«Hotspots der EU scheinen nicht zu funktionieren»

Täglich kommen mehrere tausend Flüchtlinge auf Lesbos an. Sie wollen noch vor Wintereinbruch Europa erreichen. Die Inselverwaltung ist diesem Ansturm nicht gewachsen. Sie möchte die Menschen so schnell wie möglich aufs griechische Festland verfrachten – zum Teil ohne sie vorher zu registrieren.

Zwei Männer helfen einem kleinen Mädchen eine Böschung hinauf, hinten weitere Bootsflüchtlinge am Ufer.

Bildlegende: Die Behörden auf Lesbos sind überfordert und verlassen sich auf Freiwillige. Keystone

SRF News: Sie sind zurzeit auf Lesbos. Die Insel ist nur acht Kilometer von der Türkei entfernt. Was sehen Sie, wenn die Flüchtlingsboote ankommen?

Philip Kuhn: Sehr oft ist es so, dass zumindest ein Dutzend freiwillige Helfer vor Ort sind. Dazu gehören zum Beispiel vier Rettungsschwimmer, die aus Barcelona angereist sind, und ein palästinensischer Arzt. Aber auch mehrere freiwillige Helfer aus der Schweiz, aus Schweden und Norwegen, die die Flüchtlinge direkt am Strand mit Wasser versorgen, die weinenden Kinder in den Arm nehmen oder ihnen etwas zu essen geben.

Es sind also nicht die Behörden, die die Hilfe leisten, sondern Freiwillige?

Behördenvertreter habe ich hier so gut wie keine gesehen. Ich bin seit einigen Tagen hier. Ich habe zweimal ein Polizeifahrzeug gesehen. Doch die Polizisten sind nicht ausgestiegen. Sie haben sich die Situation aus der Ferne ein bisschen angeschaut. Also die Präsenz von irgendwelchen Ordnungshütern, der Feuerwehr oder von Krankenwagen, wie man sich das vorstellt, wenn Menschen in Not sind, ist hier nicht vorhanden, weil es dafür auf der Insel weder die Möglichkeit noch das Potenzial gibt.

Sie waren in einem Flüchtlingslager, einem sogenannten Hotspot, den die EU eingerichtet hat. Dort sollten die Flüchtlinge registriert werden. Funktioniert das?

Nein. Der stellvertretende Bürgermeister hat mir erklärt, dass die entsprechenden Geräte fehlen, um die Flüchtlinge ordentlich zu registrieren. Es muss ja zum Beispiel ein Fingerabdruck genommen werden. Viele Flüchtlinge weigern sich ohnehin, einen solchen zu geben. Sie sagen einfach nur, wer sie sind, die Leute schreiben ihren Namen auf, ihr Alter, wo sie herkommen.

Dann erhalten sie ein Stück Papier in die Hand, damit sollen sie nach Athen, wo die Registrierung abgeschlossen werden soll, weiterreisen. Von einer tatsächlichen Registrierung oder Sortierung kann keine Rede sein.

Das heisst, die Hotspot-Strategie der EU ist – auf Lesbos zumindest – vorerst nicht aufgegangen?


Private Initiative: Michael Räber hilft auf Lesbos

5:15 min, aus SRF 4 News aktuell vom 28.10.2015

Zumindest nicht in dem Lager, welches ich besucht habe. Dort werden die nicht-syrischen Flüchtlinge registriert. Für die syrischen Flüchtlinge gibt es ein eigenes. Das soll, so habe ich gehört, gut funktionieren. Das kann ich aber nicht persönlich bestätigen.

Das Gespräch führte Andrea Christen.

Philip Kuhn

Porträt Philip Kuhn

welt.de

Philip Kuhn hat die Axel-Springer-Akademie in Berlin abgeschlossen. Er schreibt seit 2010 für «Die Welt». Davor war er unter anderem als freier Autor für die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» tätig. 2012 erhielt er ein Stipendum der israelischen Zeitung «Haaretz».