So lebt es sich in der kältesten Grossstadt der Welt

Kalt, kälter, Jakutsk. Errichtet auf dem sibirischen Permafrostboden, bewohnt von knapp 300'000 Menschen, die jeden Winter Temperaturen von minus 45 Grad trotzen. Touristen verschlägt es kaum in diese Eiseskälte, Journalistin Birgit Schmeitzner hat es dennoch gewagt.

Die ersten Schritte in der Eiseskälte von Jakutsk sind wie ein Schock: Schnell frisst sich die sibirische Kälte durch Daunenmantel und Thermoschuh, die feinen Nasenhärchen frieren zusammen, die Lunge rebelliert und man muss unwillkürlich husten.

Bewohner German, der uns mit dem Auto abgeholt hat, scherzt: «Heute ist es warm, nur minus 31 Grad. Sie haben uns von Moskau die Wärme mitgebracht!» NUR minus 31 Grad? Für German ist das Alltag, für uns dagegen eine Herausforderung. Gut, dass wir uns im Auto ein wenig aufwärmen können.

«  Heute ist es warm, nur minus 31 Grad. »

German
Bewohner von Jakutsk


Jakutsk: Besuch in der kältesten Grossstadt der Welt

6:21 min, aus SRF 4 News aktuell vom 15.03.2016

Wodka in die Flammen

Nach der Fahrt durch die vereisten Strassen von Jakutsk schlüpfen wir schnell hinein in ein jakutisches Holzhaus am Rande der Stadt, im offenen Kamin prasselt ein gemütliches Feuer. Eine Jakutin in Landestracht spielt Maultrommel. Landeskunde für Neuankömmlinge: Jeder bekommt ein Stückchen Brot und ein Glas Wodka in die Hand gedrückt. Hinein damit in die Flammen!

Das Feuer freue sich über die Opfergaben, werden wir gelobt. Die Reise stehe nun unter einem guten Stern. Ajar Warlamow weiss, was wir noch brauchen: warme Kleidung nämlich. Denn wie heißt es so schön: «Es gibt keine Kälte, nur falsch angezogene Leute.»

Über die mitgebrachten Skihosen und Daunenmäntel kommen dicke Jacken aus Rentier, die streng riechen. Für die Füsse stehen Valenki bereit, ganz einfache Stiefel aus Filz. Sie halten länger warm, als es jeder noch so gute Hightech-Schuh könnte. Lena Sidorowa kommt dazu, sieht die vielen Kleidungsschichten und muss fast lachen: Es sei hier doch gar nicht so kalt. Sankt Petersburg – DAS sei für sie die kälteste Stadt überhaupt, schrecklich, da friere sie immer. Dann lieber die trockene Kälte von Jakutsk. Hier ist Lena verwurzelt und züchtet seit 20 Jahren jakutische Laikas.

Diese Nordhund-Rasse hat ein sehr dickes Fell, jakutische Laikas leben das ganze Jahr über draussen und überstehen jeden harten Winter. Nicht so aktiv und schnell wie Huskies, dafür ausdauernder. Genügsame Arbeitshunde, als Zugtiere in der unwirtlichen Weite des Nordens sehr viel besser geeignet als zum Beispiel Pferde. Heutzutage ist Hundeschlittenfahren aber nur noch etwas für Aktiv-Urlauber und Sportler, die an Rennen teilnehmen.

Per Hundeschlitten durch den Pulverschnee

Die Hunde sind ungeduldig. Sie bellen, winseln, wollen endlich mit dem Schlitten loslaufen. Lenas Mitarbeiter Schenja erklärt, worauf man achten muss. Die Leine darf nicht durchhängen, weil sonst die Hunde übereinander stolpern. Wie man anhält? Bremse drücken und «taj!» rufen, also «stopp». Aber erst einmal müssen wir die Hunde mit lautem «patja» antreiben – «vorwärts». Und weil man immer wieder auch mit anschieben muss und dabei im Pulverschnee versinkt, ist das anstrengender als gedacht.

