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International «Vermutlich beginnt der Staatsbankrott am Mittwoch»

Griechenland steht vor dem finanziellen Ruin, ein Staatsbankrott ist kein theoretisches Gedankenspiel mehr. Für Europa als Ganzes ist das aber nicht so dramatisch. Dieser Meinung ist Jürgen von Hagen, Professor für internationale Wirtschaftspolitik an der Universität Bonn.

Ein Plakat der EU-Fahne mit der Aufschrift «Nein», wobei der Buchstabe E geschrieben ist wie das Euro-Zeichen.
Legende: Griechenland müsse den Euro nicht unbedingt aufgeben, sagt Wirtschaftsprofessor Jürgen von Hagen. Keystone

SRF News: Die Griechenland-Krise dauert bereits fünf Jahre. Erleben wir nun den Anfang vom Ende?

Jürgen von Hagen: Wir erleben den Anfang vom Ende der Hilfsprogramme. Das ist aber nicht so dramatisch. Denn nach fünf Jahren haben wir nun gelernt, dass die in dieser Zeit angewandten Programme nicht funktionieren. Jetzt müssen neue Wege gesucht werden.

Die angewandten Hilfsprogramme funktionieren nicht. Es müssen neue Wege gesucht werden.

Griechenland steht vor dem finanziellen Ruin. Ist ein Staatsbankrott nun kein theoretisches Spiel mehr?

Vermutlich wird der Staatsbankrott am kommenden Mittwoch beginnen, wenn sich herausgestellt, dass Griechenland seinen Verpflichtungen gegenüber dem Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht mehr nachkommen kann. Das Land wird wohl auch die Zahlungen an die Europäische Zentralbank (EZB) und an andere Schuldner nicht überweisen können, was dann den Staatsbankrott bedeutet.

Muss Griechenland den Euro aufgeben?

Nein, nicht unbedingt. Es gibt Alternativen: Die griechische Regierung könnte beispielsweise den Euro weiter als Währung benutzen, dabei aber auf eine eigenen Geldpolitik verzichten. Eine andere Option wäre, den Euro zu behalten und gleichzeitig die Staatsausgaben durch ein internes Zahlungsmittel zu finanzieren. Schliesslich könnte Griechenlands Zentralbank auch den internen Zahlungsverkehr weiter mit einer Währung durchführen, die zwar Euro heisst, im Ausland aber nicht mehr verwendet werden kann.

Es zeigt sich nun, dass alle die Regeln einhalten müssen. Das ist grundsätzlich gut für Europa.

Wäre es für Europa schlimm, wenn Griechenland den Euro aufgeben müsste?

Da gehen die Meinungen auseinander. Es zeigt sich nun, dass alle die Regeln einhalten müssen. Das ist grundsätzlich gut für Europa. Denn eine Gemeinschaft, die sich von einem einzelnen Mitgliedsland erpressen lässt, kann auf die Dauer nicht funktionieren.

Was würde ein Bankrott Griechenlands für Europa bedeuten?

Griechenland ist wirtschaftlich nicht bedeutend genug, um Europa als ganzes in Schieflage zu bringe. Zudem befinden die griechischen Staatsschulden fast ausschliesslich im Besitz von öffentlichen Schuldnern. Ein Bankrott würde also in erster Linie Staaten betreffen und nicht private Banken und Schuldner. Der unmittelbare volkswirtschaftliche Schaden wäre somit zunächst einmal begrenzt.

Ein Bankrott würde in erster Linie Staaten betreffen und nicht private Banken und Schuldner.

Muss die EU nun grundsätzlich über die Bücher, um Fälle wie Griechenland künftig zu vermeiden?

Ja. Der vor fünf Jahren gewählte Ansatz, einem Staat in Verbindung mit sogenannten Reformprogrammen weiter Kredite zu geben, muss überdacht werden. Das Beispiel Griechenland hat gezeigt, dass wir über die Volkswirtschaft dieses Landes viel zu wenig wussten, um zu sagen, welche Massnahmen sie wieder in Schwung bringen könnten. Es wäre vernünftiger gewesen, schon vor fünf Jahren ein geordnetes Konkursverfahren einzuleiten. Das wird wohl auch der Weg sein, den die Euro-Gruppe künftig wählen wird.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

(amka;krua)

Jürgen von Hagen

Der Professor für Volkswirtschaftslehre ist Direktor des Instituts für Internationale Wirtschaftspolitik an der Universität in Bonn. Er forscht unter anderem zu Fragen der Geldpolitik und der europäischen Integration.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstner, Reinach
    Vermutlich, eventuell...im Grunde ist doch schon alles klar. Wie in einem Theaterstück, Nach dem 1. Akt steht die Antwort. Aber es muss weitergespielt werden, der Zuschauer muss unterhalten werden und alles wird immer wieder durchleuchtet , aber am Schluss Ist es die Antwort nach dem 1. Akt.
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  • Kommentar von H. Bernoulli, Zürich
    "Zudem befinden die griechischen Staatsschulden fast ausschliesslich im Besitz von öffentlichen Schuldnern." Auch hier: die Gewinne wurden privatisiert, die Kosten sozialisiert. Zu Beginn der Krise waren noch viele Banken und Private Besitzer von Staatsanhleihen. In den 5 Jahren der Konkursverschleppung haben die Privaten ihre Staatsanleihen abgestossen an die öffentlichen Institutionen, allen voran an die EZB. Die Risiken einer Griechenlanpleite wurden so auf die Steuerzahler abgewälzt.
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  • Kommentar von Marcus Thomas, St. Gallen
    Nun ja, dass man das Geld nie wieder oder nur zum kleinen Teil wieder sieht, war den Meisten von Anfang an klar, nur den Regierungen der Geldgebenden Staaten nicht oder sie haben es bewusst verdrängt. Nun haben wir den Salat.
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