Kinder als Arbeitssklaven

Die Perspektiven sind nicht rosig für die 168 Millionen Kinder weltweit, die Kinderarbeit leisten: Der frühe Arbeitseinsatz verfolgt sie ein Leben lang - denn diesen Kindern fehlt die Ausbildung, um später eine gute Arbeitsstelle zu finden.

Mädchen mit einer Schaufel voll Sand

Bildlegende: Die achtjährige Inderin Gulab Shaw hilft beim Sandabtragen am Balason Fluss, 582 Kilometer nördlich von Kalkutta. Keystone

Die Kinderarbeit berge nicht nur Risiken für die Gesundheit, die Sicherheit und die Entwicklung der Kinder, schreibt die UNO-Arbeitsorganisation (ILO) in einer Studie. Wer Kinderarbeit leiste, habe später Schwierigkeiten, eine gut bezahlte und langfristige Arbeitsstelle zu finden.

Buben mit Plastiksäcken

Bildlegende: Die jungen Papiersammler von Kabul: Keine Aussicht auf Bildung in einem geschundenen Land. Keystone

In armen Ländern schliessen laut der Studie nur 20 bis 30 Prozent der Kinder die Schule ab, bevor sie mit 15 Jahren ins Berufsleben eintreten. Jene Jugendliche, die in ihrer Kindheit gearbeitet haben statt zur Schule zu gehen, finden meist nur schlecht bezahlte Arbeit.

«Jedes Kind zählt»

«Die Zahl der arbeitenden Kinder ist dieses Jahr gesunken, aber wir haben nichts zu feiern», sagte Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi an einer Medienkonferenz in Genf zum internationalen Tag der Kinderarbeit: «Jedes Kind zählt.»

Nicht eingeschult seien weltweit ungefähr 58 Millionen Kinder im Primarschulalter, beklagte der indische Kinderrechtsaktivist. Die UNO hat bis nach 2015 das Ziel, das Recht auf eine Primarschulbildung weltweit durchzusetzen. Um das zu erreichen, müssten 22 Milliarden Dollar zusätzlich investiert werden, sagte Satyarthi. Diese Summe entspreche nur einem Bruchteil der jährlichen weltweiten Militärausgaben.

Viele Jugendliche arbeitslos

«Wir müssen dafür sorgen, dass alle Kinder zur Schule gehen und eine Ausbildung erhalten, bis sie ins legale Arbeitsalter kommen», sagte ILO-Chef Guy Ryder. «Die Ausbildung bestimmt den Rest ihres Lebens.»

Die UNO-Arbeitsorganisation erinnerte daran, dass mehr als 75 Millionen Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos sind. Viele mehr verrichten Arbeiten, die ihnen weder ein gerechtes Einkommen, Arbeitssicherheit oder Sozialleistungen garantierten. Wer keine Ausbildung habe, habe auch Schwierigkeiten, eine annehmbare Arbeit zu finden, hiess es.

Millionen Kinder als Sklaven

Von den 168 Millionen Kindern die arbeiten, verrichten 47,5 Millionen Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren gefährliche Arbeiten. Fünf Millionen Kinder müssen unter Bedingungen arbeiten, die der Sklaverei gleichen und in denen sie keinen Zugang zu Bildung haben.

Ein Junge auf einem Abfallhaufen

Bildlegende: Wühlen im Müll von Gaza nach etwas Verkauf-, Tausch- oder Essbarem. Kinder-Alltag im Gazastreifen. Keystone

Die ILO untersuchte die Folgen von Kinderarbeit in zwölf Ländern. Die Resultate zeigen, dass jene Kinder, die vor dem 15. Lebensjahr die Schule abbrechen, kaum den Einstieg in die Berufswelt schaffen.

Jene, die den Einstieg doch finden, brauchen aber länger und finden seltener langfristige und stabile Arbeitsstellen. Es sei deshalb wichtig, so früh wie möglich zu intervenieren, um Kinderarbeit zu verhindern, heisst es im ILO-Bericht.

Kampfansage an die Schattenwirtschaft

Auch der Schattenwirtschaft sagt die UNO-Organisation den Kampf an. Das hat die ILO in Genf beschlossen.

Schattenwirtschaft bedeute ungenügenden sozialen Schutz für die Arbeitnehmer und Verlust von Steuereinnahmen für den Staat. Nach ihrer zweiwöchigen Konferenz verabschiedete die Organisation in Genf einen neuen internationalen Standard. Er ist zwar nicht bindend, soll aber Millionen von Arbeitnehmenden helfen, vom informellen in den formellen Sektor der Wirtschaft zu wechseln.

