Rückschlag für schwule und lesbische Paare in Italien

Italien ist das einzige Land in Westeuropa, das keine Rechte für homosexuelle Paare vorsieht. Diese Lücke möchte die Regierung schliessen. Doch Matteo Renzi ging vielen Italienern mit seinen Vorschlägen zu weit. Nun krebst er zurück und streicht die Stiefkindadoption aus dem Gesetz.

Menschenmenge an einer Demontration gegen eingetragene Partnerschaften am 30. Januar in Rom.

Bildlegende: Dass homosexuelle Paare die Kinder des Partners adoptieren dürfen, ist besonders umstritten. Reuters

Im italienischen Senat geschah vor kurzem Unerhörtes: Oben auf der Tribüne küsste sich ein Männerpaar. Unten im Plenum wurde das sofort registriert. Sicher, diese Intimität an diesem Ort war unangemessen. Am besten hätten die Senatorinnen und Senatoren diesen Kuss ignoriert.

Doch er wurde sofort zum Thema: Der «Decoro», der Anstand, müsse wieder einkehren. Eine Provokation sei dieser Kuss, die Parlamentsdiener müssten umgehend eingreifen. Bislang war das die Tonlage dieser Debatte.

Im Grundsatz sind gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare zwar kaum bestritten. Die Konservativen aber wehrten sich mit aller Kraft gegen die im Gesetz enthaltene Stiefkindadoption. Dank ihr hätten auch Homosexuelle das leibliche Kind ihres Partners adoptieren können. Hinter dieser Stiefkindadoption wittern viele Konservative aber etwas ganz anderes: die Leihmutterschaft.

Ministerin vergleicht Frau mit Ofen

Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin erklärt das mit einem drastischen Bild: Die Frau sei wie ein Ofen, in dem ein Kuchen gebacken werde. Sobald der Kuchen fertig sei, werde er verkauft. Im Klartext: Italienische Schwule würden in Kanada oder in Kalifornien, wo die Leihmutterschaft legal ist, ein Kind kaufen und es nach Italien bringen, um es zu adoptieren.

Wieder wurde es laut im Senat: Im Senat selber gebe es ein Beispiel dafür. Senator Sergio Lo Giudice, ein Parteikollege von Premier Matteo Renzi, habe zusammen mit seinem Partner eine solche Leihmutter bezahlt. Zu den Kosten seines Kindes habe Lo Giudice bisher geschwiegen. Tatsächlich hat der betreffende Senator vor kurzem publik gemacht, über eine Leihmutter zusammen mit seinem Partner zu einem Baby gekommen zu sein.

In Lo Giudices demokratischer Partei sagt man dazu, es gebe eben Länder, wo das legal sei. Dort allerdings werde die Leihmutterschaft vor allem von unfruchtbaren, heterosexuellen Paaren genutzt. In Italien aber sei die Leihmutterschaft verboten und das solle auch so bleiben. Das Argument der Leihmutterschaft würden Ultrakonservative nur vorschützen, um das Gesetz zu den gleichgeschlechtlichen Paaren zu verhindern.

Josef lediglich Stiefvater von Jesus

Die Gräben sind tief. Sie ziehen sich quer durch die Parteien und selbst die Regierung. Auch Renzis Partito Democratico ist gespalten, in Katholiken und Progressive. Wobei auch die progressive Seite mitunter kräftig provoziert: Auch Jesus habe keinen natürlichen Vater gehabt. Josef sei, wegen der unbefleckten Empfängnis, lediglich der Stiefvater gewesen.

Seit gestern ist klar, wer sich in dieser epischen und teilweise biblischen Debatte durchsetzen wird: Es sind die Konservativen. Denn Renzi hat klein beigegeben. Das Gesetz wird am Donnerstag wohl ohne die Stiefkindadoption verabschiedet. Gleiche Rechte für homosexuelle Paare wird es also nicht geben, lediglich einige Rechte. Und das heisst, die Debatte dürfte bald weiter gehen.