Wiederaufbau in Nepal Leben in der Wellblechhütte

Beim schweren Erdbeben in Nepal starben vor zwei Jahren 9000 Menschen, unzählige Häuser wurden zerstört. Trotz Hilfe aus dem Ausland stocken die Aufbauarbeiten.

Dorf in der Ferne, grüne Umgebung, im Vordergrund ein Fluss.

Bildlegende: So idyllisch ist das Melamchi-Tal. Doch die Armut ist gross: Ausser Landwirtschaft gibt es kaum Erwerbsmöglichkeiten. Aaquib Khan

Beim letzten Besuch prasselte schwerer Monsunregen auf das provisorische Wellblechdach der Mahindra Schule in Melamchi. Das war drei Monate nach dem verheerenden Erdbeben, im August 2015. Drinnen sassen die Sekundarschüler und sangen ein Regenlied.

Heute scheint zwar die Sonne – trotzdem singen die Kinder dasselbe Lied. An ihrer Situation hat sich nicht viel geändert. Noch immer werden sie in sogenannten Temporary Learning Centers unterrichtet. Es ist dies eine geschönte Bezeichnung für die Baracken aus Wellblech, die kurz nach dem Erdbeben aufgestellt wurden.

Schüler in der provisorischen Schule, von hinten fotografiert.

Bildlegende: Die provisorische Schule ist eigentlich bloss eine Blechhütte ohne festes Dach. Aaquib Khan

Die Bedingungen seien nicht sehr gut, sagt Schülerin Deepa Lunga. «Im Sommer ist es heiss und im Winter kalt». Doch der Unterricht sei gut, beteuert die 14-Jährige. Die Mahindra-Schule wurde vom Erdbeben im Mai 2015 komplett zerstört. Es war ein Samstag, die Schulzimmer waren zum Glück leer.

Mit dem Wiederaufbau des eigentlichen Schulgebäudes wurde rasch begonnen, bald ist es bezugsbereit. «Schlammlawinen und der schwerer Monsun behinderten die Bauarbeiten», erinnert sich Thakur Thappa von der Caritas.

Das Schweizer Hilfswerk hat die Schule wieder aufgebaut. Jetzt stützen freistehende Stahlpfeiler die Betonmauern zusätzlich. So sollte die Schule einem künftigen Erdbeben standhalten können, sagt der Programmkoordinator.

Auch wenn der Wiederaufbau der Schule zwei Jahre dauerte, ging er doch schneller vonstatten als jener der meisten Häuser. Das verrät der Blick über das grüne Melamchi-Tal: Aus allen Dörfern an den gegenüberliegenden Hängen funkeln die Wellblechdächer der provisorischen Unterkünfte. Kaum ein Haus ist hier wieder aufgebaut worden. Und wo gebaut wird, steht höchstens das Fundament.

Das ist auch bei Bauer Itam Bahadur Pandit so: Er habe von der Regierung eine erste Tranche von umgerechnet 500 Franken für den Wiederaufbau erhalten. Eine zweite und dritte wurde ihm in Aussicht gestellt. Doch der Bauer glaubt nicht, dass das Geld aus Kathmandu noch kommt. «Im Dorf hat bisher noch niemand mehr als die erste Tranche Geld bekommen», sagt er.

Ein Mann sitzt im Schatten und blickt auf das Dorf.

Bildlegende: Bauer Itam Bahadur Pandit musste einen Kredit zum Wucherzins aufnehmen, damit er endlich ein Haus bauen kann. Aaquib Khan

Die Regierung knüpft ihre Wiederaufbauhilfe an Bedingungen. Sie gibt zum Beispiel vor, wie dick die Mauern sein müssen, damit die neuen Häuser bei einem nächsten Erdbeben stehen bleiben. Erst wer ein stabiles Fundament gebaut hat, bekommt die zweite Zahlung. Das ist eine sinnvolle Idee, doch bei der Umsetzung hapert es, wie Pandit erklärt.

Die Ingenieure seien einmal bei ihm vorbeigekommen und hätten sich die Grundmauern angeschaut. «Stelle zuerst das Fundament fertig, dann schauen wir weiter», hätten sie ihm gesagt. Seither hat der Bauer nichts mehr von ihnen gehört.

Deshalb konstruiere er sein Haus jetzt halt so stabil wie möglich, doch das sei teuer. Pandit musste einen Privatkredit aufnehmen, den er nun mit 25 Prozent Zinsen zurückbezahlen muss. Auch wenn ihn der Staat einmal entschädigen sollte, wird es zuwenig sein, um die effektiven Baukosten inklusive Zinsen zu decken.

Wellblechhütten, ein Haus im Bau, das Fundament steht.

Bildlegende: Viele Menschen leben noch in Wellblechhütten, hier steht immerhin schon das massive Fundament des neuen Hauses. Aaquib Khan

Geld ist ein Problem, fehlende Arbeitskräfte ein anderes. Beinahe jeder sechste Nepali arbeitet im Ausland. Die meisten bauen Wolkenkratzer in den Golfstaaten. Ihr Gehalt, das sie an ihre Familien überweisen, ist Nepals wichtigste Einkommensquelle. Doch jetzt wären geschulte Hände für den Wiederaufbau in Nepal selber dringend nötig.

Ein Mädchen mit rotem Punkt auf der Stirn spricht in ein Mikrofon.

Bildlegende: Deepa Lunga freut sich auf die neue Schule: «Endlich ist Schluss mit dem Unterricht in der Wellblechbarracke.» Aaquib Khan

Auch die Schule der Caritas konnte nicht ausschliesslich mit Arbeitern aus der Region wiederaufgebaut werden. Sogar ausländische Projekte leiden also unter dem Mangel an Arbeitskräften. Trotzdem ist die Schule in ein paar Wochen bezugsbereit. Deepa Lunga freut sich darauf: «Endlich ist Schluss mit dem Unterricht in der Wellblechbarracke.»