Mit der untergehenden Sonne erreichen wir Sottinzy. Grabstätten aus dem 17. Jahrhundert zeugen hier von den Traditionen der Jakuten. Man kann sich ein wenig wie ein Nomade fühlen, Sommer-Jurte und Winterhaus besichtigen. Und man kann spartanisch übernachten, mit Eiskristallen am Schlafzimmerboden und einem Donnerbalken draussen auf dem Hof, zwanzig Meter vom Haus entfernt.

Fettiges Essen und Zwiebellook

Im Gästehaus tischt Warwara Deftiges auf: Rentier-Suppe. Salamat, eine leicht salzige Creme aus Mehl und Fett. Pelmeni, also gefüllte Teigtaschen. Fett und kalorienreich, sagt Warwara, so friere ein Jakute nicht.

Alle schlürfen genüsslich. Ein älterer Mann am Tisch, Alexander, erzählt von früheren Zeiten. Als er einmal bei minus 68 Grad kaum mehr atmen konnte und die Stille ohrenbetäubend war. Er prahlt nicht damit, die Eiseskälte ist für Jakuten ganz normal. So mancher ist sogar den ganzen Tag draussen. Roma etwa, der von früh bis spät auf dem Bauernmarkt in Jakutsk seine steif gefrorenen Fische anpreist. Hilft ihm Wodka dabei, warm zu bleiben? «Wodka trinke ich nur, wenn ich genervt bin. Macht das Blut dünner.»

Roma setzt auf Zwiebellook: viele Lagen übereinander, Daunenjacke, dicke Stiefel aus Elch-Leder. Seine Fellmütze ist voller kleiner Eiszapfen. Er lacht, die tauen schon wieder auf.

«  Wodka trinke ich nur, wenn ich genervt bin. Macht das Blut dünner. »

Roma
Fischverkäufer in Jakutsk


«Das war eine Grenzerfahrung»: Gespräch mit Birgit Schmeitzner

21 min, aus Zwischen den Schlagzeilen vom 16.03.2016

Bis zu 100 Grad Temperatur-Unterschied

Und im Sommer ist es dann ohnehin schön warm. Das ewige Frieren und Auftauen ist auch ein Thema für die Bauindustrie, schliesslich hat man aufs Jahr gesehen einen Temperaturunterschied von hundert Grad, sagt Stadtarchitektin Irina Alexejewa: Im Sommer wird es sehr heiss, bis 40 Grad, im Winter minus 60 Grad.

Die älteren Häuser in der Stadt sind deshalb krumm und schief im Permafrostboden eingesunken. Die neuen werden auf Stelzen gestellt, die metertief im Boden verankert sind. Gebaut wird viel, Jakutsk wächst, auch die jungen Leute bleiben. Oder kommen zurück – wie Ajar, der viel gereist ist, als ihm durch die Perestroika plötzlich die Welt offen stand. «Als ich dann in Moskau war, war es für mich eine Überraschung, dass ich so ein Heimweh habe.»

Nach der weiten Landschaft, nach dem großen Fluss Lena, der im Winter dick zugefroren ist und dann von vielen Lastern befahren wird. Bis im April die dicke Eisschicht zu schmelzen beginnt und sich schliesslich in Schollen auflöst. Ein Ereignis: «Alle Leute warten auf den Eisgang. Das ist ein Symbol, dass der Winter vorbei ist, dass Frühling und Sommer kommen.» Bis zum Oktober, wenn der Frost wieder einkehrt in der kältesten Grossstadt der Welt.

Klimadiagramm Jakutsk (2015)

Birgit Schmeitzner

Birgit Schmeitzner

zvg

Die deutsche Journalistin arbeitet seit Jahrzehnten für verschiedene Medien; vor allem fürs Radio. Aktuell berichtet sie aus Moskau.