«Ich denke, es gab einen Notfall an Bord»

Ein Airbus A320 von Germanwings mit 150 Personen an Bord ist am Vormittag über den französischen Alpen abgestürzt. Die Frage nach der Ursache beschäftigt die Medien – und Andreas Späth. Er ist freier Journalist und auf Luftfahrt spezialisiert.

SRF News: Eine Germanwings-Maschine stürzt über den französischen Alpen ab. Was war Ihr erster Gedanke?

Andreas Späth: Ich war absolut schockiert. Einen solchen Unfall mit einer deutschen Airline hat es in Mitteleuropa noch nie gegeben. Zuerst konnte ich das überhaupt nicht glauben.

Rätsel gibt der Absturzverlauf auf. Die Maschine ist offenbar über acht Minuten hinweg konstant gesunken. Was können Sie daraus schliessen?

Auffallend ist, dass es keinen Sturzflug gab, sondern eben wirklich einen Sinkflug. Ich denke, die Piloten haben in dem Moment, bevor sie ihn eingeleitet haben, ganz klar einen Notfall an Bord gehabt. Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, dass vielleicht Rauch im Cockpit war – die Piloten also nicht mehr in der Lage waren, mit normalen Methoden zu fliegen. Und dann ist es eben der Instinkt, und das lernt jeder Pilot: Man muss sinken, man muss möglicherweise landen. Deswegen haben die hier offensichtlich einen Sinkflug eingeleitet.

Auffallend ist zudem, dass der Kurs nicht verändert wurde. Das Flugzeug blieb die gesamte Flugdauer nach dem Einleiten dieses Sinkfluges immer ganz klar auf seinem vorher berechneten Kurs. Offenbar wurde also nicht versucht, eine Notlandung zu machen. Aber es konnte auch kein Notsignal abgesetzt werden.

Was kann man sonst noch ausschliessen aufgrund dieser Fakten?

Klar ist auf jeden Fall, dass es keine Bombenexplosion gab oder eine ganz plötzliche Dekompression der Kabine, die möglicherweise das Flugzeug zerlegt hätte. Denn die Maschine ist ja intakt auf Kurs und offenbar auch kontrolliert abgesunken. Alles andere kann man jetzt noch nicht wirklich klar ausschliessen.

Was lässt sich daraus ablesen, dass es offenbar keinen Notruf gegeben hat?

Piloten lernen normalerweise in ihrer Ausbildung, dass sie in einem Notfall erst einmal fliegen müssen, dann navigieren, dann kommunizieren. Offenbar war die Notlage so prekär, dass sie zum kommunizieren – der dritten Priorität – nicht mehr gekommen sind. Auch das würde für mich darauf hindeuten, dass zum Beispiel möglicherweise ein Feuer oder Qualm im Cockpit gewesen sein könnte. Aber das ist natürlich auch nur Spekulation.

Das Unglücksflugzeug ist ein Airbus 320. Ein offenbar sehr sicheres Flugzeug.

Absolut. Der A320 wurde in den späten 80er Jahren auf den Markt gebracht. Es ist ein sicheres Flugzeug: Nahezu alle Airlines weltweit fliegen damit – auch die Swiss und Edelweiss zum Beispiel. Von der Airbus-320-Familie wurden weltweit fast 6500 Flugzeuge verkauft. Die A320-Familie, die mehrere grössere und kleinere Typen umfasst, ist ein wichtiges Rückgrat der weltweiten Flugzeugflotten und hat bisher hunderte von Millionen von Passagieren sicher befördert. Ich würde auch heute absolut sagen, dass der A320 grundsätzlich ein sicheres Flugzeug ist.

Nun war die Maschine über 20 Jahre alt. Ist das alt?

Nein, das ist objektiv nicht alt. Ein Flugzeug kann eigentlich gar nicht alt sein, wenn es ausreichend und gut gewartet wird. Es ist eher eine Frage der Wirtschaftlichkeit, wenn Airlines sagen, dass der Spritverbrauch bei älteren Maschinen höher ist, dass auch der Aufwand für die Wartung teurer wird. Das stimmt alles. Aber für die Sicherheit ist das kein Problem. Auch bei einem älteren Flugzeug nicht, sofern die Wartung eben vorschriftgemäss und ausführlich ausgeführt wird.

Germanwings ist die Billiglinie von Lufthansa. Wird da an der Sicherheit gespart?

Den Eindruck habe ich definitiv nicht. Es spricht ja auch für sich, dass das Billigflugsegment in Europa seit 15 Jahren sehr stark gewachsen ist, es aber bisher zum Glück in Europa nie einen Unfall gegeben hat mit Billigfliegern. Insofern ist es ganz klar, dass Billigfluglinien in keinster Weise bei der Sicherheit sparen. Das wäre auch sehr dumm und kurzsichtig. Denn wenn die Kunden wegen Sicherheitsmängeln das Vertrauen verlieren, dann wäre das Geschäftsmodell als solches sehr schnell am Ende.

Das Gespräch führte Simone Fatzer.

Zur Person

Andreas Späth ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Luftfahrt und Reise. Er arbeitet für verschiedene deutschsprachige Medien und lebt in Hamburg.