«Jetzt haben wir den Schlamassel»

Athen hat reagiert und nun doch eine Reformliste nach Brüssel geschickt. Kann damit der Grexit verhindert werden? Währungsexpertin Stefanie Walter bleibt skeptisch. Das Land habe nun «die Wahl zwischen Pest und Cholera».

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Griechenland reicht Reformvorschlag ein

0:49 min, aus Tagesschau am Mittag vom 10.7.2015

SRF News: Griechenland hat Reformvorschläge geliefert. Ist der Grexit nun vom Tisch?

Stefanie Walter: Aktuell gibt es positive Signale aus Brüssel, wobei ich es schwierig finde, die Erfolgsaussichten für eine Einigung am Wochenende aus der Distanz abzuschätzen. Die Frage ist, ob ein neues Hilfspaket wirklich eine Lösung der Griechenland-Krise bedeutet, oder einen Grexit nur in die Zukunft verschiebt, mit potentiell noch grösserem Schaden für Europa. Da bin ich eher skeptisch.

Wie tiefgreifend sind die geplanten Massnahmen aus Athen?

Das vorgeschlagene Programm scheint ja sehr nahe an dem Programm zu liegen, was Ende Juni auf dem Tisch lag – und das die Griechen mit überwältigender Mehrheit abgelehnt haben. Allerdings haben die letzten zwei Wochen in der griechischen Wirtschaft massiven Schaden angerichtet, so dass ich nicht sicher bin, ob die vorgelegten Zahlen realistisch sind. Dies werden die Institutionen prüfen müssen.

Warum ist der Fall so aussergewöhnlich?

Der Euro ist ein politisches Projekt. Und die Mitglieder der Euro-Zone sind nicht so homogen, wie sie sein müssten, damit so eine gemeinsame Währung gut funktioniert. Das wusste man bereits in den 1990er Jahren. Deshalb ist die jetzige Entwicklung auch eigentlich keine Überraschung. Es gab aber auch eine andere Theorie. Laut der würden die Länder homogener werden, wenn man sie in einer Währungsunion zusammenschliesst. Und das wurde zur herrschenden Idee unter europäischen Politikern. Jetzt haben wir den Schlamassel.

Was ist denn im Euro-Raum falsch gelaufen?

Die Wirtschaft hat sich in den Euro-Ländern unterschiedlich entwickelt. Einige Länder stagnierten in den ersten Jahren nach der Euro-Einführung. Andere Länder wie Italien, Spanien, Portugal, Irland oder Griechenland erlebten einen Boom. Zwischen 2000 und 2008 ist das Pro-Kopf-Einkommen in Griechenland inflationsbereinigt um 30 Prozent gestiegen.

Das war aber eine Blase. Finanziert wurde die Blase u.a. durch Banken und andere Finanzmarktakteure, insbesondere aus Frankreich und Deutschland aber auch vielen anderen Staaten. Diese konnten in den boomenden Wirtschaften im Süden gewinnbringender investieren als in ihren eigenen Ländern. Aber das waren eben nicht immer die wirtschaftlich stabilsten Projekte. Die globale Finanzkrise von 2008 brachte diese Blase dann zum Platzen.

Welche Fehler hat Griechenland gemacht?

Griechenland hat lange Zeit wesentlich mehr ausgegeben, als es einnahm. Dies wurde durch Schulden finanziert. Das Lebenshaltungsniveau von Griechenland war kurz vor der Euro-Krise in etwa so hoch wie in Frankreich und Deutschland, aber die Produktivität war viel niedriger. Die Griechen haben also über ihre Verhältnisse gelebt. Gleichzeitig war es natürlich auch verantwortungslos, dass die Finanzakteure in den Nordländern Griechenland zu niedrigen Zinsen viel Geld geliehen haben. Man hat sich darauf verlassen, dass im Notfall schon die anderen Länder einspringen würden – zurecht, wie die Krise gezeigt hat. Die Kosten tragen jetzt die Steuerzahler der Eurozone.

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Reaktion der Euro-Gruppe

0:39 min, aus Tagesschau am Mittag vom 10.7.2015

Was muss Griechenland tun?

Um langfristig im Euro zu bleiben, muss Griechenland noch weitere, tiefer gehende strukturelle Reformen angehen und auch weiterhin sparen, wobei Strukturreformen wesentlich wichtiger wären. Aber bislang scheute sich Griechenland davor, Privilegien abzuschaffen und auch Syriza ist Teil des klientelistischen Systems. Oder sie müssen aus dem Euro austreten, wobei es meiner Meinung nach ganz wichtig wäre, dass sie in der EU bleiben dürfen. Griechenland steht also vor einer Wahl zwischen Pest und Cholera.

Das Gespräch führte Oliver Roscher

Stefanie Walter

Stefanie Walter in Nahaufnahme

Uni Zürich

Stefanie Walter promovierte 2007 an der ETH Zürich mit einer Arbeit über die politische Ökonomie von Währungskrisen. Seit September 2013 ist sie ordentliche Professorin für Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie am IPZ der Universität Zürich. Sie hat zahlreiche Publikationen zu ökonomischen Themen verfasst.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

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    Aus Tagesschau vom 10.7.2015

    Die Handelsströme leiden unter den schwierigen Zahlungsbedingungen in Griechenland. Auch Schweizer Unternehmen, die mit Griechenland Geschäfte machen, bekommen dies zu spüren – wie zwei Beispiele zeigen.

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  • Rudolf Strahm, Ökonom, Experte für Makroökonomie

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    EU und Griechenland als unglückliche Paarung, Griechenland mit 316 Mia. Euro Schulden, 174% des griechischen Bruttoinlandproduktes. Rudolf Strahm erklärt, warum man das nicht bereits zu Beginn erkannt hat und warum die Lehrbuchmodelle der Troika in Griechenland nicht fruchten.