Irland nach dem Brexit «Jetzt ist alles denkbar»

Lange galt die Wiedervereinigung von Irland als Thema für politische Spinner. Mit dem Brexit ist es wieder salonfähig geworden.

SRF-News: Wieso wollen die nordirischen Katholiken über eine Wiedervereinigung mit Irland abstimmen?

Martin Alioth: Sinn Féin, die katholische Partei, die diese Forderung vorgebracht hat, ist sowohl in Nordirland als auch in der Republik Irland gross. Ihre Existenzgrundlage ist seit 112 Jahren die irische Wiedervereinigung – das wäre also nichts Neues. Mit dem Brexit entsteht jetzt aber eine EU-Aussengrenze mitten durch Irland. Die britische Premierministerin Theresa May will sowohl aus dem europäischen Binnenmarkt als auch aus der Zollunion austreten. Das führt dazu, dass die Wiedervereinigung, die bisher den politischen Spinnern vorbehalten war, plötzlich zum vernünftigen Debattierthema wird.

Darum geht es:

  • Mit dem Ja des britischen Oberhauses rückt der Brexit immer näher.
  • In Irland könnte das zu Problemen führen: Durch den Brexit entsteht rund um Nordirland eine EU-Aussengrenze.
  • In Nordirland tobte bis vor 20 Jahren ein blutiger Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten.
  • Die Katholiken fordern jetzt eine Abstimmung über eine Wiedervereinigung der Insel

Wie gross ist die Chance einer Wiedervereinigung?

Vor zwei Wochen hat Sinn Féin bei den Wahlen in Nordirland erstmals mit der grössten Protestantenpartei DUP gleichgezogen. Erstmals haben die pro-britischen Protestanten im Parlament ihre absolute Mehrheit verloren. Nicht jeder Katholik in Nordirland will aber nur wegen seiner Konfession die Wiedervereinigung. Im Gegenteil, es ist selbst unter den nordirischen Katholiken nur eine Minderheit, die das will – und die Protestanten wollen es ganz bestimmt nicht.

Wieso gibt es Katholiken, die gegen die Wiedervereinigung sind? Nordirische Katholiken haben doch jahrelang gegen die Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich gekämpft.

Die Teilung der Insel ist mittlerweile fast hundert Jahre alt. Das prägt sich in den Köpfen ein. Zudem zahlen die englischen Steuerzahler jährlich 10 Milliarden Pfund nach Nordirland um die dortige Gesellschaft über Wasser zu halten. Die Republik Irland hätte grösste Mühe, solche Ausgleichszahlungen zu finanzieren.

Könnte Irland solche Ausgleichszahlungen nicht leisten?

Gestern hat die grösste irische Partei Fianna Fáil einen Zwölfpunkteplan zur Wiedervereinigung veröffentlicht. Darin ist der Wunsch enthalten, der britische Steuerzahler möge diese Subvention noch für ein paar Jahre weiterbezahlen. Meiner Meinung nach ist das aber Wunschdenken.

Eine Karte von Irland

Bildlegende: Die Republik Irland (grün) und Nordirland (orange). SRF

Was bedeutet diese erneute Forderung für den Friedensprozess in Nordirland und Irland?

Grenzpfähle sind nie gut für eine Versöhnung, dramatisieren würde ich das aber nicht. Die Diskussion um die Wiedervereinigung zeigt aber, dass in Irland plötzlich alles denkbar geworden ist.

Gäbe es noch andere Möglichkeiten einer Wiedervereinigung zwischen Nordirland und Irland?

Ich gebe zu, das ist eine Utopie: Die ungefähr zwei Millionen Nordiren sind zu ungefähr gleich grossen Teilen in Katholiken und Protestanten aufgeteilt. In einem wiedervereinigten Irland wären also die Protestanten in der Minderheit. Mit ein wenig Fantasie könnte man aber auch Schottland zu einer grösseren Föderation dazunehmen. Dort ist die protestantische Presbyterianische Kirche am weitesten verbreitet. Das würde ein Gleichgewicht zwischen den Konfessionen schaffen. In der politischen Diskussion kommt dieser Vorschlag zwar heute nicht vor, aber wie gesagt: In Irland ist jetzt alles denkbar.

Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Brexit: Weg frei für May

    Aus Tagesschau vom 14.3.2017

    Der Weg ist frei für Theresa May – nach dem Unterhaus hat gestern spätabends auch das britische Oberhaus dem Brexit-Gesetz zugestimmt. May kann nun den Austritt aus der Europäischen Union auslösen.