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International «Lasst uns nicht alleine, wir sind überfordert»

Am Hafen von Catania sieht es aus wie an jedem Hafen: Fischerboote und Frachter kommen und gehen. Doch heute legt ein ganz spezielles Schiff an: Es hat Überlebende des jüngsten Bootsunglücks im Mittelmeer an Bord. Eine schwierige Aufgabe für die sizilianische Stadt.

Mehrere Migranten aus Afrika im Vordergrund, im Hintergrund ein Boot der italienischen Küstenwache.
Legende: Die Küstenwache bringt Gerettete nach Catania. Ihre Zeugenaussagen sollen Aufschluss über die Hintermänner geben. Keystone/Archiv

SRF News: Franco Battel, Sie waren eben am Hafen von Catania, wo die Überlebenden des Unglücks hingebracht werden. Wie sieht es dort aus?

Franco Battel: Heute Morgen kamen hier Fischerboote, aber auch Kreuzfahrtschiffe und Fähren an. Es herrschte – wie jeden Morgen an diesem Hafen – eine hektische Stimmung. Aber es waren noch keine Boote der Küstenwache da, der Guardia Costiera, die Überlebende nach Catania bringen sollen. Die sind offenbar noch in Malta. Es wird wahrscheinlich Nachmittag oder Abend, bis diese hier in Catania eintreffen.

Angeblich sollen die Toten auf Malta bleiben, die Überlebenden nach Catania gebracht werden. Weshalb gerade dorthin?

Hier gibt es auf der einen Seite einen grossen Hafen. Auf der anderen Seite aber auch ein grosses Spital. Man geht davon aus, dass ein Teil der Flüchtlinge krank oder verletzt ist. Hier gibt es aber zum Beispiel auch das Rote Kreuz, das Hilfe leisten kann, wenn diese Schiffbrüchigen, wenn sie hier ankommen, ihre Verwandten benachrichtigen wollen. Und es gibt hier eine spezialisierte Staatsanwaltschaft, die sich um Kriminalität auf dem Meer kümmert. Es geht ja auch darum, die Schuldigen für dieses Unglück – die Schlepper, die viel zu viele Menschen auf dieses Boot gebracht haben – zu ermitteln und zu bestrafen.

Ein überlebender Flüchtling hat die Zustände an Bord beschrieben. Was hat er erzählt?

Der Mann, der mit einem Helikopter nach Catania geflogen wurde, weil er schwer verletzt ist, hat erzählt, dass das Boot vollkommen überfüllt gewesen sei. Das beispielsweise auch Migranten unter Deck eingesperrt worden seien. Diese haben wohl, als das Boot kenterte, wenig Chancen gehabt, herauszukommen und zu schwimmen. Das heisst, sie sind wahrscheinlich ertrunken. Und der Überlebende sagte auch, dass an Bord 950 Personen gewesen seien, unter ihnen 200 Frauen und 40 bis 50 Kinder. Bisher sprach man von rund 700 Personen, die an Bord gewesen sein sollen.

Die Küstenwache sucht offenbar weiter nach den Vermissten. Bis Sonntagabend konnten erst 28 Menschen gerettet werden. Wie gross sind die Chancen, noch jemanden lebend zu finden?

Das Wasser im Mittelmeer ist etwa 17 Grad warm respektive kalt. Das heisst, das ist eine Temperatur, bei der Schiffbrüchige theoretisch während mehrerer Stunden überleben können. Man muss aber auch sagen, dass es jetzt mehr als 24 Stunden her ist, seit dieses Boot gut 100 Kilometer vor der Küste Libyens gekentert ist. Die letzten Meldungen über Gerettete liegen auch schon über 24 Stunden zurück. Die italienische Küstenwache sucht weiter nach Überlebenden. Aber man muss davon ausgehen, dass die Chancen, jetzt noch welche zu finden, ziemlich klein sind.

Hier gibt es eine spezialisierte Staatsanwaltschaft, die sich um Kriminalität auf dem Meer kümmert.