Einer von zwei Arbeitsplätzen weltweit sei Teil des informellen Sektors, sagte ILO-Direktor Guy Ryder. Die neue Empfehlung wurde von den Mitgliedsländern mit grosser Mehrheit angenommen. Sie anerkennt, dass die meisten Menschen nicht freiwillig in der Schattenwirtschaft ihr Geld verdienen, sondern wegen ungenügender Möglichkeiten im formellen Sektor und mangels alternativer Existenzgrundlagen.

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Bessere Kommunikation gegen Schwarzarbeit

1:48 min, aus Tagesschau vom 1.4.2015

Anteil in der Schweiz: 6,9 Prozent

In der Schattenwirtschaft ist der Anteil der Frauen in den meisten Ländern höher als jener der Männer. Andere gefährdete Bevölkerungsgruppen, wie junge Menschen, ethnische Minderheiten, Migranten, ältere Menschen und Behinderte sind in der Schattenwirtschaft zudem überrepräsentiert.

In Entwicklungsländern beträgt der Anteil der Schattenwirtschaft an der gesamten Wirtschaftsleistung gemäss ILO rund 45 bis 90 Prozent. Die Schweiz kam laut einer Studie im vergangenen Jahr auf einen Wert von 6,9 Prozent.

ILO-Bericht im Internet

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO hat ihren neuen Bericht zu Kinderarbeit in aller Welt online gestellt. Darüber hinaus ist eine Zusammenfassung des kompletten Reports abrufbar.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Legale Kinderarbeit in Bolivien

    Aus 10vor10 vom 17.10.2013

    Im ärmsten Land Südamerikas wurde Kinderarbeit legalisiert – auf Wunsch der Kinder. Diese wollten legal ihren Familien helfen können. Die Ausbeutung von Kindern bleibt weiterhin verboten. «10vor10» hat einen 14-jährigen Zigaretten-Verkäufer begleitet.

  • Kinder müssen weniger arbeiten

    Aus Tagesschau vom 23.9.2013

    Die weltweite Kinderarbeit ist seit dem Jahr 2000 um ein Drittel zurückgegangen. Das teilt die Arbeitsorganisation der Uno mit. Die Hilfswerke freuen sich über einen Etappensieg, wollen aber noch nicht zurücklehnen.

  • Kinderarbeit für Schweizer Firmen

    Aus Rundschau vom 4.9.2013

    In Bangladesh haben Kinder für Schweizer Billigmarken Kleider hergestellt, wie Dokumente belegen. Dabei haben lokale Subunternehmen, die für Schweizer Firmen produzieren, laut der Nichtregierungsorganisation “Fairwear“ Arbeitszeiten und Mindestlöhne nicht eingehalten. Die Rundschau-Recherche über das Billiglohnparadies Bangladesh.

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  • Kinderarbeit für Haselnüsse aus der Türkei

    Aus Kassensturz Espresso vom 14.12.2012

    Fast alle Haselnüsse in der Schweiz stammen aus der Türkei. Im Jahr 2011 waren es knapp 8000 Tonnen. Mehrere Studien zeigen: Bei der Ernte arbeiten tausende Kinder zwischen 11 und 15 Jahren mit.

    Die grösste Abnehmerin ist die Schokoladeindustrie, und die will sich nun für faire Haselnüsse einsetzen.

    Martina Schnyder

  • Video «Kinderarbeit beim Tabakanbau: Leiden für Zigarettenraucher» abspielen

    Kinderarbeit beim Tabak: Leiden für Raucher

    Aus Kassensturz Espresso vom 6.4.2010

    Nicht nur wer Tabak raucht, schadet seiner Gesundheit. Auch Tabakbauern werden durch Kontakt mit den nikotinhaltigen Blättern krank. Auf den Plantagen schuften sogar Kinder. Nur so können sie den Tabakmultis die vorgeschriebene Menge liefern. «Kassensturz» zeigt, wie sehr diese Familien leiden.

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  • Kinder designen gegen Kinderarbeit

    Aus Kassensturz Espresso vom 29.9.2008

    «Step» engagiert sich für fair hergestellte Teppiche und gegen Kinderarbeit. Aber auch «Step» beschäftigt Kinder, und zwar in einem Teppichdesign-Wettbewerb. Ein Bericht von der Prämierung.

    Das Label «Step» setzt sich ein für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen in den Produktionsgebieten von handgefertigten Teppichen.

    «Step», das zur Max Havelaar-Stiftung (Schweiz) gehört, bekämpft missbräuchliche Kinderarbeit und fördert ökologisch verträgliche Teppich-Herstellungsverfahren.

    Toni Koller