Syrien: «Eine Schande für die Welt»

Das Tauziehen um die Macht in Syrien hat inzwischen einen Drittel des syrischen Volkes in die Flucht geschlagen. Die Vertriebenen werden zunehmend zum Kanonenfutter einer politisch paralysierten Weltgemeinschaft. Die schlimmsten Verlierer sind die nahezu zwei Millionen entwurzelten Kinder.

Ein Mann an Krücken geht durch eine riesige Zeltstadt. Am Himmel hängen dunkle Wolken.

Bildlegende: 150'000 Flüchtlinge vegetieren allein im jordanischen Lager Zaatari. Die meisten von ihnen haben alles verloren. Keystone

Die 17jährige Aya ist vor einem Monat aus ihrer Heimat geflohen. Kürzlich hat sie die Heirats-Brokerin Um Majed an einen 70jährigen Saudi verkauft. Für 3500 Dollar. Der alte Mann hat sie entjungfert und dann weggeschickt. Die Schande bringt Aya fast um den Verstand. Für ihre Familie indes war es die einzige Möglichkeit zu überleben.

Vergessenes Volk

Ayas Elend ist bezeichnend für die Situation des gesamten syrischen Volkes. Nach Schätzung der Uno ist ein Drittel aller Syrer auf der Flucht. Vor Assads Schergen. Vor den inzwischen über hundert Rebellen-Milizen. Hunderttausende Familien leben in Notunterkünften innerhalb Syriens oder in Flüchtlingslagern und Gemeinden in den Nachbarländern. Unzählige Kinder sind darunter, die auf der Flucht von ihren Eltern getrennt worden sind.

Vor allem die Flüchtlinge in den grossen Lagern im angrenzenden Ausland geniessen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Und damit jene von Hilfsorganisationen. Die rund 4 Millionen Vertriebenen im eigenen Land sind weitgehend auf sich selbst gestellt.

Portrait von Kurt Pelda im SRF Radio Studio.

Bildlegende: Kriegsberichterstatter Kurt Pelda hält das Versagen westlicher Hilfswerke in Syrien für exemplarisch. SRF

Für den freien Journalisten, Kriegsberichterstatter und Syrienkenner Kurt Pelda ist ihre Situation «eine Schande für die zivilisierte Welt». Der Journalist bewegt sich seit bald dreissig Jahren auf Kriegsschauplätzen. «Eine derart drastische Absenz westlicher Hilfsorganisationen habe ich noch nirgends erlebt», sagt Pelda im Interview mit SRF News Online.

Für Pelda ist klar: Die Hilfsorganisationen meiden Einsätze im Land selbst, weil sie Angst haben, sich in diesem zunehmend unübersichtlichen Konflikt die Finger zu verbrennen.

Der Krieg wird immer brutaler

Karl Schuler vom Schweizerischen Roten Kreuz SRK bestätigt Peldas Sicht. Zumindest in ihrem Kern. Für ihn wiederspiegelt das Fehlen der Hilfswerke aber letztlich vor allem das Scheitern der internationalen Politik.

Zwei IKRK-Mitarbeiter kleben eine Folie mit dem Organisations-Emblem auf ein Transportflugzeug.

Bildlegende: Dank jahrelanger Vertrauensarbeit gehört das IKRK zu den wenigen in Syrien selbst aktiven Hilfswerken. Keystone

In Syrien stossen die Hilfswerke laut Schuler auf zwar konkurrierende aber dennoch aktive Machtstrukturen. In strukturell entkernten Bürgerkriegs-Staaten wie Somalia können Hilfswerke vergleichsweise unkompliziert operieren. In Syrien wachen demgegenüber die einzelnen Konfliktparteien mit Argusaugen darauf, wem welche Hilfe zuteil wird. «Hinzu kommt», so Schuler, «dass viele dieser intern Vertriebenen schwer zu erreichen sind.» Sie sind über das ganze Staatsgebiet verstreut. Untergekommen bei Verwandten auf dem Land, in einem verborgenen Lager oder auch ständig in Bewegung.

Ihre Lage wird zudem täglich prekärer. Denn die Zahl der Akteure nimmt ständig zu. Nach Meinung des Syrienkenners Pelda werden dadurch auch die Koalitionen zwischen den verschiedenen Rebellen-Milizen immer unübersichtlicher. In diesem Orientierungs-Vakuum agieren die Akteure zunehmend brutaler. Jeder will sich Gehör verschaffen. Und die anderen der eigenen Entschlossenheit versichern. «Die Bevölkerung gerät dadurch zwischen Hammer und Amboss», sagt Pelda.

Kinder leiden am meisten

Auch die syrische Wirtschaft wird durch diese Radikalisierung ausgeblutet. Die Preise steigen. Knappe Güter wie Wasser, Strom oder Information werden noch knapper. Nicht nur im Gesundheitswesen fehlt es mehr und mehr an Personal.

Assads Truppen haben wiederholt medizinische Einrichtungen in Rebellengebieten zerstört. Die Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» unterhält inzwischen geheime Spitäler in diesen Gebieten. Bisweilen unter Lebensgefahr. 

Am schwierigsten ist die Situation für die Kinder. Viele Schulen seien zerstört oder zweckentfremdet, erklärt das Kinderhilfswerk Unicef auf Anfrage von SRF News Online. Zum Trauma über erlittene Gewalt gesellt sich Langweile und Frustration. Das vielerorts fehlende Wasser, die prekären sanitären Verhältnisse sowie die mangelnde medizinische Versorgung setzen den Jüngsten in Syrien besonders zu.

Der Konflikt gedeiht zum Flächenbrand. Auf der politischen Bühne ergeben sich die Mächtigen der Welt derweil weiter ihrem Eiertanz der Interessen. Und so dürfte die Heirats-Brokerin Um Majed auch in Zukunft gute Geschäfte machen. Manchmal auch mit erst 13jährigen Mädchen.

Die Vertriebenen

Bald sind 6 Millionen Syrer auf der Flucht. 455‘415 überleben im Libanon, 448‘370 in Jordanien, 322‘845 in der Türkei, 143‘177 in den Irak, 62‘000 in Ägypten und 10‘052 in anderen nordafrikanischen Ländern. 4,25 Millionen Menschen sind intern Vertriebene (Quelle: UNHCR, 8. Mai)