Wie reagieren die Menschen in Catania auf dieses Unglück?

Sie reagieren wie die meisten Italienerinnen und Italiener. Wie man in den Zeitungen liest, herrscht eine grosse Trauer und auch ein Entsetzen darüber, dass offenbar so viele Menschen gestorben sind. Überall hört man die Bitte: «Lasst uns nicht alleine. Das ist eine Riesenaufgabe. Wir sind überfordert. Wir können nichts machen.» Viele Leute hier möchten, dass bald Hilfe kommt, beispielsweise von Seiten der EU. Dies, damit wieder mehr Schiffe patrouillieren und auch wieder mit mehr Ressourcen nach Überlebenden gesucht werden kann. Denn diese wurden letzten Herbst ganz deutlich reduziert. Das ist hier an vielen Orten zu spüren.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Franco Battel

Porträt Franco Battel

Franco Battel ist seit Anfang 2015 SRF-Korrespondent in Rom. Davor war er als Auslandredaktor für Italien, Mexiko, Zentralamerika, Kuba und Liechtenstein verantwortlich. Er berichtete zudem vom UNO-Sitz in Genf.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Johnny Torturo, Zürich
    denen ist das Risiko bewusst. Es ist traurig, es tut mir leid für die Leute die in AFRIKA nicht die Chance kriegen normal zu Leben. Aber es gibt auch eine Schattenseite, die Wissen sie kriegen in Europa Unterstützung für nichts. Ich glaube kaum das China oder Russland so einen Ansturm haben. Viele von denen werden kaum Arbeiten, und nur Probleme machen, beispiele gibt es genug. Es sollte endlich aufgeräumt werden in Afrika! damit nicht noch mehr rüber kommen.
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    1. Antwort von G.Beretta, Bern
      nur ein paar fragen Torturo: schon mal überlegt wieso diese Leute in Afrika nicht die Chance kriegen "normal" zu leben? Schon mal überlegt, dass wenn China oder Russland (geographisch) an der gleichen Stelle wie Italien wären, ihnen das gleiche passieren würde (Ansturm)? und zum Schluss, wie genau stellen Sie sich das "aufräumen" in Afrika vor? ich freue mich auf Ihre Antwort !
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    2. Antwort von Johnny Torturo, Zürich
      Guten Tag Beretta, wollen Sie mir sagen das es in ganz Afrika kriselt? Das es dort keinen flecken Erden gibt wo man normal Leben kann? Das glaube ich kaum! Ausserdem, ich glaube nicht das Australien viel näher ist als China oder Russland, dort hin versuchen die es aber auch, aber die machen es richtig und machen alles dicht, ganz einfach, aber die EU ist zu dumm dafür. Mit Aufräume meine ich Militärisch für Ordnung zu sorgen, Finanziell unterstützen statt tausende aufzunehmen, ganz einfach.
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  • Kommentar von erich haller, kreuzlingen
    ich fordere alle medienschaffenden auf sich dafür einzusetzen, dass die hintergründe aufgedeckt werden. aber alle schuld den schleppern zu geben ist mir zu einfach! klar haben diese verantwortungslos gehandelt (das sollen aber die gerichte beurteilen), aber wir (auch die schweiz als schengenstaat) müssen uns fragen, wie wir unsere politik gestalten können, um solche tragödien zu verhindern. hier wäre eine breite öffentliche diskussion gefordert. sonst sind wir in bald wieder am selben punkt!
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  • Kommentar von erich haller, kreuzlingen
    ich hoffe jetzt nur, dass die medien jetzt ihre verantwortung wahr nehmen, und über diesen schrecklichen unfall (ich bin mir bewusst, das als unfall zu bezeichnen ist schon fast zynisch, aber ich habe im moment keinen passenderen begriff) genau so lange und vor allem ausführlich wie z. b. über den germanwings absturz berichtet wurde. hier sind 5 - 6 mal so viele menschen ums leben gekommen, ich hoffe, dass diese uns genau soviel wert sind wie die opfer vom flug 4U9525.
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