeitsmarkt, sowohl auf den nationalen wie auf dem supranationalen Level.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Griechenland will Geld auf Schweizer Konten eintreiben

    Aus Tagesschau vom 24.3.2015

    Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras spricht von unversteuerten griechischen Geldern im Wert von 800 Millionen Euro, die auf europäischen Konten liegen. Ein Teil davon auch in der Schweiz. Die beiden Länder werden noch diese Woche über ein mögliches Steuerabkommen verhandeln. Einschätzungen von SRF-Korrespondent Philipp Zahn.

  • Tsipras-Besuch bei Merkel: Letzte Hoffnung

    Aus Tagesschau vom 23.3.2015

    Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras ist zu seinem ersten offiziellen Besuch in Berlin eingetroffen. Deutschland ist treibende Kraft hinter der rigiden Sparpolitik der EU, an die sich Griechenland halten soll. Tsipras kämpft für Milde gegenüber seinem schuldengeplagten Land. Einschätzungen von Deutschland-Korrespondent Adrian Arnold.

  • Griechen lassen Millionen liegen

    Aus 10vor10 vom 17.3.2015

    In der Schweiz lagern Milliarden von vermutlich unversteuertem Geld aus Griechenland. Medien spekulieren über einen Steuerbetrag von 800 Millionen Euro einbringen. Die Schweiz hat vor mehr als einem Jahr angeboten, dieses Geld für die Griechen einzutreiben. Doch passiert ist auf griechischer Seite nichts.