«Jeder kann sich Kalif nennen»

Die brutale, radikale Isis-Miliz, die in Irak ein Kalifat ausgerufen hat, löst weltweit Entsetzen aus. Und sie zementiert Vorurteile gegenüber Muslimen. Ein Reflex, den der Kulturhistoriker Hartmut Fähndrich kennt.

SRF: Die grosse Schlagzeile vor ein paar Tagen: Die Terrorgruppe Isis hat in den von ihr besetzten Gebieten im Irak und in Syrien ein Kalifat ausgerufen. Der Traum vom Kalifat, ist der in der arabischen Literatur ein Thema?

Hartmut Fähndrich: Nicht dass ich wüsste. Man muss aber zuerst einmal verstehen, was Kalif heisst. Kalif ist ein Stellvertreter. Das heisst, jede Person mit einem geistlichen oder theologischen Anspruch kann sich so nennen. Wir hatten vor ein paar Jahren den Fall eines Türken in Köln, der nannte sich Kalif von Köln.

Solche Dinge gibt es immer wieder, denn Kalif ist ein zum Mythos gewordener Begriff in der arabischen Geschichte. Insofern ist er leicht greifbar, wenn jemand einen bestimmten Machtanspruch erheben will. Und darum geht es im Augenblick auch.

Was bedeutet der Begriff Kalif ursprünglich?

Der Kalif war einmal Nachfolger und Stellvertreter Mohammeds. Das wird in jedem zweiten Zeitungsartikel gesagt. Was nicht so oft gesagt wird, ist die Tatsache, dass das Wort Kalif mehr oder weniger ausgestorben war. Es wurde erst im 19. Jahrhundert durch den osmanischen Sultan wieder neu belebt. Dieser wollte damit die Muslime in der Welt um sich scharen – eine rein politische Massnahme.

Deshalb konnte Atatürk 1924, nachdem er die türkische Republik gegründet hatte, das Kalifat abschaffen. Damals gab es einen Aufschrei von bestimmten Gruppen in bestimmten Regionen in Indien und in Ägypten. Sie wollten das Kalifat erhalten oder wieder einrichten. Eine muslimische Welt ohne Kalif könne doch nicht existieren. Doch offenbar kann sie es. Sie hat es eine ganze Weile getan. Wir werden sehen, wie lange sich der neue Kalif, trotz seiner mörderischen Tendenzen, im Amt halten kann.

Durch die Medien bekommt man hier den Eindruck, dass Religion für die arabische Welt das wichtigste sei, und dass sich das doch auch in der Literatur widerspiegeln müsste...

Das ist eine falsche Wahrnehmung, die durch die akademische Beschäftigung mit dem Nahen Osten, die sich Islamwissenschaft nennt, gefördert wird. Das ist ein ganz schlimmer Begriff für mich, weil er die Aufmerksamkeit auf das Islamische richtet. Und zwar nicht auf die Verbindung von Religion mit Kultur im allerweitesten Sinn, sondern auf Religion als Religion – also auf Theologie, Doktrin, Credo und so weiter.

Gerade die Literatur zeigt: Es gibt nur ganz wenige zeitgenössische Romane, in denen Religion eine zentrale Rolle spielt. Sie spielt eine Rolle, nämlich die, dass sie einen Teil der Zugehörigkeit von Personen definiert. Aber sonst kaufen diese Leute ihr täglich Brot, essen, trinken, schlafen, schlafen miteinander, pflanzen sich fort und leben. Es ist nicht so, dass alle dauernd mit dem Koran in der Hand dastehen.

Das sind neue Entwicklungen, die mit diesem Isis gekommen sind: Leute, die mit dem Koran herumfuchteln und meinen, so wie sie den Koran verstehen, sei es islamisch. Viele andere Muslime werden sich aus dieser Diskussion rausschleichen, indem sie sagen, das ist ja gar nicht Islam. Tatsache ist aber, das es Leute gibt, die das für Islam halten. Schlimm ist, auch im Christentum gehören Inquisitionen und Kreuzzüge zur Geschichte des Christentums. Man kann nicht behaupten, das sei nicht Christentum. Man kann höchstens sagen, das ist nicht mein Verständnis davon, Christ zu sein.

Das Gespräch mit Hartmut Fähndrich hat Susanne Brunner geführt.

Zur Person

Der 69-Jährige Hartmut Fähndrich ist an der ETH Dozent für Arabisch und islamische Kulturgeschichte. Ausserdem ist er einer der bedeutendsten Übersetzer arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Für seine Arbeit wurde er mit diversen Preisen ausgezeichnet.